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Chi-Quadrat-Test in der Genetik

Vertiefung zum ThemaWahrscheinlichkeit in der Genetik

Erwartet waren 3 : 1, gezählt hast du 705 zu 224. Passt das noch – oder steckt hinter der Abweichung mehr als Zufall? Genau diese Frage beantwortet der Chi-Quadrat-Test. Er gehört in der Oberstufe zum Standardwerkzeug, wenn Kreuzungsergebnisse ausgewertet werden.

Einfach erklärt

Diese Seite vertieft das Thema Wahrscheinlichkeit in der Genetik. Bei einer Kreuzung erwartest du zum Beispiel 3 : 1. Gezählt hast du aber 705 zu 224. Kleine Abweichungen sind normal. Sie entstehen durch Zufall. Der Chi-Quadrat-Test prüft: Ist die Abweichung noch Zufall?

Zuerst stellst du eine Nullhypothese auf. Das ist eine Annahme. Sie sagt: Die Zahlen passen zum Verhältnis. Dann berechnest du die erwarteten Zahlen. Aus den Abweichungen berechnest du einen Wert. Diesen Wert vergleichst du mit einem kritischen Wert aus einer Tabelle.

Das Wichtigste:

  • Dein Wert ist kleiner? Dann behältst du die Annahme.
  • Dein Wert ist größer? Dann verwirfst du die Annahme.
  • Rechne immer mit gezählten Zahlen, nie mit Prozenten.
  • Der Test zeigt nur: Die Daten sprechen gegen die Annahme oder nicht.

Merke: Der Chi-Quadrat-Test kann eine Annahme verwerfen, aber nie beweisen.

Kurz gesagt

Der Chi-Quadrat-Test in der Genetik prüft, ob beobachtete Anzahlen (B) so stark von den nach einer Hypothese erwarteten Anzahlen (E) abweichen, dass Zufall als Erklärung unwahrscheinlich wird. Du berechnest χ² = Σ (B − E)² : E und vergleichst mit einem kritischen Wert. Bei α = 0,05 sind das 3,84 (1 Freiheitsgrad), 5,99 (2) und 7,81 (3). Liegt χ² darunter, wird die Hypothese nicht verworfen.

Das lernst du hier

  • eine Nullhypothese für ein Kreuzungsergebnis formulieren,
  • Erwartungswerte, χ² und Freiheitsgrade berechnen,
  • das Ergebnis mit kritischen Werten auswerten,
  • die Aussagekraft eines Tests kritisch beurteilen.

Wozu ein Chi-Quadrat-Test in der Genetik?

Kreuzungsergebnisse treffen ein erwartetes Verhältnis fast nie exakt. Das liegt am Zufall: Welche Keimzellen zusammentreffen, ist bei jeder Befruchtung neu ausgewürfelt. Kleine Abweichungen sind deshalb normal. Große Abweichungen können dagegen ein Hinweis sein, dass die Hypothese nicht stimmt – etwa weil zwei Gene gekoppelt sind oder ein Genotyp schlechter überlebt.

Der Test arbeitet mit einer Nullhypothese (H0): „Die Daten folgen dem erwarteten Verhältnis, Abweichungen sind zufällig.“ Vorher legst du fest, welche Irrtumswahrscheinlichkeit du akzeptierst, das Signifikanzniveau α. In der Biologie üblich ist α = 0,05, also 5 %. Die Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung dahinter stehen auf der Seite Mathematik und Biologie.

Chi-Quadrat-Test Schritt für Schritt: Mendels dihybride Kreuzung

Mendel kreuzte gelb-runde mit grün-runzligen Erbsen und erhielt in der F2 insgesamt 556 Samen. Nach der dihybriden Kreuzung erwartet man 9 : 3 : 3 : 1.

  1. 1. Nullhypothese aufstellenH0: Die F2 spaltet im Verhältnis 9 : 3 : 3 : 1; die Abweichungen sind zufällig.
  2. 2. Erwartungswerte berechnenGesamtzahl mal Anteil: 556 · 9/16 = 312,75; 556 · 3/16 = 104,25 (zweimal); 556 · 1/16 = 34,75.
  3. 3. Für jede Klasse (B − E)² : E berechnenSiehe Tabelle. Immer mit absoluten Anzahlen rechnen, nie mit Prozenten.
  4. 4. Summierenχ² = 0,016 + 0,101 + 0,135 + 0,218 ≈ 0,47.
  5. 5. Freiheitsgrade bestimmenAnzahl der Klassen minus 1: 4 − 1 = 3.
  6. 6. Vergleichen und entscheidenKritischer Wert bei 3 Freiheitsgraden und α = 0,05: 7,81. Da 0,47 < 7,81, wird H0 nicht verworfen.
Phänotypbeobachtet Berwartet E(B − E)² : E
gelb, rund315312,750,016
gelb, runzlig101104,250,101
grün, rund108104,250,135
grün, runzlig3234,750,218
Summe556556χ² ≈ 0,47
Chi-Quadrat-Verteilung mit drei Freiheitsgraden Kurve der Chi-Quadrat-Verteilung für drei Freiheitsgrade. Sie steigt von null schnell an, erreicht bei etwa 1 ihr Maximum und fällt dann lang gezogen ab. Rechts vom kritischen Wert 7,81 ist die Fläche markiert; sie umfasst 5 Prozent und ist der Verwerfungsbereich. Mendels Wert 0,47 liegt weit links im Bereich, in dem die Nullhypothese beibehalten wird. 02468101214 χ²-Wert kritischer Wert 7,81bei 3 Freiheitsgraden, α = 5 % H₀ verwerfen(5 % der Fläche) Mendel: χ² = 0,47 H₀ beibehalten(95 % der Fläche)
Abb. 1: Chi-Quadrat-Verteilung mit drei Freiheitsgraden. So wären die χ²-Werte verteilt, wenn H0 stimmt und man das Experiment sehr oft wiederholt. Nur 5 % der Werte liegen rechts vom kritischen Wert 7,81. Mendels Wert 0,47 liegt weit im Bereich, in dem H0 beibehalten wird.

Kritische Werte und Freiheitsgrade

Die Freiheitsgrade (df) geben an, wie viele Klassen frei variieren können, wenn die Gesamtzahl feststeht. Bei einem vorgegebenen Verhältnis gilt: df = Anzahl der Klassen − 1. Ein 3 : 1-Verhältnis hat also 1 Freiheitsgrad, 1 : 2 : 1 hat 2, und 9 : 3 : 3 : 1 hat 3. Je mehr Freiheitsgrade, desto größer darf χ² zufällig werden, und desto höher liegt der kritische Wert.

Freiheitsgrade12345
α = 0,053,845,997,819,4911,07
α = 0,016,639,2111,3413,2815,09

Merke

χ² = Σ (B − E)² : E, Freiheitsgrade = Klassen − 1. Ist χ² kleiner als der kritische Wert, wird H0 nicht verworfen. Ist χ² größer, wird H0 verworfen – die Abweichung ist bei α = 0,05 signifikant.

Das Ergebnis richtig deuten

„Nicht verworfen“ heißt nicht „bewiesen“. Ein kleiner χ²-Wert zeigt nur, dass die Daten nicht gegen die Hypothese sprechen. Andere Hypothesen könnten genauso gut passen, besonders bei kleinen Stichproben.

Ein signifikantes Ergebnis verlangt nach einer Erklärung. Ein Beispiel ist eine Testkreuzung bei der Taufliege mit den Zahlen 965, 944, 206 und 185. Bei unabhängiger Vererbung erwartet man 1 : 1 : 1 : 1, also je 575. Das ergibt χ² ≈ 1003 – weit über 7,81. Die Nullhypothese wird verworfen. Die biologische Erklärung: Die beiden Gene liegen gekoppelt auf demselben Chromosom. Der Test sagt also nur, dass etwas nicht stimmt; warum, muss die Biologie beantworten. Weitere mögliche Ursachen sind schlechter lebensfähige Genotypen oder ein anderer Erbgang.

Wie man mit Wahrscheinlichkeiten die Erwartungswerte überhaupt erst aufstellt, zeigt die Seite Produktregel und Summenregel.

Typische Fehler

  • Mit Prozenten rechnen: χ² hängt von der Stichprobengröße ab. Rechne immer mit den gezählten Anzahlen.
  • Freiheitsgrade falsch: Nicht die Zahl der Individuen, sondern die Zahl der Klassen minus 1.
  • „Die Hypothese ist bewiesen.“ Ein Test kann eine Hypothese nur verwerfen oder nicht verwerfen.
  • Zu kleine Erwartungswerte: Als Faustregel sollte jeder Erwartungswert mindestens 5 sein, sonst wird der Test unzuverlässig.
  • Quadrieren vergessen: Ohne Quadrat heben sich positive und negative Abweichungen auf – die Summe von B − E ist immer 0.
Vertiefung Oberstufe: Prüft eine Population das Hardy-Weinberg-Gleichgewicht?

Den Chi-Quadrat-Test kannst du auch in der Populationsgenetik einsetzen. In einer Stichprobe von 500 Menschen findet man zum Beispiel für die kodominante MN-Blutgruppe 145 MM, 240 MN und 115 NN. Daraus folgt p(M) = 0,53 und q(N) = 0,47.

Unter dem Hardy-Weinberg-Gleichgewicht erwartet man p² · 500 = 140,45 MM, 2pq · 500 = 249,1 MN und q² · 500 = 110,45 NN. Damit ergibt sich χ² = 4,55² : 140,45 + 9,1² : 249,1 + 4,55² : 110,45 ≈ 0,15 + 0,33 + 0,19 ≈ 0,67.

Jetzt kommt eine Besonderheit bei den Freiheitsgraden: Die Erwartungswerte wurden nicht aus einem vorgegebenen Verhältnis berechnet, sondern mit p, das selbst aus den Daten geschätzt wurde. Für jeden aus den Daten geschätzten Wert geht ein weiterer Freiheitsgrad verloren: df = 3 Klassen − 1 − 1 = 1. Der kritische Wert ist daher 3,84. Da 0,67 < 3,84, gibt es keinen Hinweis auf eine Abweichung vom Hardy-Weinberg-Gleichgewicht. Wie man mit dem Modell selbst rechnet, üben die Hardy-Weinberg-Aufgaben.

Fachbegriffe

Nullhypothese (H0)
Annahme, dass die Daten dem erwarteten Verhältnis folgen und Abweichungen zufällig sind.
Erwartungswert
Anzahl, die man bei gültiger Hypothese erwartet: Gesamtzahl mal erwarteter Anteil.
Freiheitsgrade
Zahl der Klassen, die frei variieren können; bei vorgegebenem Verhältnis Klassen minus 1.
Signifikanzniveau α
Vorher festgelegte Irrtumswahrscheinlichkeit, meist 0,05.
kritischer Wert
Grenzwert aus der χ²-Tabelle; wird er überschritten, wird H0 verworfen.
signifikant
Abweichung, die beim gewählten α nicht mehr als Zufall erklärt wird.

Aufgaben

AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen

  1. AFB INenne die Schritte eines Chi-Quadrat-Tests in der richtigen Reihenfolge.
    Lösung anzeigen

    Nullhypothese formulieren, Erwartungswerte berechnen, für jede Klasse (B − E)² : E berechnen, zu χ² summieren, Freiheitsgrade bestimmen, mit dem kritischen Wert vergleichen und entscheiden.

  2. AFB IIPrüfe Mendels Ergebnis zur Blütenfarbe: In der F2 (bei Mendel „erste Generation der Hybriden“) hatten von 929 Pflanzen 705 violett-rote und 224 weiße Blüten. Erwartet ist 3 : 1.
    Lösung anzeigen

    Gesamt 929. E: 929 · ¾ = 696,75 violett und 929 · ¼ = 232,25 weiß. χ² = 8,25² : 696,75 + 8,25² : 232,25 ≈ 0,098 + 0,293 ≈ 0,39. df = 1, kritischer Wert 3,84. Da 0,39 < 3,84, wird H0 (3 : 1) nicht verworfen.

  3. AFB IIPrüfe ein Ergebnis mit Wunderblumen (intermediärer Erbgang): In der F2 blühen 52 Pflanzen rot, 110 rosa und 38 weiß. Erwartet ist 1 : 2 : 1.
    Lösung anzeigen

    Gesamt 200. E: 50, 100, 50. χ² = 2² : 50 + 10² : 100 + 12² : 50 = 0,08 + 1,00 + 2,88 = 3,96. df = 2, kritischer Wert 5,99. Da 3,96 < 5,99, wird H0 nicht verworfen.

  4. AFB IIWerte aus: Eine Testkreuzung AaBb × aabb ergibt 412, 405, 88 und 95 Nachkommen in den vier Phänotypklassen. Prüfe die Hypothese 1 : 1 : 1 : 1 und deute das Ergebnis biologisch.
    Lösung anzeigen

    Gesamt 1000, E je 250. χ² = (162² + 155² + 162² + 155²) : 250 = 100.538 : 250 ≈ 402. df = 3, kritischer Wert 7,81. H0 wird klar verworfen. Zwei Klassen sind stark über-, zwei stark unterrepräsentiert – typisch für gekoppelte Gene: Die häufigen Klassen sind die Elterntypen, die seltenen entstehen durch Crossing-over.

  5. AFB IIIBeurteile die Schlussfolgerung einer Schülergruppe: „Wir haben 30 Pflanzen gezählt, 26 mit dominantem und 4 mit rezessivem Merkmal. χ² = 2,18 < 3,84 – damit ist bewiesen, dass ein 3 : 1-Erbgang vorliegt.“
    Lösung anzeigen

    Die Rechnung stimmt: E = 22,5 und 7,5, χ² ≈ 0,54 + 1,63 ≈ 2,18. Die Schlussfolgerung ist aber zu stark. Ein Test kann eine Hypothese nicht beweisen, nur nicht verwerfen. Bei nur 30 Pflanzen ist der Test zudem schwach: Auch ein Verhältnis von 7 : 1 würde mit diesen Zahlen nicht verworfen – es passt sogar besser (χ² ≈ 0,02). Richtig wäre: „Die Daten sprechen nicht gegen 3 : 1.“ Um verschiedene Hypothesen zu unterscheiden, braucht man deutlich größere Stichproben.

Weiterlernen

Quellen & Stand

  • Mendel, G.: Versuche über Pflanzen-Hybriden (1866). MendelWeb: Originaltext.
  • Kritische Werte der χ²-Verteilung: berechnet mit SciPy (scipy.stats.chi2), übereinstimmend mit gängigen Formelsammlungen.
  • Klug, W. S. u. a.: Concepts of Genetics, 12. Aufl., Pearson, Kap. 3 (Chi-square analysis).

Stand: Oktober 2026.

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