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Reziproke Kreuzung: Warum Vater und Mutter austauschbar sind

Vertiefung zum ThemaUniformitätsregel

Eine Eizelle ist riesig, ein Pollenkorn oder Spermium winzig. Trotzdem tragen Mutter und Vater meist genau gleich viel zum Erbgut ihrer Nachkommen bei. Mendel prüfte das mit einem einfachen Trick: Er vertauschte bei jeder Kreuzung die Rollen. Diese reziproke Kreuzung ist bis heute ein Werkzeug, um ungewöhnliche Erbgänge aufzuspüren.

Einfach erklärt

Diese Seite vertieft das Thema Uniformitätsregel. Bei einer reziproken Kreuzung kreuzt man zwei Sorten zweimal. Dabei tauscht man Mutter und Vater. Einmal liefert Sorte A die Eizellen und Sorte B den Pollen. Beim zweiten Mal ist es umgekehrt.

Mendel macht das bei allen sieben Merkmalen. Das Ergebnis ist immer gleich. Die Eizelle ist zwar viel größer als das Spermium. Für die Gene im Zellkern liefern aber beide Eltern gleich viel. Das gilt für Gene auf Autosomen – das sind alle Chromosomen außer den Geschlechtschromosomen.

Es gibt aber Ausnahmen. Manche Gene liegen auf dem X-Chromosom. Söhne bekommen ihr X immer von der Mutter. Dann ist das Ergebnis bei vertauschten Rollen verschieden. Andere Erbanlagen liegen außerhalb vom Zellkern, zum Beispiel in den Mitochondrien. Diese Anlagen stammen meist nur von der Mutter.

Merke: Bei Genen auf Autosomen sind Mutter und Vater austauschbar.

Kurz gesagt

Eine reziproke Kreuzung ist ein Paar von Kreuzungen, bei dem die Rollen der Eltern vertauscht werden: einmal liefert Sorte A die Eizellen und Sorte B den Pollen, einmal umgekehrt. Bei Genen auf Autosomen, den Nicht-Geschlechtschromosomen, ist das Ergebnis gleich. Das gehört zur Uniformitätsregel. Ausnahmen zeigen sich bei Genen auf dem X-Chromosom und bei Erbanlagen in Plastiden oder Mitochondrien, die meist nur über die Mutter weitergegeben werden.

Das lernst du hier

  • eine reziproke Kreuzung definieren und in Kreuzungsschemata darstellen,
  • erklären, warum bei Genen auf Autosomen beide Kreuzungen dasselbe Ergebnis liefern,
  • Ausnahmen durch X-chromosomale und mütterliche Vererbung analysieren,
  • den Nutzen reziproker Kreuzungen in Forschung und Züchtung beurteilen.

Was ist eine reziproke Kreuzung?

Reziprok bedeutet wechselseitig. Bei einer reziproken Kreuzung werden dieselben zwei Formen zweimal gekreuzt, aber mit vertauschten Rollen. In der Schreibweise steht das weibliche Elternteil vorn: Kreuzung 1 ist ♀ gelb × ♂ grün, Kreuzung 2 ist ♀ grün × ♂ gelb. Bei Pflanzen heißt das: Einmal trägt die gelbe Sorte die Samen und die grüne liefert den Pollen, einmal umgekehrt.

Gregor Mendels Beobachtung zur Uniformitätsregel beruhte genau auf solchen Paaren. Er führte bei allen sieben Merkmalen wechselseitige Kreuzungen durch und stellte fest, dass es völlig gleichgültig ist, ob das dominierende Merkmal von der Samen- oder von der Pollenpflanze stammt. Deshalb ergänzen viele Lehrbücher die Uniformitätsregel um den Zusatz „auch bei reziproker Kreuzung“. Manchmal wird das auch als Reziprozitätsregel bezeichnet.

Bemerkenswert ist das, weil Eizelle und Pollenkorn sehr verschieden sind. Die Eizelle bringt fast das gesamte Zellplasma mit, das Spermium im Pollenschlauch kaum mehr als seinen Zellkern. Dass beide Kreuzungen gleich ausgehen, zeigt: Die Erbanlagen für Mendels Merkmale sitzen im Zellkern, und dort liefern Mutter und Vater je einen Chromosomensatz.

Reziproke Kreuzungen bei einem Gen auf einem Autosom und bei einem Gen auf dem X-Chromosom Links Erbsen: Kreuzung 1 gelbe Samenpflanze mal grüner Pollenspender, Kreuzung 2 grüne Samenpflanze mal gelber Pollenspender. In beiden Fällen sind alle Nachkommen gelb. Rechts Fruchtfliegen mit einem Gen für die Augenfarbe auf dem X-Chromosom: Kreuzung 1 rotäugiges Weibchen mal weißäugiges Männchen ergibt nur rotäugige Nachkommen. Kreuzung 2 weißäugiges Weibchen mal rotäugiges Männchen ergibt rotäugige Töchter und weißäugige Söhne. Erbse: Gen auf einem AutosomFruchtfliege: Gen auf dem X Ergebnis gleichErgebnis verschieden ♀×♂gelb GGgrün ggalle gelb (Gg) Kreuzung 1 ♀×♂grün gggelb GGalle gelb (Gg) Kreuzung 2 ♀×♂♀♂X+X+XwYX+XwX+Y Kreuzung 1 ♀×♂♀♂XwXwX+YX+XwXwY Kreuzung 2 Wer den Pollen liefert, spielt keine Rolle.Söhne erhalten ihr X nur von der Mutter. rot: rote Augen · weiß: weiße Augen
Abb. 1: Reziproke Kreuzungen im Vergleich. Links ein Gen auf einem Autosom (Samenfarbe der Erbse, G: gelb, g: grün): Beide Kreuzungen liefern dieselbe F1. Rechts ein Gen auf dem X-Chromosom (Augenfarbe der Fruchtfliege; X⁺: rote Augen, dominant; Xʷ: weiße Augen): Die Ergebnisse unterscheiden sich, weil Männchen nur ein X-Chromosom besitzen und es von der Mutter erhalten.

Ausnahme 1: Gene auf dem X-Chromosom

Weibchen haben bei Fruchtfliegen wie beim Menschen zwei X-Chromosomen, Männchen ein X und ein Y. Ein Sohn erhält sein X immer von der Mutter, vom Vater bekommt er das Y. Liegt ein Gen auf dem X-Chromosom, hängt das Ergebnis deshalb davon ab, wer welches Allel beisteuert (Abb. 1). Kreuzt man ein rotäugiges Weibchen mit einem weißäugigen Männchen, sind alle Nachkommen rotäugig. In der reziproken Kreuzung, weißäugiges Weibchen mal rotäugiges Männchen, sind dagegen alle Töchter rotäugig, alle Söhne weißäugig.

Genau diese Beobachtung machte Thomas Hunt Morgan ab 1910 an weißäugigen Fruchtfliegen. Sie wurde zu einem wichtigen Beleg dafür, dass Gene auf Chromosomen liegen, wie die Seite zur Chromosomentheorie der Vererbung erklärt. Beim Menschen folgen zum Beispiel die Rot-Grün-Sehschwäche und die Bluterkrankheit diesem Muster.

Ausnahme 2: Vererbung nur über die Mutter

Nicht alle Erbanlagen liegen im Zellkern. Chloroplasten und andere Plastiden sowie die Mitochondrien besitzen eigene, kleine DNA-Moleküle. Weil die Eizelle das Zellplasma liefert, stammen diese Organellen bei vielen Lebewesen nur oder überwiegend von der Mutter.

Den ersten eindeutigen Nachweis lieferte Carl Correns 1909 ausgerechnet mit der Wunderblume, die auch für den intermediären Erbgang bekannt ist. Er untersuchte Pflanzen mit grün-weiß gescheckten Blättern, die rein grüne, rein weiße und gescheckte Zweige trugen. Das Ergebnis seiner reziproken Kreuzungen war eindeutig: Die Blattfarbe der Nachkommen hing davon ab, von welchem Zweig die Samenpflanze stammte, nicht davon, woher der Pollen kam. Samen von grünen Zweigen ergaben grüne Pflanzen, Samen von weißen Zweigen weiße, die mangels Chlorophyll bald abstarben. In der Wissenschaftsgeschichte gilt das als erster schlüssiger Fall einer Vererbung über das Zellplasma. Bei manchen anderen Pflanzen, etwa bei Pelargonien, können Plastiden allerdings auch über den Pollen weitergegeben werden.

Beim Menschen erbt ein Kind seine Mitochondrien und damit die Mitochondrien-DNA von der Mutter. Erkrankungen, die auf Veränderungen dieser DNA beruhen, werden deshalb über die mütterliche Linie weitergegeben: Eine betroffene Mutter kann sie an alle Kinder vererben, ein betroffener Vater nicht. Wie unterschiedlich die Beiträge von Mutter und Vater insgesamt sind, zeigt die Seite Was erbt man vom Vater, was von der Mutter?

Merke

Reziproke Kreuzung = Kreuzung mit vertauschten Rollen (♀ A × ♂ B und ♀ B × ♂ A). Gene auf Autosomen: gleiches Ergebnis. Unterschiedliches Ergebnis weist auf ein Gen auf dem X-Chromosom oder auf mütterliche Vererbung über Plastiden und Mitochondrien hin.

Wozu reziproke Kreuzungen in Forschung und Züchtung dienen

Gerade weil das Ergebnis normalerweise gleich ist, sind reziproke Kreuzungen ein empfindlicher Test. Unterscheiden sich die Nachkommen, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Ein Unterschied nur zwischen Söhnen und Töchtern spricht für ein Gen auf einem Geschlechtschromosom. Folgen alle Nachkommen der Mutter, spricht das für Erbanlagen im Zellplasma.

In der Pflanzenzüchtung nutzt man mütterlich vererbte Eigenschaften gezielt. Ein Beispiel ist die cytoplasmatische männliche Sterilität: Bestimmte Veränderungen der Mitochondrien-DNA verhindern, dass eine Pflanze funktionsfähigen Pollen bildet. Weil sie über die Mutter weitergegeben wird, lassen sich damit Mutterlinien halten, die sich nicht selbst bestäuben können. Das erleichtert die Herstellung von F1-Hybridsaatgut erheblich, denn das mühsame Entfernen der Staubblätter von Hand entfällt.

Typische Fehler

  • „Reziproke Kreuzung heißt Rückkreuzung.“ Bei der Rückkreuzung wird mit einem Elternteil oder einem rezessiven Partner gekreuzt. Bei der reziproken Kreuzung werden nur die Geschlechterrollen vertauscht.
  • „Die Mutter vererbt mehr, weil die Eizelle größer ist.“ Für die Gene im Zellkern tragen beide Eltern je einen Chromosomensatz bei. Nur Organellen und Zellplasma stammen vor allem von der Mutter.
  • „Verschiedene Ergebnisse widerlegen Mendel.“ Sie zeigen nur, dass die Gene nicht auf Autosomen liegen. Gene auf dem X-Chromosom folgen ebenfalls festen Regeln.
  • „Mitochondrien-DNA wird wie Kern-DNA zur Hälfte vom Vater vererbt.“ Beim Menschen stammt sie von der Mutter.
Vertiefung Oberstufe: Maultier und Maulesel – wenn die Herkunft eines Allels zählt

Es gibt noch einen dritten Grund, warum reziproke Kreuzungen verschieden ausfallen können, selbst wenn alle beteiligten Gene im Zellkern auf Autosomen liegen. Ein bekanntes Beispiel sind die Kreuzungen von Pferd und Esel. Ein Maultier entsteht aus einer Pferdestute und einem Eselhengst, ein Maulesel aus einer Eselstute und einem Pferdehengst. Beide Tiere tragen je einen Chromosomensatz von Pferd und Esel, also dieselbe Kombination von Kern-Erbgut. Trotzdem unterscheiden sie sich: Der Maulesel ist im Allgemeinen kleiner, hat kürzere Ohren und einen leichteren Kopf.

Als ein Grund gilt die genomische Prägung (Imprinting). Bei einigen Genen wird nur die Kopie eines bestimmten Elternteils abgelesen, die andere ist durch chemische Markierungen der DNA stillgelegt. Diese Markierungen werden bei der Bildung von Eizelle und Spermium unterschiedlich gesetzt. Es kommt dann darauf an, ob ein Allel von der Mutter oder vom Vater stammt. Die DNA-Sequenz bleibt dabei unverändert, deshalb zählt die Prägung zu den epigenetischen Phänomenen.

Für die Auswertung reziproker Kreuzungen heißt das: Ein Unterschied kann vier Ursachen haben, ein Gen auf einem Geschlechtschromosom, Erbanlagen in Organellen, genomische Prägung oder Einflüsse der Mutter auf die frühe Entwicklung, etwa durch Stoffe, die sie in die Eizelle einlagert. Weitere Versuche müssen klären, welche davon vorliegt.

Fachbegriffe

reziproke Kreuzung
Kreuzungspaar mit vertauschten Rollen der Eltern: ♀ A × ♂ B und ♀ B × ♂ A.
Autosom
Chromosom, das kein Geschlechtschromosom ist; der Mensch hat 22 Autosomenpaare.
X-chromosomale Vererbung
Vererbung eines Gens auf dem X-Chromosom; Söhne erhalten ihr X nur von der Mutter.
mütterliche Vererbung
Weitergabe von Erbanlagen in Plastiden oder Mitochondrien über die Eizelle.
genomische Prägung
Epigenetische Markierung, durch die bei manchen Genen nur die Kopie eines Elternteils aktiv ist.

Aufgaben

AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen

  1. AFB IDefiniere den Begriff reziproke Kreuzung und gib das Kreuzungspaar für reinerbig rundsamige (RR) und runzligsamige (rr) Erbsen an.
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    Eine reziproke Kreuzung ist ein Paar von Kreuzungen derselben Formen mit vertauschten Rollen von weiblichem und männlichem Elternteil. Kreuzung 1: ♀ RR × ♂ rr. Kreuzung 2: ♀ rr × ♂ RR. In beiden Fällen sind alle Nachkommen Rr und rundsamig.

  2. AFB IIErkläre, warum Mendel bei seinen Erbsen in beiden Richtungen dasselbe Ergebnis erhielt, obwohl Eizelle und Pollen sehr unterschiedlich groß sind.
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    Die Gene für Mendels Merkmale liegen im Zellkern auf Autosomen. Eizelle und Spermium liefern je einen vollständigen Chromosomensatz und damit je ein Allel jedes Gens. Der Größenunterschied betrifft vor allem das Zellplasma, nicht die Kern-Erbanlagen. Deshalb ist es gleichgültig, welcher Elternteil welches Allel beisteuert.

  3. AFB IILeite ab: Bei Fruchtfliegen liegt das Gen für weiße Augen (w, rezessiv) auf dem X-Chromosom. Gib für beide reziproken Kreuzungen zwischen reinerbig rotäugigen und weißäugigen Fliegen die F1 mit Genotypen und Phänotypen an.
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    Kreuzung 1: ♀ X⁺X⁺ × ♂ XʷY. Töchter X⁺Xʷ (rotäugig), Söhne X⁺Y (rotäugig): alle rotäugig. Kreuzung 2: ♀ XʷXʷ × ♂ X⁺Y. Töchter X⁺Xʷ (rotäugig), Söhne XʷY (weißäugig). Die Ergebnisse unterscheiden sich, weil Söhne ihr X nur von der Mutter erhalten.

  4. AFB IIWerte aus: Bei einer Pflanze ergibt ♀ grünblättrig × ♂ hellblättrig nur grüne Nachkommen, ♀ hellblättrig × ♂ grünblättrig nur helle Nachkommen. Söhne und Töchter gibt es bei Pflanzen nicht. Entwickle eine Hypothese und erläutere sie.
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    Die Nachkommen gleichen immer der Mutterpflanze, egal woher der Pollen stammt. Das spricht für mütterliche Vererbung über das Zellplasma: Das Merkmal wird vermutlich durch Erbanlagen in den Chloroplasten bestimmt, die bei dieser Pflanze nur über die Eizelle weitergegeben werden. Ein Kerngen würde in beiden Kreuzungen ein gleiches Ergebnis liefern.

  5. AFB IIIBeurteile die Aussage: „Weil ein Kind seine Mitochondrien nur von der Mutter erbt, ist es mit der Mutter enger verwandt als mit dem Vater.“
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    Die Aussage ist überwiegend falsch. Die Kern-DNA, die den allergrößten Teil der Erbinformation ausmacht, stammt je zur Hälfte von Mutter und Vater; nach dem Erbgut im Zellkern ist das Kind mit beiden gleich eng verwandt. Richtig ist nur, dass die vergleichsweise kleine Mitochondrien-DNA von der Mutter kommt. Für einzelne Merkmale, etwa bestimmte mitochondriale Erkrankungen, ist die mütterliche Linie daher besonders wichtig. Bei Söhnen kommt hinzu, dass ihr X-Chromosom von der Mutter und ihr Y-Chromosom vom Vater stammt. Eine pauschal engere Verwandtschaft mit der Mutter lässt sich daraus nicht ableiten.

Weiterlernen

Quellen & Stand

  • Mendel, G.: Versuche über Pflanzen-Hybriden (1866), Abschnitt zur Gestalt der Hybriden. MendelWeb: Originaltext.
  • Wikipedia: Carl Correns (Blattscheckung bei Mirabilis jalapa, 1909).
  • NHGRI Talking Glossary: Mitochondrial DNA.
  • Wikipedia: Hinny (Maulesel und Maultier).

Stand: Oktober 2026.

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