Genzukunft

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Dihybrider Erbgang: 9 : 3 : 3 : 1 Schritt für Schritt

Vertiefung zum ThemaUnabhängigkeitsregel

Zwei Merkmale, zwei Genpaare, 16 Kästchen: Beim dihybriden Erbgang verlieren viele in der Klausur den Überblick, obwohl jeder einzelne Schritt einfach ist. Mit einer festen Reihenfolge und einer Rechen-Abkürzung löst du jede Aufgabe sicher – auch ohne jedes Mal das große Quadrat zu zeichnen.

Kurz gesagt

Beim dihybriden Erbgang verfolgst du zwei Merkmale gleichzeitig, die von zwei Genen auf verschiedenen Chromosomen bestimmt werden. Ein Lebewesen, das für beide Gene mischerbig ist (AaBb), bildet vier Sorten Keimzellen zu je einem Viertel. Kreuzt man zwei solche Lebewesen, entstehen 16 gleich wahrscheinliche Kombinationen mit 9 Genotypen und 4 Phänotypen im Verhältnis 9 : 3 : 3 : 1.

Das lernst du hier

  • einen dihybriden Erbgang in fünf festen Schritten durchführen,
  • die Keimzellen mit dem Gabelschema ableiten und ein 16er-Kombinationsquadrat auswerten,
  • Anteile einzelner Genotypen und Phänotypen mit der Produktregel berechnen,
  • aus einem Zahlenverhältnis der Nachkommen auf die Genotypen der Eltern schließen.

Dihybrider Erbgang: Was ist anders als bei einem Merkmal?

Bei einem monohybriden Erbgang betrachtest du ein einziges Gen mit zwei Allelen, zum Beispiel Gg bei der Samenfarbe der Erbse. Beim dihybriden Erbgang („di“ = zwei) kommen zwei Gene gleichzeitig ins Spiel. Jedes Lebewesen trägt dann zwei Allelpaare, und jede Keimzelle bekommt von jedem Gen genau ein Allel.

Damit am Ende das bekannte 9 : 3 : 3 : 1 herauskommt, müssen drei Bedingungen erfüllt sein: Die beiden Gene liegen auf verschiedenen Chromosomen (sie sind nicht gekoppelt), bei beiden Genen ist ein Allel vollständig dominant, und alle Nachkommen sind gleich lebensfähig. Die erste Bedingung ist der Kern der 3. Mendelschen Regel (Unabhängigkeitsregel): Weil sich die Chromosomenpaare in der Meiose unabhängig voneinander verteilen, sagt das Allel des einen Gens nichts darüber aus, welches Allel des anderen Gens in dieselbe Keimzelle gelangt.

Als Beispiel dient hier die Taufliege Drosophila melanogaster, das klassische Versuchstier der Genetik. Zwei ihrer Gene eignen sich gut, weil sie auf verschiedenen Chromosomen liegen: das Gen ebony für die Körperfarbe auf Chromosom 3 und das Gen vestigial für die Flügelform auf Chromosom 2.

Gen (Chromosom)dominantes Allelrezessives Allel
Körperfarbe, ebony (3)E: graubrauner Körper (Wildtyp)e: dunkler Körper
Flügelform, vestigial (2)V: lange Flügel (Wildtyp)v: Stummelflügel

In der Fachliteratur schreibt man das Wildtyp-Allel oft mit einem Pluszeichen (e+, vg+). Für das Rechnen genügen hier Groß- und Kleinbuchstaben.

Schritt für Schritt: die Kreuzung EeVv × EeVv

Gekreuzt werden zunächst reinerbige Wildtyp-Fliegen (EEVV) mit reinerbigen dunklen Fliegen mit Stummelflügeln (eevv). Alle Nachkommen der F1 sind EeVv und sehen aus wie der Wildtyp. Spannend wird es, wenn du zwei dieser F1-Fliegen miteinander kreuzt:

  1. 1. Allele und Erbgang notierenSchreibe für jedes Gen auf, welches Allel dominant ist und welcher Buchstabe wofür steht. Das verhindert später Verwechslungen zwischen den Merkmalen.
  2. 2. Genotypen der Eltern festlegenHier: EeVv × EeVv. Bei Textaufgaben musst du die Genotypen oft erst aus den Angaben erschließen, etwa aus „reinerbig“ oder aus dem Aussehen der Großeltern.
  3. 3. Keimzellen bildenJede Keimzelle erhält ein Allel pro Gen. Kombiniere jedes Allel des ersten Gens mit jedem Allel des zweiten: EV, Ev, eV, ev – jede Sorte zu einem Viertel (Abb. 1, links).
  4. 4. Kombinationsquadrat zeichnenTrage die vier Keimzellsorten der Mutter an die Zeilen und die vier des Vaters an die Spalten. Jedes der 16 Felder ist gleich wahrscheinlich (1/16).
  5. 5. AuswertenZähle zuerst die Genotypen, fasse sie dann zu Phänotypen zusammen und gib das Verhältnis an.
KeimzellenEVEveVev
EVEEVVEEVvEeVVEeVv
EvEEVvEEvvEeVvEevv
eVEeVVEeVveeVVeeVv
evEeVvEevveeVveevv

Ein Tipp für saubere Quadrate: Schreibe in jedem Feld zuerst die beiden Allele des ersten Gens, dann die des zweiten, und das Großbuchstaben-Allel immer vorn. So erkennst du gleiche Genotypen auf einen Blick, etwa die vier Felder mit EeVv auf der Diagonalen von rechts oben nach links unten.

Neun Genotypen, vier Phänotypen: die F2 auswerten

Zählst du die Felder aus, findest du neun verschiedene Genotypen. Sie lassen sich zu vier Phänotypklassen zusammenfassen. Ein Unterstrich steht dabei für „beliebiges zweites Allel“: E_ bedeutet EE oder Ee.

PhänotypGenotypen (Anzahl Felder)Anteilerwartet bei 320 Fliegen
graubraun, lange FlügelEEVV (1), EEVv (2), EeVV (2), EeVv (4)9/16180
graubraun, StummelflügelEEvv (1), Eevv (2)3/1660
dunkel, lange FlügeleeVV (1), eeVv (2)3/1660
dunkel, Stummelflügeleevv (1)1/1620

Zwei der vier Phänotypen gab es bei den Großeltern nicht: graubraune Fliegen mit Stummelflügeln und dunkle Fliegen mit langen Flügeln. Das sind die Neukombinationen. Beachte außerdem: Nur eines der 16 Felder ist für beide dominanten Merkmale reinerbig (EEVV). Unter den 9 Wildtyp-Fliegen ist also nur jede neunte reinerbig. Am Aussehen erkennst du sie nicht – dafür brauchst du eine Testkreuzung mit eevv.

Die erwarteten Zahlen sind Durchschnittswerte. Bei echten Kreuzungen weichen die Zählungen durch Zufall etwas ab. Ob eine Abweichung noch im Rahmen liegt, prüfst du mit dem Chi-Quadrat-Test.

Abkürzung: dihybride Kreuzungen mit der Produktregel rechnen

Das 16er-Quadrat ist anschaulich, aber langsam. Weil die beiden Gene unabhängig voneinander vererbt werden, kannst du jedes Gen für sich betrachten und die Wahrscheinlichkeiten anschließend multiplizieren. Das ist die Produktregel: Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei unabhängige Ereignisse zusammen eintreten, ist das Produkt der Einzelwahrscheinlichkeiten.

Gabelschema für den dihybriden Erbgang Links: Eine Fliege mit dem Genotyp EeVv gibt E oder e weiter, und jedes dieser Allele kann mit V oder v kombiniert werden. So entstehen die Keimzellen EV, Ev, eV und ev zu je einem Viertel. Rechts: Bei der Kreuzung EeVv mal EeVv ist der Körper mit Wahrscheinlichkeit drei Viertel graubraun und ein Viertel dunkel, die Flügel sind mit drei Viertel lang und ein Viertel Stummelflügel. Multipliziert man entlang der Pfade, ergeben sich 9/16 graubraun und lang, 3/16 graubraun mit Stummelflügeln, 3/16 dunkel und lang und 1/16 dunkel mit Stummelflügeln. 1. Keimzellen eines EeVv-Tiers 2. Phänotypen bei EeVv × EeVv EeVv E e V v V v EVEveVev 1/41/41/41/4 KörperfarbeFlügelKeimzelle graubraun 3/4 dunkel 1/4 lang 3/4 Stummel 1/4 lang 3/4 Stummel 1/4 3/4 · 3/4 = 9/16 3/4 · 1/4 = 3/16 1/4 · 3/4 = 3/16 1/4 · 1/4 = 1/16 graubraun, lang graubraun, Stummel dunkel, lang dunkel, Stummel KörperfarbeFlügelProdukt
Abb. 1: Gabelschema für den dihybriden Erbgang. Links entstehen die vier Keimzellsorten einer doppelt mischerbigen Fliege. Rechts werden die Phänotyp-Wahrscheinlichkeiten beider Gene getrennt bestimmt (je 3 : 1) und entlang jedes Pfads multipliziert. Das Ergebnis entspricht dem 16er-Quadrat: 9 : 3 : 3 : 1.

Mit dieser Methode beantwortest du auch Fragen nach einzelnen Genotypen in Sekunden. Wie wahrscheinlich ist eine Fliege mit dem Genotyp EeVv? Bei Ee × Ee ist Ee mit 1/2 zu erwarten, bei Vv × Vv ebenso Vv mit 1/2. Zusammen: 1/2 · 1/2 = 1/4 – genau die 4 von 16 Feldern im Quadrat. Richtig stark wird die Abkürzung bei Kreuzungen, in denen die Eltern verschiedene Genotypen haben. Für EeVv × Eevv gilt: Körper 3/4 graubraun und 1/4 dunkel, Flügel (Vv × vv) 1/2 lang und 1/2 Stummel. Daraus folgt 3/8 : 3/8 : 1/8 : 1/8, also 3 : 3 : 1 : 1.

KreuzungGen 1Gen 2Phänotyp-Verhältnis
AaBb × AaBb3 : 13 : 19 : 3 : 3 : 1
AaBb × Aabb3 : 11 : 13 : 3 : 1 : 1
AaBb × aabb (Testkreuzung)1 : 11 : 11 : 1 : 1 : 1
AABb × aaBballe A_3 : 13 : 1

Merke

Bei ungekoppelten Genen rechnest du jedes Gen einzeln aus und multiplizierst die Ergebnisse. Ein Lebewesen, das für n Gene mischerbig ist, bildet 2n Keimzellsorten: zwei Gene ergeben 4, drei Gene schon 8 Sorten und ein Quadrat mit 64 Feldern.

Typische Fehler

  • Keimzellen doppelt zählen: EEVv bildet nicht vier, sondern nur zwei Sorten Keimzellen, nämlich EV und Ev (je 1/2).
  • „9/16 der F2 sind reinerbig dominant“: Falsch. 9/16 zeigen beide dominanten Merkmale, reinerbig (EEVV) ist davon nur 1/16 aller Nachkommen.
  • Die 16 Felder als 16 Kinder lesen: Die Felder geben Wahrscheinlichkeiten an. Bei 16 Nachkommen ist eine Verteilung von genau 9 : 3 : 3 : 1 eher Glückssache.
  • 9 : 3 : 3 : 1 für jede Kreuzung mit zwei Merkmalen erwarten: Das Verhältnis gilt nur für AaBb × AaBb. Andere Eltern ergeben andere Verhältnisse (siehe Tabelle oben).
Vertiefung Oberstufe: Wenn statt 9 : 3 : 3 : 1 etwas anderes herauskommt

Weicht eine F2 deutlich von 9 : 3 : 3 : 1 ab, lohnt sich ein genauer Blick. Bleibt die Summe der Klassen bei 16, wirken die Gene meist zusammen; man spricht von Epistasie, wenn ein Gen die Ausprägung eines anderen überdeckt. Ein bekanntes Beispiel ist die Fellfarbe des Labrador Retrievers. Das Gen B entscheidet, ob schwarzes (B_) oder braunes Pigment (bb) gebildet wird. Das Gen E entscheidet, ob dieses Pigment überhaupt ins Haar eingelagert wird. Hunde mit ee sind gelb, egal welche Allele sie am B-Locus tragen. Aus BbEe × BbEe entstehen deshalb 9 schwarze (B_E_) : 3 braune (bbE_) : 4 gelbe (B_ee und bbee) Welpen. Die Klassen 3/16 und 1/16 sind zu 4/16 verschmolzen.

Ein zweiter Fall ist die komplementäre Genwirkung: Ein Farbstoff entsteht in zwei Reaktionsschritten, für die je ein Enzym von Gen A und Gen B nötig ist. Fehlt eines der beiden funktionsfähigen Allele, bleibt die Blüte weiß. Nur A_B_ ist farbig, daraus ergibt sich 9 : 7.

Auch ohne Wechselwirkung kann sich das Verhältnis ändern: Ist ein Gen intermediär (1 : 2 : 1) und das andere dominant-rezessiv (3 : 1), ergibt das Produkt sechs Phänotypklassen im Verhältnis 3 : 6 : 3 : 1 : 2 : 1. Überwiegen dagegen die elterlichen Kombinationen und die Neukombinationen sind selten, liegen die Gene vermutlich auf demselben Chromosom. Wie man daraus sogar Abstände zwischen Genen berechnet, erfährst du bei der Genkopplung.

Fachbegriffe

dihybrider Erbgang
Erbgang, bei dem zwei Merkmale (zwei Gene) gleichzeitig verfolgt werden.
Keimzellsorte
Eine bestimmte Allelkombination in Eizellen oder Spermien, z. B. EV; ein AaBb-Lebewesen bildet vier Sorten.
Kombinationsquadrat
Tabelle (Punnett-Quadrat), in der alle Keimzellen beider Eltern kombiniert werden; jedes Feld ist gleich wahrscheinlich.
Phänotypklasse
Gruppe von Nachkommen mit gleichem Erscheinungsbild, oft aus mehreren Genotypen zusammengesetzt.
Gabelschema
Verzweigungsdiagramm, mit dem man Keimzellen oder Wahrscheinlichkeiten Gen für Gen ableitet.
Epistasie
Ein Gen überdeckt die Wirkung eines anderen Gens, wodurch sich die Verhältnisse der F2 ändern (z. B. 9 : 3 : 4).

Aufgaben

AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen

  1. AFB INenne alle Keimzellsorten der Genotypen EeVv, EEVv und eevv.
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    EeVv: EV, Ev, eV, ev (je 1/4). EEVv: EV und Ev (je 1/2). eevv: nur ev.

  2. AFB IIBerechne mit der Produktregel für die Kreuzung EeVv × EeVv, welcher Anteil der Nachkommen den Genotyp Eevv hat und welcher Anteil dunkel ist und lange Flügel hat. Gib außerdem an, wie viele Fliegen du jeweils unter 480 Nachkommen erwartest.
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    Eevv: Ee hat bei Ee × Ee die Wahrscheinlichkeit 1/2, vv bei Vv × Vv die Wahrscheinlichkeit 1/4. Also 1/2 · 1/4 = 1/8; erwartet 480 · 1/8 = 60 Fliegen.

    Dunkel mit langen Flügeln (eeV_): 1/4 · 3/4 = 3/16; erwartet 480 · 3/16 = 90 Fliegen.

  3. AFB IIErmittle das Phänotyp-Verhältnis der Kreuzung eeVv × EeVv. Nutze das Gabelschema oder die Produktregel.
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    Körper: ee × Ee ergibt 1/2 graubraun (Ee) und 1/2 dunkel (ee). Flügel: Vv × Vv ergibt 3/4 lang und 1/4 Stummel. Produkte: graubraun-lang 1/2 · 3/4 = 3/8, graubraun-Stummel 1/2 · 1/4 = 1/8, dunkel-lang 3/8, dunkel-Stummel 1/8. Verhältnis 3 : 1 : 3 : 1.

  4. AFB IIAnalysiere: Aus der Kreuzung zweier Fliegen schlüpfen 298 graubraune mit langen Flügeln, 304 graubraune mit Stummelflügeln, 101 dunkle mit langen Flügeln und 97 dunkle mit Stummelflügeln. Bestimme die Genotypen der Eltern.
    Lösung anzeigen

    Betrachte jedes Merkmal einzeln. Körper: 298 + 304 = 602 graubraun zu 101 + 97 = 198 dunkel, also etwa 3 : 1. Beide Eltern sind daher Ee. Flügel: 298 + 101 = 399 lang zu 304 + 97 = 401 Stummel, also etwa 1 : 1. Das passt zu Vv × vv. Die Eltern sind EeVv (graubraun, lange Flügel) und Eevv (graubraun, Stummelflügel). Erwartet wäre 3 : 3 : 1 : 1, also 300 : 300 : 100 : 100 – die Zählung passt gut.

  5. AFB IIIBeurteile die Aussage: „Bei jedem Erbgang mit zwei Merkmalen erhält man in der F2 das Verhältnis 9 : 3 : 3 : 1.“
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    Die Aussage ist zu allgemein und damit falsch. 9 : 3 : 3 : 1 gilt nur, wenn zwei für beide Gene mischerbige Eltern gekreuzt werden, beide Gene dominant-rezessiv vererbt werden, die Gene nicht gekoppelt sind und alle Genotypen gleich lebensfähig sind. Ist ein Gen intermediär, entstehen sechs Klassen (3 : 6 : 3 : 1 : 2 : 1). Wirken die Gene zusammen (Epistasie), verschmelzen Klassen, z. B. 9 : 3 : 4 beim Labrador. Bei gekoppelten Genen überwiegen die elterlichen Kombinationen. Zudem weichen echte Zählungen zufällig vom Erwartungswert ab.

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Quellen & Stand

Stand: Oktober 2026.

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