Genzukunft

Genetik verstehen · Zukunft mitdenken

Was erbt man vom Vater, was von der Mutter?

Vertiefung zum ThemaStammbaumanalyse

„Die Nase hast du vom Papa, die Locken von Mama“: Solche Sätze hört fast jeder. Genetisch ist die Sache genauer und spannender. Bei den meisten Chromosomen bekommst du von jedem Elternteil genau die Hälfte – aber bei X, Y und den Mitochondrien macht es einen großen Unterschied, ob du Tochter oder Sohn bist.

Einfach erklärt

Diese Seite vertieft das Thema Stammbaumanalyse. Fast alle Chromosomen hast du doppelt. Chromosomen sind die Träger der Erbanlagen in der Zelle. Bei 22 Paaren bekommst du ein Chromosom von der Mutter und eins vom Vater. Hier stammt also die Hälfte von jedem Elternteil.

Anders ist es bei den Geschlechts-Chromosomen X und Y. Eine Tochter bekommt das X vom Vater und ein X von der Mutter. Ein Sohn bekommt das Y vom Vater. Sein einziges X kommt immer von der Mutter.

Das Wichtigste:

  • Ein Vater gibt Merkmale auf seinem X an alle Töchter weiter. An seine Söhne gibt er sie nie weiter.
  • Die Mitochondrien sind die Kraftwerke der Zelle. Sie haben ein eigenes kleines Erbgut. Alle Kinder bekommen es nur von der Mutter.
  • Der Satz „Intelligenz erbt man nur von der Mutter“ ist falsch. Daran sind sehr viele Erbanlagen beteiligt. Auch die Umwelt spielt mit.

Merke: Söhne bekommen ihr X immer von der Mutter und ihr Y vom Vater.

Kurz gesagt

Von den 22 Autosomenpaaren bekommt jedes Kind je ein Chromosom von Mutter und Vater. Vom Vater vererbt wird außerdem an Töchter immer sein X-Chromosom, an Söhne immer sein Y-Chromosom. Die Mutter gibt jedem Kind eines ihrer beiden X-Chromosomen und dazu die Mitochondrien mit ihrer eigenen DNA. Söhne erhalten ihr einziges X also immer von der Mutter.

Das lernst du hier

  • beschreiben, welche Chromosomen Töchter und Söhne von Vater und Mutter erhalten,
  • erklären, warum Mitochondrien-DNA nur über die Mutter weitergegeben wird,
  • die genomische Prägung an einem Beispiel erläutern,
  • verbreitete Behauptungen zur Vererbung überprüfen und begründet bewerten.

Was wird vom Vater vererbt, was von der Mutter? Die Autosomen

Jede Körperzelle enthält 46 Chromosomen: 22 Paare Autosomen (alle Chromosomen außer den Geschlechtschromosomen) und ein Paar Geschlechtschromosomen. In der Meiose erhält jede Eizelle und jedes Spermium von jedem Autosomenpaar genau ein Chromosom. Bei der Befruchtung kommen beide Sätze zusammen. Bei den Autosomen gilt deshalb für Töchter und Söhne dasselbe: Die Hälfte stammt von der Mutter, die Hälfte vom Vater.

Das heißt aber nicht, dass du von jedem Großelternteil genau ein Viertel geerbt hast. Durch Crossing-over in der Meiose deiner Eltern sind deren Chromosomen Mosaike aus Abschnitten von Großvater und Großmutter. Im Durchschnitt stammt etwa ein Viertel deiner Autosomen-DNA von jedem Großelternteil, im Einzelfall kann der Anteil spürbar davon abweichen. Aus demselben Grund haben Geschwister im Durchschnitt die Hälfte ihrer Allele gemeinsam, aber nie genau die Hälfte.

Was vererbt der Vater an die Tochter, was die Mutter an die Tochter?

Bei den Geschlechtschromosomen wird es asymmetrisch. Ein Vater hat nur ein X-Chromosom. Jede Tochter erhält von ihm genau dieses X, unverändert und vollständig. Daraus folgen zwei überraschende Tatsachen: Alle Töchter eines Mannes tragen dasselbe väterliche X. Und dieses X stammt komplett von der Großmutter väterlicherseits, denn der Vater hat sein X von seiner Mutter bekommen.

Die Mutter hat zwei X-Chromosomen. Sie gibt jeder Tochter eines davon weiter, nach Crossing-over in der Meiose meist ein Mosaik aus beiden. Eine Tochter hat also ein X vom Vater und ein X von der Mutter. In jeder ihrer Körperzellen wird früh in der Entwicklung eines der beiden zufällig weitgehend stillgelegt. Diese X-Inaktivierung sorgt dafür, dass Frauen nicht die doppelte Menge an X-Genprodukten bilden.

Und was bekommt der Sohn vom Vater?

Ein Sohn erhält vom Vater das Y-Chromosom, nie das X. Sein einziges X stammt immer von der Mutter. Deshalb werden X-chromosomale Merkmale wie die Rot-Grün-Schwäche nie vom Vater auf den Sohn vererbt – ein wichtiges Kriterium bei der Stammbaumanalyse. Das Y wird dagegen fast unverändert vom Vater auf den Sohn weitergegeben, über viele Generationen in der männlichen Linie. Darauf beruhen Y-DNA-Tests in der Ahnenforschung.

Was Tochter und Sohn von Vater und Mutter erben Oben Vater und Mutter, unten Tochter und Sohn. Der Vater hat ein Autosomenpaar, ein X und ein Y, alle blau. Die Mutter hat ein Autosomenpaar und zwei X, alle koralle, dazu Mitochondrien-DNA. Die Tochter hat ein blaues und ein korallfarbenes Autosom, ein blaues X vom Vater, ein korallfarbenes X von der Mutter und mütterliche Mitochondrien-DNA. Der Sohn hat ein blaues und ein korallfarbenes Autosom, ein korallfarbenes X von der Mutter, ein blaues Y vom Vater und mütterliche Mitochondrien-DNA. Die Mitochondrien-DNA des Vaters wird nicht weitergegeben. Vater (XY)Mutter (XX) Tochter (XX)Sohn (XY) AutosomenXYmtDNA AutosomenXXmtDNA AutosomenXXmtDNA AutosomenXYmtDNA vom Vater von der Mutter väterliche mtDNA: nicht weitergegeben
Abb. 1: Was Tochter und Sohn von Vater und Mutter erben. Stellvertretend ist ein Autosomenpaar für alle 22 gezeichnet. Das väterliche X geht nur an Töchter, das Y nur an Söhne. Jedes Kind bekommt ein mütterliches X und die Mitochondrien-DNA (mtDNA) der Mutter.
ErbteilTochter bekommtSohn bekommt
Autosomen (22 Paare)je ein Chromosom pro Paar von Vater und Mutterje ein Chromosom pro Paar von Vater und Mutter
X-Chromosomdas X des Vaters und ein X der Mutternur ein X, immer von der Mutter
Y-Chromosomkeinesdas Y des Vaters
Mitochondrien-DNAvon der Muttervon der Mutter

Unterm Strich bekommt ein Sohn sogar etwas mehr DNA von der Mutter als vom Vater: Laut MedlinePlus umfasst das X-Chromosom rund 155 Millionen Basenpaare, das Y nur etwas mehr als 59 Millionen. Wie man solche Muster in Familien nutzt, um Erbgänge zu bestimmen, übst du bei den Stammbaumanalyse-Übungen.

Merke

Töchter: ein X vom Vater, ein X von der Mutter. Söhne: X von der Mutter, Y vom Vater. Ein Vater gibt X-chromosomale Merkmale an alle Töchter und an keinen Sohn weiter. Die Mitochondrien-DNA kommt bei allen Kindern von der Mutter.

Nur von der Mutter: die Mitochondrien-DNA

Nicht alle Gene liegen im Zellkern. Die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zelle, besitzen ein eigenes kleines ringförmiges Erbgut. Laut MedlinePlus umfasst es beim Menschen etwa 16.500 Basenpaare mit 37 Genen; 13 davon enthalten Baupläne für Proteine der Zellatmung, die übrigen für RNA-Moleküle. Eine Eizelle enthält sehr viele Mitochondrien, ein Spermium nur wenige im Mittelstück. Die väterlichen Mitochondrien werden nach der Befruchtung gezielt abgebaut. Deshalb wird die mtDNA praktisch ausschließlich von der Mutter an alle ihre Kinder weitergegeben – an Töchter und Söhne. Weiter vererben können sie aber nur die Töchter.

Für die Medizin ist das wichtig: Eine Erkrankung, die durch eine Veränderung der mtDNA entsteht, wird von einer betroffenen Mutter an ihre Kinder weitergegeben, von einem betroffenen Vater dagegen nicht. Weil eine Zelle viele Mitochondrien enthält, die nicht alle dieselbe Variante tragen müssen, kann die Krankheit bei Geschwistern aber unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Mehr über die Organellen erfährst du bei den Mitochondrien.

Genomische Prägung: wenn es doch auf die Herkunft ankommt

Bei den allermeisten Genen ist es egal, ob ein Allel von der Mutter oder vom Vater stammt. Es gibt aber Ausnahmen: Bei einem kleinen Teil der Gene wird je nach Herkunft nur eine Kopie abgelesen, die andere ist durch Methylgruppen an der DNA stillgelegt. Man nennt das genomische Prägung (englisch imprinting). Die Basenfolge ändert sich dabei nicht – es ist ein Mechanismus der Epigenetik.

Ein bekanntes Beispiel liegt auf Chromosom 15. Fehlt in einem bestimmten Abschnitt die Aktivität der väterlichen Kopie, entsteht das Prader-Willi-Syndrom. Fehlt im selben Bereich die Aktivität der mütterlichen Kopie eines bestimmten Gens, entsteht das Angelman-Syndrom – eine ganz andere Erkrankung. Derselbe DNA-Abschnitt führt also zu verschiedenen Folgen, je nachdem, von welchem Elternteil die fehlende Kopie stammt.

Mythen im Faktencheck

Rund um die Frage „Was vererbt der Vater, was die Mutter?“ kursieren viele Behauptungen. Drei davon im Check:

„Intelligenz erbt man nur von der Mutter.“

Falsch. Die Idee stützt sich darauf, dass auf dem X-Chromosom viele Gene liegen, die im Gehirn aktiv sind. Intelligenz hängt aber von sehr vielen Genen ab, die über das ganze Erbgut verteilt sind, und zusätzlich stark von der Umwelt. Eine große Studie mit fast 270.000 Menschen fand 205 Genorte und über 1.000 Gene, die mit Intelligenz zusammenhängen (Savage u. a. 2018). Ein Merkmal mit so vielen beteiligten Genen kann nicht nur von einem Elternteil stammen.

„Die Glatze kommt vom Opa mütterlicherseits.“

Teilweise richtig. Das Androgenrezeptor-Gen (AR), dessen Varianten laut MedlinePlus nachweislich am erblichen Haarausfall beteiligt sind, liegt auf dem X-Chromosom – und das X bekommt ein Mann von seiner Mutter. Forschende gehen aber davon aus, dass weitere Gene und Umweltfaktoren mitwirken. Der Erbgang gilt als unklar; auch die väterliche Seite spielt eine Rolle.

„Kinder sind genetisch zur Hälfte Mutter, zur Hälfte Vater – also genau 50 : 50.“ Fast. Bei den Autosomen stimmt es, bei Söhnen kommt aber das große X von der Mutter und nur das kleine Y vom Vater, und die mtDNA stammt bei allen Kindern von der Mutter. Ähnlichkeit im Aussehen lässt sich daraus trotzdem nicht ableiten: Ob ein Kind „nach dem Vater kommt“, hängt davon ab, welche Allele es zufällig erhalten hat und wie sie zusammenwirken.

Typische Fehler

  • „Der Vater gibt seinem Sohn ein X.“ Nein – Söhne erhalten vom Vater das Y. Wer ein Y bekommt, ist genetisch männlich.
  • „Eine Tochter bekommt eines der beiden X des Vaters.“ Der Vater hat nur ein X. Jede Tochter erhält genau dieses.
  • „Mitochondrien-DNA vererbt nur die Mutter an ihre Töchter.“ Auch Söhne erhalten die mütterliche mtDNA. Sie geben sie nur nicht weiter.

Fachbegriffe

Autosomen
Die 22 Chromosomenpaare, die keine Geschlechtschromosomen sind; bei Frauen und Männern gleich.
Gonosomen
Geschlechtschromosomen X und Y; Frauen meist XX, Männer meist XY.
Mitochondrien-DNA (mtDNA)
Kleines ringförmiges Erbgut der Mitochondrien mit 37 Genen; wird über die Eizelle vererbt.
X-Inaktivierung
Zufälliges, weitgehendes Stilllegen eines der beiden X-Chromosomen in jeder Körperzelle von Frauen.
genomische Prägung
Epigenetische Markierung, durch die bei manchen Genen nur die mütterliche oder nur die väterliche Kopie aktiv ist.

Aufgaben

AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen

  1. AFB INenne, welche Geschlechtschromosomen und welche DNA außerhalb des Zellkerns ein Sohn von seinem Vater und von seiner Mutter erhält.
    Lösung anzeigen

    Vom Vater: das Y-Chromosom. Von der Mutter: ein X-Chromosom und die Mitochondrien-DNA.

  2. AFB IIErkläre, warum zwei Schwestern auf ihrem väterlichen X-Chromosom genetisch identisch sind, auf dem mütterlichen X aber nicht.
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    Der Vater hat nur ein X und gibt es unverändert an jede Tochter weiter. Die Mutter hat zwei X-Chromosomen. In jeder Meiose entsteht durch Crossing-over und zufällige Verteilung ein anderes Mosaik aus beiden. Jede Schwester erhält deshalb ein anderes mütterliches X, im Durchschnitt zur Hälfte übereinstimmend.

  3. AFB IIWende an: Eine Frau trägt eine krankheitsauslösende Veränderung in ihrer Mitochondrien-DNA, ihr Bruder ebenfalls. Gib an, an welche ihrer Kinder bzw. seiner Kinder die Veränderung weitergegeben werden kann.
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    Die Frau kann sie an alle ihre Kinder weitergeben, an Töchter und Söhne, weil alle ihre mtDNA über die Eizelle erhalten. Ihr Bruder gibt sie an keines seiner Kinder weiter, denn die väterlichen Mitochondrien werden nach der Befruchtung abgebaut. Wie stark Kinder betroffen sind, kann unterschiedlich sein, weil nicht alle Mitochondrien die Veränderung tragen müssen.

  4. AFB IIErläutere am Beispiel von Prader-Willi- und Angelman-Syndrom, was genomische Prägung bedeutet.
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    Bei geprägten Genen ist je nach Herkunft nur eine Kopie aktiv, die andere ist epigenetisch, etwa durch DNA-Methylierung, stillgelegt. Auf Chromosom 15 gibt es einen Abschnitt, in dem manche Gene nur von der väterlichen und ein bestimmtes Gen nur von der mütterlichen Kopie abgelesen werden. Fehlt die Aktivität der väterlichen Kopie, entsteht das Prader-Willi-Syndrom, fehlt die mütterliche, das Angelman-Syndrom. Es kommt also nicht nur auf die DNA-Sequenz an, sondern auch darauf, von welchem Elternteil sie stammt.

  5. AFB IIIBeurteile die Schlagzeile „Kluge Kinder? Danke, Mama! Intelligenz wird über die Mutter vererbt“.
    Lösung anzeigen

    Die Schlagzeile ist irreführend. Richtig ist, dass Söhne ihr X-Chromosom von der Mutter erhalten und dass dort auch Gene liegen, die im Gehirn aktiv sind. Intelligenz ist aber ein polygenes Merkmal: Große Studien finden Hunderte beteiligte Genorte auf vielen verschiedenen Chromosomen, die Kinder von beiden Eltern zu gleichen Teilen erhalten. Außerdem beeinflussen Umweltfaktoren wie Bildung und Förderung die Entwicklung stark. Eine Zuschreibung an nur einen Elternteil ist wissenschaftlich nicht haltbar; die Schlagzeile vereinfacht einen Teilaspekt zu einer falschen Gesamtaussage.

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Quellen & Stand

Stand: Oktober 2026.

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