Genzukunft

Genetik verstehen · Zukunft mitdenken

Biologische Schädlingsbekämpfung

Schlupfwespen, kaum größer als ein halber Millimeter, gegen den Maiszünsler. Bakterien gegen Stechmückenlarven am Rhein. Millionen unfruchtbarer Fliegen gegen einen Parasiten, der Rinder bei lebendigem Leib frisst. Biologische Schädlingsbekämpfung setzt Lebewesen gegen Lebewesen ein – und manchmal auch Gentechnik.

Einfach erklärt

Biologische Schädlingsbekämpfung setzt Lebewesen gegen Lebewesen ein. Nützlinge – das sind natürliche Gegenspieler von Schädlingen. Marienkäferlarven fressen zum Beispiel Blattläuse. Winzige Schlupfwespen legen ihre Eier in die Eier von einem Schadfalter. Biologisch heißt aber nicht automatisch harmlos. Eingeführte Arten können selbst zur Plage werden.

Ein Bodenbakterium bildet ein Eiweiß gegen bestimmte Insektenlarven. Menschen und Vögel schadet es nicht. Mittel aus diesem Bakterium heißen Bt-Präparate. Sie sind sogar im Ökolandbau erlaubt.

Bei der Sterile-Insekten-Technik lässt man Millionen unfruchtbare Männchen frei. Strahlung macht sie vorher unfruchtbar. Die Weibchen bekommen dann keine Nachkommen. Eine Firma verändert Mücken auch gentechnisch. Bei ihnen sterben die weiblichen Nachkommen früh. Wie gut das wirkt, bewerten Fachleute unterschiedlich.

Merke: Biologische Schädlingsbekämpfung wirkt meist sehr gezielt und ohne breit wirkende Gifte.

Das lernst du hier

  • Du beschreibst Methoden der biologischen Schädlingsbekämpfung mit Beispielen.
  • Du erklärst, warum Bt-Präparate nur bestimmte Insekten töten.
  • Du erläuterst die Sterile-Insekten-Technik mithilfe eines Populationsmodells.
  • Du beschreibst gentechnisch veränderte Mücken und ihren aktuellen Einsatz.
  • Du beurteilst Chancen und Risiken der verschiedenen Verfahren.

Nützlinge gegen Schädlinge

Viele Schädlinge haben natürliche Gegenspieler, die Nützlinge. Marienkäfer- und Florfliegenlarven fressen Blattläuse, Raubmilben jagen Spinnmilben im Gewächshaus. Gegen den Maiszünsler werden in Deutschland winzige Schlupfwespen der Gattung Trichogramma ausgebracht: Sie legen ihre Eier in die Eier des Falters, die Wespenlarven fressen sie von innen auf. Solche Tiere nennt man Parasitoide.

„Biologisch“ heißt aber nicht automatisch harmlos. Der Asiatische Marienkäfer wurde in Europa zur Blattlausbekämpfung eingesetzt und breitet sich heute als invasive Art aus, die heimische Marienkäfer verdrängt. Die Aga-Kröte, 1935 in Australien gegen Zuckerrohrschädlinge ausgesetzt, wurde selbst zur Plage. Nützlinge müssen daher möglichst spezifisch sein und vor der Freilassung geprüft werden. Eine Übersicht, welche Arten gegen welche Schädlinge eingesetzt werden, bietet das Kapitel über Nützlinge.

Bakterien als Insektizid: Bt-Präparate

Das Bodenbakterium Bacillus thuringiensis (Bt) wurde 1911 von Ernst Berliner in Thüringen beschrieben – daher der Name. Bei der Sporenbildung erzeugt es Eiweißkristalle (Cry-Proteine), die für bestimmte Insektenlarven tödlich sind. Frisst eine Raupe das Protein, wird es in ihrem basischen Darm aktiviert, bindet an passende Rezeptoren und zerstört die Darmwand. Jedes Cry-Protein wirkt nur auf eine bestimmte Insektengruppe; Menschen, Vögel und die meisten anderen Insekten sind nicht betroffen.

Bt-Präparate werden seit Jahrzehnten gespritzt und sind auch im Ökolandbau erlaubt. Am Oberrhein bekämpft man seit den 1980er-Jahren Stechmückenlarven mit der Variante Bt israelensis. Da Sonnenlicht die Proteine schnell zerstört, muss oft nachgespritzt werden. Die Gentechnik bei Pflanzen löste dieses Problem auf eigene Weise: Bt-Mais bildet das Protein selbst – mit dem Nachteil, dass Schädlinge ständig damit in Kontakt kommen und leichter Resistenzen entwickeln.

Die Sterile-Insekten-Technik

Die Idee stammt vom US-Insektenforscher Edward Knipling: Man züchtet Millionen Insekten einer Schädlingsart, macht die Männchen durch radioaktive Strahlung unfruchtbar und lässt sie frei. Paart sich ein Wildweibchen mit einem sterilen Männchen, schlüpfen keine Nachkommen. Wird über mehrere Generationen freigelassen, bricht die Wildpopulation zusammen. Die Methode wirkt nur auf eine einzige Art und braucht kein Gift.

Modell der Sterile-Insekten-Technik Balkendiagramm über fünf Generationen: Eine Wildpopulation von 1.000 Insekten sinkt bei gleichbleibender Freilassung von 4.500 sterilen Männchen pro Generation auf 500, 132, 9 und schließlich null. Das Verhältnis steriler zu wilden Männchen steigt dabei von 9 zu 1 auf 18 zu 1, 68 zu 1 und 950 zu 1. Wildpopulation pro Generation (Modell) 05001.000 1.00050013290 Generation 0Generation 1Generation 2Generation 3Generation 4 steril : wild9 : 1steril : wild18 : 1steril : wild68 : 1steril : wild950 : 1Populationerloschen Annahmen: je Generation 4.500 sterileMännchen; ohne Bekämpfung würde sichdie Population verfünffachen.
Abb. 1: Warum die Sterile-Insekten-Technik immer stärker wirkt. Modellrechnung nach dem Prinzip von Knipling: Die Zahl der freigelassenen sterilen Männchen bleibt gleich, die Wildpopulation schrumpft – dadurch steigt das Verhältnis steril zu wild, und immer weniger Paarungen sind fruchtbar. Zahlen gerundet, Modell stark vereinfacht.

Berühmtestes Beispiel ist die Neuwelt-Schraubenwurmfliege, deren Larven sich in Wunden von Rindern und anderen warmblütigen Tieren ins lebende Gewebe fressen. Nach einem Pilotversuch 1954 auf der Karibikinsel Curaçao wurde sie mit sterilen Fliegen aus den USA (1982), Mexiko (1991) und ganz Mittelamerika bis Panama (2006) verdrängt. Seit 2023 breitet sie sich jedoch wieder von Panama nach Norden aus und hat Mexiko erreicht; die Produktion steriler Fliegen wird deshalb erneut ausgebaut. Auch gegen Fruchtfliegen und gegen die Tsetsefliege auf der Insel Sansibar wurde die Methode erfolgreich eingesetzt.

Merke

Biologische Schädlingsbekämpfung nutzt Nützlinge, Mikroorganismen wie Bacillus thuringiensis oder sterile Insekten. Sie wirkt meist sehr spezifisch und ohne breit wirkende Gifte. Die klassische Sterile-Insekten-Technik arbeitet mit Strahlung, nicht mit Gentechnik. Wie Massenzucht, Bestrahlung und Freilassung ablaufen, erklärt das Kapitel zur Sterile-Insekten-Technik.

Gentechnisch veränderte Mücken

Bei Stechmücken ist das Bestrahlen schwierig: Die Männchen werden dabei oft geschwächt und sind bei der Partnersuche weniger erfolgreich. Die britische Firma Oxitec hat deshalb Männchen der Gelbfiebermücke (Aedes aegypti) gentechnisch verändert. Sie tragen ein selbstlimitierendes Gen: Paaren sie sich mit Wildweibchen, sterben die weiblichen Nachkommen vor dem Erwachsenwerden. Weil nur Weibchen stechen und Krankheiten wie Dengue übertragen, sinkt die Zahl der Stechmücken. Freigelassen werden nur Männchen, die nicht stechen.

Brasilien erlaubte 2014 als erstes Land die kommerzielle Freisetzung, in den USA laufen seit 2021 Versuche in Florida, und im Mai 2024 wurden in Dschibuti erstmals in Afrika veränderte Mücken einer Malaria übertragenden Art freigelassen. Die Ergebnisse werden unterschiedlich bewertet: Auf den Kaimaninseln beendete die Regierung 2018 ein Projekt, weil es nicht die erhofften Ergebnisse gebracht habe; Oxitec widersprach und verwies auf eigene Daten. Als Alternative ohne Gentechnik werden in vielen Ländern Mücken mit dem Bakterium Wolbachia freigesetzt, das die Übertragung von Dengue-Viren hemmt.

Wusstest du?

Das erste Bt-Präparat kam schon 1938 in Frankreich auf den Markt – fast 60 Jahre bevor der erste Bt-Mais angebaut wurde. Entdeckt worden war das Bakterium zuerst 1901 in Japan als Erreger einer Krankheit von Seidenraupen.

Typische Fehler

  • „Biologische Schädlingsbekämpfung ist immer harmlos.“ Falsch – eingeführte Nützlinge wie der Asiatische Marienkäfer können selbst zum Problem werden.
  • „Sterile Insekten sind gentechnisch verändert.“ Meist falsch – die klassische Methode macht Insekten durch Strahlung unfruchtbar.
  • „Bei GV-Mücken werden stechende Mücken freigelassen.“ Falsch – freigelassen werden nur Männchen, die kein Blut saugen.
Gene Drive – wenn Vererbung die Regeln bricht

Nach den Mendelschen Regeln gibt ein mischerbiges Lebewesen ein Allel an etwa die Hälfte seiner Nachkommen weiter. Ein Allel ohne Vorteil breitet sich deshalb nicht von selbst aus. Ein Gene Drive hebelt diese Regel aus. Bei der CRISPR-Variante trägt das veränderte Chromosom die Bauanleitung für eine Genschere, die genau die passende Stelle auf dem unveränderten Partnerchromosom schneidet. Die Zelle repariert den Schnitt, indem sie die veränderte Version als Vorlage kopiert. Aus einem mischerbigen Tier wird so in den Keimzellen ein reinerbiges – und fast alle Nachkommen erben das Konstrukt.

Damit könnte sich eine Veränderung innerhalb weniger Generationen durch eine ganze Population ausbreiten, auch wenn sie den Tieren schadet. Forschende arbeiten zum Beispiel an Malariamücken, deren Weibchen unfruchtbar werden oder die den Malariaerreger nicht mehr übertragen können. Bisher wurden Gene Drives nur in Laborkäfigen getestet.

Gerade die Stärke ist auch das Risiko. Ein freigesetzter Gene Drive lässt sich kaum zurückholen und macht an Landesgrenzen nicht halt. Was passiert im Ökosystem, wenn eine Mückenart verschwindet? Können sich Resistenzen gegen den Drive entwickeln, etwa durch Mutationen an der Schnittstelle? Wer entscheidet über eine Freisetzung, die mehrere Länder betrifft? Diese Fragen werden in internationalen Gremien, unter anderem im Rahmen des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt, kontrovers diskutiert. Um die Risiken zu begrenzen, entwickeln Forschende auch Varianten, die nur örtlich wirken oder nach einigen Generationen von selbst auslaufen sollen. Ob das außerhalb des Labors zuverlässig funktioniert, ist noch offen.

Zum Vergleich: Die selbstlimitierenden Mücken von Oxitec sind kein Gene Drive. Ihr Gen verschwindet nach einigen Generationen wieder aus der Population, wenn keine neuen Mücken freigelassen werden. Genau darin unterscheiden sich die Risiken grundlegend.

Fachbegriffe

Nützling
Lebewesen, das Schädlinge frisst oder parasitiert, z. B. Marienkäfer oder Schlupfwespe.
Parasitoid
Insekt, dessen Larven sich in oder an einem Wirt entwickeln und ihn dabei töten.
Bt-Präparat
Pflanzenschutzmittel aus Bacillus thuringiensis oder seinen Cry-Proteinen.
Sterile-Insekten-Technik (SIT)
Massenfreilassung unfruchtbar gemachter Männchen, damit Wildweibchen keine Nachkommen bekommen.
Selbstlimitierendes Gen
Gentechnisch eingebautes Gen, das Nachkommen (bei Oxitec die Weibchen) absterben lässt und sich nicht dauerhaft ausbreitet.
Gene Drive
Genetisches System, das seine eigene Vererbung über 50 % hinaus erhöht und sich so in Populationen ausbreitet.
Invasive Art
Eingeführte Art, die sich stark ausbreitet und heimische Arten oder Ökosysteme schädigt.

Aufgaben

AFB I: wiedergebenAFB II: anwendenAFB III: beurteilen
  1. AFB INenne vier Methoden der biologischen Schädlingsbekämpfung mit je einem Beispiel.
    Lösung anzeigen
    Nützlinge (Trichogramma gegen Maiszünsler, Marienkäfer gegen Blattläuse); Mikroorganismen (Bt-Präparate gegen Raupen, Bt israelensis gegen Mückenlarven); Sterile-Insekten-Technik (Schraubenwurmfliege, Fruchtfliegen, Tsetsefliege); gentechnisch veränderte Insekten (Oxitec-Mücken).
  2. AFB IIErkläre mithilfe von Abb. 1, warum die Sterile-Insekten-Technik umso stärker wirkt, je kleiner die Wildpopulation wird.
    Lösung anzeigen
    Die Zahl freigelassener steriler Männchen bleibt gleich. Schrumpft die Wildpopulation, steigt das Verhältnis steril zu wild (9:1, 18:1, 68:1, 950:1). Damit sinkt der Anteil fruchtbarer Paarungen immer weiter; die Population bricht immer schneller zusammen – anders als bei Insektiziden, deren Wirkung pro Tier gleich bleibt.
  3. AFB IIErläutere, warum Bt-Präparate im Ökolandbau erlaubt sind, und vergleiche ihren Einsatz mit Bt-Mais.
    Lösung anzeigen
    Bt ist ein natürlich vorkommendes Bakterium, seine Proteine wirken spezifisch und werden durch Sonnenlicht schnell abgebaut. Bt-Präparate wirken nur kurz nach dem Spritzen. Bt-Mais bildet das Protein ständig selbst, auch an Stellen, die Spritzmittel nicht erreichen (im Stängel) – sehr wirksam, aber mit dauerhaftem Selektionsdruck und daher höherem Resistenzrisiko; zudem ist er gentechnisch verändert und damit im Ökolandbau verboten.
  4. AFB IIVergleiche die klassische Sterile-Insekten-Technik mit den Oxitec-Mücken.
    Lösung anzeigen
    Gemeinsam: Freilassung von Männchen einer Art, Wildweibchen bekommen keine (überlebenden weiblichen) Nachkommen, artspezifisch, ohne Gift. Unterschiede: SIT macht unfruchtbar durch Strahlung (keine Gentechnik), Oxitec nutzt ein eingebautes Gen; bei Oxitec überleben männliche Nachkommen und tragen das Gen einige Generationen weiter. Rechtlich gelten Oxitec-Mücken als GVO.
  5. AFB IIIRegierung und Herstellerfirma bewerteten das Mückenprojekt auf den Kaimaninseln unterschiedlich. Beurteile, welche Daten du bräuchtest, um selbst zu entscheiden, ob es funktioniert hat, und wer sie erheben sollte.
    Lösung anzeigen
    Nötig: Mückenzahlen (z. B. Eifallen) in Freisetzungs- und Vergleichsgebieten vor, während und nach dem Projekt; idealerweise Daten zu Dengue-Fällen; Kosten im Vergleich zu anderen Methoden. Erheben sollten sie unabhängige Stellen (Behörden, Universitäten) mit vorher festgelegten Methoden; die Ergebnisse sollten veröffentlicht und überprüfbar sein. Daten nur des Herstellers oder nur politische Aussagen reichen nicht.

Weiterlernen

Quellen & Stand

Stand: Oktober 2026.

Diese Website setzt nur technisch notwendige Cookies. Die Reichweitenmessung mit Matomo läuft ohne Cookies auf unserem eigenen Server.