Praktische Gentherapieversuche
Am 14. September 1990 bekam ein vierjähriges Mädchen in den USA eine Infusion mit ihren eigenen, gentechnisch veränderten Blutzellen – der erste offiziell genehmigte Gentherapieversuch. Was folgte, war kein gerader Weg: Auf große Hoffnungen folgten tragische Rückschläge, auf jahrelange Forschung die ersten Zulassungen. Diese Geschichte zeigt, wie Medizin aus Fehlern lernt.
Einfach erklärt
Die Gentherapie hat eine lange Geschichte. Sie beginnt 1990 in den USA. Ein vierjähriges Mädchen bekommt damals eigene Blutzellen mit einem gesunden Gen zurück. Ihr Zustand wird besser. Danach folgen schwere Rückschläge. 1999 stirbt der junge Jesse Gelsinger in einer Studie. Sein Körper wehrt sich heftig gegen das Transport-Virus.
In anderen Studien erkranken 5 von 20 Jungen an Blutkrebs. Der Grund: Das Virus baut sein Gen an einer ungünstigen Stelle ein. Das nennt man Insertionsmutagenese. Aus diesen Fehlern lernt die Medizin. Die Regeln für Studien werden strenger. Die Transport-Viren werden sicherer.
Das Wichtigste:
- 2012 erlaubt die EU zum ersten Mal eine Gentherapie.
- Seit 2023 gibt es eine Therapie mit der Genschere. Das ist ein Werkzeug, das DNA gezielt verändert.
- 2025 bekommt ein Baby eine Therapie nur für sich allein.
- Neue Therapien durchlaufen vorher mehrere Prüfschritte.
Merke: Die Gentherapie lernt aus Rückschlägen und arbeitet heute mit strengeren Regeln.
Das lernst du hier
- Du beschreibst wichtige Stationen der Gentherapie von 1990 bis heute.
- Du erklärst die Ursachen der Rückschläge, insbesondere die Insertionsmutagenese.
- Du erläuterst, wie klinische Studien bis zur Zulassung ablaufen.
- Du beurteilst Chancen und offene Fragen individuell entworfener Gentherapien.
Die Zeitleiste im Überblick
Die Chronik
Der erste Versuch: Ashanti DeSilva
Die vierjährige Ashanti DeSilva hatte ADA-SCID, eine schwere angeborene Immunschwäche: Wegen eines defekten Gens fehlt das Enzym Adenosin-Desaminase, und die Abwehrzellen gehen zugrunde. Am 14. September 1990 entnahm ein Team um W. French Anderson, Michael Blaese und Kenneth Culver an den US-amerikanischen National Institutes of Health ihre T-Zellen, schleuste mit einem Retrovirus ein gesundes ADA-Gen ein und gab die Zellen zurück – eine Ex-vivo-Gentherapie. Ihr Zustand besserte sich. Weil sie aber weiterhin auch ein Enzympräparat erhielt, lässt sich der Anteil der Gentherapie am Erfolg nicht eindeutig bestimmen. Die ganze Geschichte dieses Versuchs erzählt die Seite Ashanti DeSilva und die erste Gentherapie.
Ein Todesfall verändert die Regeln: Jesse Gelsinger
Der 18-jährige Jesse Gelsinger hatte eine milde Form einer erblichen Stoffwechselstörung der Leber (OTC-Mangel), die mit Diät und Medikamenten unter Kontrolle war. Er nahm an einer Studie der University of Pennsylvania teil, bei der ein Adenovirus-Vektor in seine Leber gelangen sollte. Am 13. September 1999 erhielt er die Infusion, vier Tage später starb er an einer massiven Immunreaktion gegen den Vektor mit Multiorganversagen. Die Untersuchungen deckten Regelverstöße auf: Er hätte wegen erhöhter Ammoniakwerte nicht teilnehmen dürfen, Nebenwirkungen bei anderen Teilnehmenden waren nicht gemeldet worden, und die Aufklärung verschwieg Todesfälle bei Versuchsaffen. Zudem hatten Beteiligte finanzielle Interessen. Die Behörden stoppten die Studien des Instituts; Aufklärung und Überwachung wurden danach deutlich verschärft. Was genau geschah, zeigt die Seite Der Fall Jesse Gelsinger.
Erfolg mit Schattenseite: die SCID-X1-Studien
In Paris und London behandelten Teams Jungen mit SCID-X1, einer weiteren schweren Immunschwäche, mit retroviral veränderten Blutstammzellen. Bei den meisten Kindern baute sich ein funktionierendes Immunsystem auf – der erste überzeugende Erfolg der Gentherapie. Ab 2002 erkrankten jedoch 5 der 20 behandelten Jungen an einer Leukämie, ein Kind starb. Die Ursache: Der Vektor hatte sein Gen bei mehreren Kindern in die Nähe des Krebsgens LMO2 eingebaut und dieses aktiviert (Insertionsmutagenese). Seitdem werden sicherere Vektoren verwendet und behandelte Personen über viele Jahre beobachtet.
Erste Zulassung in der EU: Glybera
Im Oktober 2012 ließ die EU mit Glybera erstmals eine Gentherapie zu. Sie richtete sich gegen einen sehr seltenen erblichen Lipoproteinlipase-Mangel, bei dem Betroffene Nahrungsfett kaum abbauen können. Der Preis von rund 1,1 Millionen Euro machte sie zum damals teuersten Medikament der Welt. Kommerziell wurde sie nur ein einziges Mal eingesetzt; 2017 verlängerte der Hersteller die Zulassung nicht.
Der Kreis schließt sich: Strimvelis
Am 26. Mai 2016 wurde in der EU Strimvelis zugelassen – eine Ex-vivo-Gentherapie mit veränderten Blutstammzellen gegen ADA-SCID, also gegen dieselbe Krankheit wie beim allerersten Versuch 1990. Anders als damals werden nun Stammzellen verändert, die das Immunsystem dauerhaft neu aufbauen können.
CAR-T-Zellen und Luxturna
Am 23. August 2018 kamen in der EU die ersten CAR-T-Zelltherapien (Kymriah, Yescarta) gegen bestimmte Blutkrebsarten auf den Markt: Eigene Immunzellen werden genetisch so verändert, dass sie Krebszellen erkennen. Am 22. November 2018 folgte Luxturna gegen eine erbliche Netzhauterkrankung, die durch Mutationen im Gen RPE65 entsteht. Der AAV-Vektor wird direkt unter die Netzhaut gespritzt.
Zolgensma gegen spinale Muskelatrophie
Nach der US-Zulassung im Mai 2019 wurde Zolgensma am 18. Mai 2020 in der EU zugelassen. Eine einzige Infusion bringt mit einem AAV-Vektor eine funktionierende Kopie des Gens SMN1 in die Nervenzellen von Kindern mit spinaler Muskelatrophie (SMA). Mit einem US-Listenpreis von 2,125 Millionen US-Dollar entfachte sie eine breite Debatte über die Kosten solcher Therapien.
Casgevy: die erste Therapie mit der Genschere
Am 16. November 2023 ließ Großbritannien mit Casgevy weltweit erstmals eine CRISPR-Therapie zu, die USA folgten am 8. Dezember 2023, die EU am 9. Februar 2024. Sie behandelt Sichelzellkrankheit und transfusionsabhängige β-Thalassämie ab 12 Jahren: Eigene Blutstammzellen werden mit CRISPR/Cas9 so verändert, dass sie wieder fetales Hämoglobin bilden.
Baby KJ: eine Therapie für einen einzigen Menschen
KJ Muldoon kam am 1. August 2024 in Philadelphia mit einem schweren angeborenen Defekt des Harnstoffzyklus (CPS1-Mangel) zur Welt, bei dem sich giftiges Ammoniak im Blut anreichert. Ein Team um Rebecca Ahrens-Nicklas und Kiran Musunuru entwarf innerhalb weniger Monate ein Base-Editing-Werkzeug, das genau seine Mutation korrigieren soll, verpackt in Lipid-Nanopartikel für die Leber. Die erste Infusion erhielt KJ Ende Februar 2025, weitere folgten im März und April. Die Ergebnisse erschienen am 15. Mai 2025 im New England Journal of Medicine. Mit etwa zehn Monaten konnte KJ nach Hause. Es gilt als erste individuell entworfene Gen-Editing-Therapie; wie es ihm langfristig geht, muss sich noch zeigen.
Und die Entwicklung geht weiter: Allein im ersten Halbjahr 2026 kamen in der EU weitere Gentherapien hinzu, etwa gegen das Wiskott-Aldrich-Syndrom. Laut vfa waren im Juli 2026 insgesamt 19 Gentherapeutika zugelassen. Wie Gentherapien grundsätzlich funktionieren, erklärt das Kapitel Gentherapie.
Merke
Die Gentherapie begann 1990 mit einem Versuch an ADA-SCID. Rückschläge wie der Tod von Jesse Gelsinger (1999) und Leukämiefälle durch Insertionsmutagenese in den SCID-X1-Studien führten zu strengeren Regeln und sichereren Vektoren. Seit 2012 gibt es Zulassungen in der EU, seit 2023/24 auch für eine CRISPR-Therapie.
Vom Labor zur Zulassung
Bevor eine Gentherapie zugelassen wird, durchläuft sie wie andere Arzneimittel mehrere Prüfschritte:
- PräklinikUntersuchungen an Zellen und Tieren zu Wirkung und Sicherheit.
- Phase IErste Anwendung bei wenigen Menschen; im Vordergrund steht die Sicherheit.
- Phase IIMehr Teilnehmende; geprüft werden Wirksamkeit und passende Dosis.
- Phase IIIGrößere Studien, oft im Vergleich mit der bisherigen Behandlung.
- Zulassung und BeobachtungIn der EU entscheidet die Europäische Kommission auf Empfehlung der Arzneimittelagentur EMA. Danach werden Behandelte weiter beobachtet, bei Gentherapien oft viele Jahre lang.
Bei sehr seltenen Erkrankungen gibt es oft nur wenige Betroffene. Studien sind dann klein, und manche Mittel erhalten eine bedingte Zulassung, die an weitere Daten geknüpft ist – so auch Casgevy in der EU.
Wusstest du?
Für die Therapie von Baby KJ genehmigte die US-Arzneimittelbehörde FDA einen Antrag für einen einzelnen Patienten innerhalb einer Woche. Für maßgeschneiderte Therapien, die nur einem Menschen helfen sollen, passen die klassischen Studienphasen mit vielen Teilnehmenden nicht – Behörden suchen deshalb nach neuen Wegen.
Typische Fehler
- „Ashanti DeSilva wurde durch Gentherapie geheilt.“ So eindeutig nicht belegbar – sie erhielt zusätzlich weiter ein Enzympräparat.
- „Jesse Gelsinger starb an einem defekten Gen.“ Falsch. Er starb an einer heftigen Immunreaktion gegen den Virusvektor.
- „Die Leukämiefälle zeigen, dass Gentherapie grundsätzlich Krebs auslöst.“ Falsch. Ursache war der Einbauort eines bestimmten Vektortyps; neuere Vektoren sind sicherer, werden aber weiter überwacht.
Insertionsmutagenese: wenn der Einbauort zum Risiko wird
Retro- und Lentiviren bauen ihr Erbmaterial in die DNA der Wirtszelle ein. Das ist erwünscht, wenn sich die veränderten Zellen teilen sollen, denn so erben alle Tochterzellen das therapeutische Gen. Der Einbauort ist aber nicht genau steuerbar.
Die frühen Gamma-Retrovirus-Vektoren hatten zwei Eigenschaften, die sich in den SCID-X1-Studien als gefährlich erwiesen: Sie bauten sich bevorzugt in der Nähe von Startbereichen aktiver Gene ein. Und sie trugen an ihren Enden starke Verstärkerelemente (in den sogenannten LTRs), die nicht nur das therapeutische Gen, sondern auch benachbarte Gene der Zelle einschalten können. Lag der Einbauort neben dem Gen LMO2, das die Entwicklung von Blutzellen steuert, wurde dieses dauerhaft aktiviert. Zusammen mit weiteren Mutationen entstand daraus eine T-Zell-Leukämie.
Als Konsequenz entwickelte man selbstinaktivierende Vektoren, bei denen die starken Verstärker in den LTRs entfernt sind, und setzt vermehrt Lentiviren ein, deren Einbaumuster als günstiger gilt. Zusätzlich wird mit Sequenzierverfahren verfolgt, an welchen Stellen sich der Vektor in den Zellen eines Patienten eingebaut hat und ob ein Zellklon auffällig stark wächst. Neuere Ansätze wie die Genschere oder das Base-Editing verändern die DNA gezielt an einer bestimmten Stelle – dafür stellen sich andere Sicherheitsfragen, etwa nach Schnitten an falschen Stellen.
Vertiefen: zwei Kapitel zur Geschichte der Gentherapie
Fachbegriffe
- ADA-SCID
- Schwere angeborene Immunschwäche durch Mangel an Adenosin-Desaminase.
- Insertionsmutagenese
- Mutation durch den Einbau fremder DNA, etwa eines Vektors, an einer ungünstigen Stelle.
- Adenovirus-Vektor
- Vektor auf Basis von Adenoviren; kann starke Immunreaktionen auslösen.
- CAR-T-Zelltherapie
- Eigene T-Zellen erhalten ein Gen für einen Rezeptor gegen Krebszellen.
- Base-Editing
- Gen-Editing-Verfahren, das einzelne Basen ohne Doppelstrangbruch austauscht.
- klinische Studie
- Prüfung eines Arzneimittels am Menschen in mehreren Phasen.
- bedingte Zulassung
- Zulassung mit der Auflage, weitere Daten nachzuliefern.
Aufgaben
- AFB INenne je zwei Rückschläge und zwei Erfolge der Gentherapie mit Jahreszahl.
Lösung anzeigen
Rückschläge: 1999 Tod von Jesse Gelsinger; ab 2002 Leukämiefälle in den SCID-X1-Studien; 2017 Rückzug von Glybera. Erfolge: 1990 erster Versuch; 2012 Glybera erste EU-Zulassung; 2016 Strimvelis; 2018 CAR-T und Luxturna; 2020 Zolgensma; 2023/24 Casgevy; 2025 Baby KJ. - AFB IIErkläre, wie es in den SCID-X1-Studien zu Leukämien kam.
Lösung anzeigen
Der Retrovirus-Vektor baute das therapeutische Gen an zufälligen, bevorzugt aktiven Stellen ins Erbgut der Blutstammzellen ein. Bei mehreren Kindern lag der Einbauort neben dem Krebsgen LMO2. Starke Verstärkerelemente des Vektors aktivierten dieses Gen dauerhaft; zusammen mit weiteren Mutationen entstand eine unkontrollierte Vermehrung von T-Zellen (Leukämie). Das nennt man Insertionsmutagenese. - AFB IIVergleiche den Versuch von 1990 mit der 2016 zugelassenen Therapie Strimvelis.
Lösung anzeigen
Gemeinsam: gleiche Krankheit (ADA-SCID), Ex-vivo-Verfahren, retroviraler Vektor mit ADA-Gen. Unterschied: 1990 wurden reife T-Zellen verändert, die nur begrenzt leben, die Behandlung musste wiederholt werden, und der Effekt war wegen der gleichzeitigen Enzymtherapie schwer zu beurteilen. Strimvelis nutzt Blutstammzellen, die das Immunsystem dauerhaft neu aufbauen können, und wurde nach klinischen Studien regulär zugelassen. - AFB IIWerte die Zeitleiste aus: Wie viele Jahre lagen zwischen dem ersten Versuch und der ersten EU-Zulassung? Nenne mögliche Gründe für diese Dauer.
Lösung anzeigen
22 Jahre (1990–2012). Gründe: technische Probleme (Vektoren erreichten zu wenige Zellen, Wirkung hielt nicht an), Sicherheitsprobleme (Immunreaktionen, Insertionsmutagenese), strengere Regeln nach Rückschlägen, aufwendige Studien bei seltenen Krankheiten mit wenigen Betroffenen, hohe Entwicklungskosten. - AFB IIIBeurteile Chancen und offene Fragen individuell entworfener Gentherapien wie bei Baby KJ.
Lösung anzeigen
Chancen: Hilfe auch bei extrem seltenen Mutationen, für die sich keine klassische Studie lohnt; schnelle Entwicklung möglich; Plattformen könnten für andere Mutationen angepasst werden. Offene Fragen: Langzeitwirkung und -sicherheit (z. B. Veränderungen an falschen Stellen), nur ein Patient – keine Vergleichsgruppe, Kosten und Finanzierung, wer Zugang erhält (Gerechtigkeit), wie Behörden solche Therapien künftig prüfen. Eine begründete Abwägung ist gefordert.
Weiterlernen
Quellen & Stand
- GEN – Genetic Engineering & Biotechnology News: Making History with the 1990 Gene Therapy Trial.
- Steinbrook, R.: The Gelsinger Case. In: Oxford Textbook of Clinical Research Ethics, 2008.
- Studienprotokoll NCT01129544 mit Übersicht über die SCID-X1-Studien: clinicaltrials.gov.
- vfa: In der EU zugelassene Arzneimittel für neuartige Therapien, Stand 2.7.2026.
- Penn Gazette: CRISPR’s First Custom Cure (2025).
Stand: Oktober 2026. Fachlich überarbeitet für Klasse 9–13.