Blutgruppen-Vererbung: das AB0-System
Vertiefung zum ThemaErbgänge
Mutter A, Vater B – und das Kind hat Blutgruppe 0? Das klingt nach einem Rätsel, ist aber ganz normal. Die Blutgruppen-Vererbung im AB0-System ist eines der besten Beispiele dafür, wie Allele zusammenwirken. Mit einer einzigen Tabelle kannst du für jedes Elternpaar sagen, welche Blutgruppen ihre Kinder haben können.
Einfach erklärt
Diese Seite vertieft das Thema Erbgänge. Deine Blutgruppe hängt von einem einzigen Gen ab. Ein Gen ist ein Abschnitt im Erbgut. Von diesem Gen gibt es drei häufige Varianten: A, B und 0. Diese Varianten heißen Allele. Jeder Mensch trägt zwei davon.
A und B zeigen sich beide nebeneinander. Das heißt kodominant. Blutgruppe AB ist also keine Mischung. Das Allel 0 zeigt sich nur doppelt. So entstehen vier Blutgruppen: A, B, AB und 0.
Das Wichtigste:
- Mutter A und Vater B können ein Kind mit Blutgruppe 0 bekommen. Dann tragen beide ein verdecktes Allel 0.
- Zwei Eltern mit Blutgruppe 0 bekommen nur Kinder mit Blutgruppe 0.
- Der Rhesusfaktor ist ein zweites Merkmal im Blut. Er wird unabhängig von A, B und 0 vererbt.
- Blutgruppen können eine Vaterschaft nie beweisen.
Merke: A und B zeigen sich beide, 0 zeigt sich nur doppelt.
Kurz gesagt
Die Blutgruppen-Vererbung im AB0-System beruht auf einem Gen mit drei häufigen Allelen: A, B und 0. Jeder Mensch trägt zwei davon. A und B sind zueinander kodominant, beide sind dominant über 0. Deshalb gibt es sechs Genotypen, aber nur vier Blutgruppen. Aus den Blutgruppen der Eltern lässt sich ablesen, welche Blutgruppen ihre Kinder haben können – und welche nicht.
Das lernst du hier
- die sechs Genotypen den vier Blutgruppen zuordnen,
- mögliche Blutgruppen von Kindern mit Wahrscheinlichkeiten ermitteln,
- die Vererbung des Rhesusfaktors vereinfacht erklären,
- beurteilen, was Blutgruppen über eine Vaterschaft aussagen können.
Blutgruppen-Vererbung: ein Gen, drei Allele
Die AB0-Blutgruppe wird durch ein einziges Gen auf Chromosom 9 bestimmt. Es enthält den Bauplan für ein Enzym, das Zuckerbausteine an die Oberfläche der roten Blutkörperchen hängt. Ausgangspunkt ist dabei eine Grundstruktur, das H-Antigen. Das Allel A codiert ein Enzym, das daran einen bestimmten Zucker anhängt: Es entsteht das A-Antigen. Das Allel B codiert eine leicht veränderte Enzymvariante, die einen anderen Zucker anhängt: das B-Antigen. Dem häufigsten Allel 0 fehlt eine einzige Base. Dadurch verschiebt sich das Leseraster, und es entsteht kein funktionsfähiges Enzym – das H-Antigen bleibt unverändert.
Daraus erklären sich die Dominanzverhältnisse: Ein einziges Allel A genügt, um A-Antigene zu bilden, das 0 bleibt verdeckt. Wer A und B trägt, bildet beide Enzyme und beide Antigene nebeneinander. Diese gleichberechtigte Ausprägung heißt Kodominanz. Gibt es für ein Gen in der Bevölkerung mehr als zwei Allele, spricht man von multipler Allelie. Damit ist die Blutgruppe ein Paradebeispiel für ein Merkmal, das im Wesentlichen von einem einzigen Gen bestimmt wird – ganz anders als die Vererbung der Augenfarbe, an der viele Gene mitwirken.
| Genotyp | Antigene auf den roten Blutkörperchen | Blutgruppe |
|---|---|---|
| AA | A | A |
| A0 | A (und unverändertes H) | A |
| BB | B | B |
| B0 | B (und unverändertes H) | B |
| AB | A und B | AB |
| 00 | nur H | 0 |
Welche Blutgruppe kann das Kind haben?
Weil du bei den Blutgruppen A und B den Genotyp nicht kennst (AA oder A0?), musst du für jede Elternblutgruppe alle möglichen Genotypen durchspielen. Das Ergebnis für alle zehn Kombinationen zeigt die Eltern-Kind-Tabelle. Die Zusammenhänge mit anderen Erbgängen findest du auf der Übersichtsseite zu den Erbgängen und genetischen Zusammenhängen.
| Blutgruppen der Eltern | mögliche Blutgruppen der Kinder | nicht möglich |
|---|---|---|
| 0 × 0 | 0 | A, B, AB |
| 0 × A | 0, A | B, AB |
| 0 × B | 0, B | A, AB |
| 0 × AB | A, B | 0, AB |
| A × A | 0, A | B, AB |
| A × B | 0, A, B, AB | – |
| A × AB | A, B, AB | 0 |
| B × B | 0, B | A, AB |
| B × AB | A, B, AB | 0 |
| AB × AB | A, B, AB | 0 |
Die Tabelle zeigt nur, was möglich ist. Wie wahrscheinlich eine Blutgruppe ist, hängt von den Genotypen ab. Zwei Beispiele für die Kombination A × B:
- A0 × B0Keimzellen der Mutter: A oder 0, des Vaters: B oder 0. Jedes Kind hat mit je 1/4 die Blutgruppe AB (AB), A (A0), B (B0) oder 0 (00).
- AA × B0Die Mutter gibt immer A weiter. Kinder sind mit je 1/2 AB oder A0 (Blutgruppe A). Blutgruppe 0 oder B ist hier unmöglich.
Merke
A und B sind kodominant, 0 ist rezessiv. Ein Elternteil mit Blutgruppe AB kann kein Kind mit Blutgruppe 0 haben, zwei Eltern mit Blutgruppe 0 bekommen nur Kinder mit Blutgruppe 0. Von einer Blutgruppe A oder B kannst du nicht sicher auf den Genotyp schließen.
Der Rhesusfaktor vereinfacht
Neben dem AB0-System ist der Rhesusfaktor (genauer: das Rhesus-Antigen D) das zweite wichtige Blutgruppenmerkmal. Vereinfacht gilt: Wer mindestens ein Allel D besitzt, ist Rhesus-positiv (DD oder Dd). Wer zwei Allele d hat, ist Rhesus-negativ (dd). Bei Menschen mit europäischen Vorfahren fehlt Rhesus-Negativen meist das ganze RHD-Gen; laut der NCBI-Fachdatenbank sind etwa 15 % der Menschen europäischer Herkunft Rhesus-negativ. In Deutschland haben laut DRK-Blutspendedienst West zum Beispiel 37 % die Blutgruppe A Rhesus-positiv, 35 % 0 Rhesus-positiv und nur 6 % 0 Rhesus-negativ.
Das RHD-Gen liegt auf Chromosom 1, das AB0-Gen auf Chromosom 9. Beide Merkmale werden deshalb unabhängig voneinander vererbt – wie bei einem dihybriden Erbgang. Zwei Rhesus-positive Eltern (Dd × Dd) können also ein Rhesus-negatives Kind bekommen, mit der Wahrscheinlichkeit 1/4. Medizinisch wichtig ist der Rhesusfaktor in der Schwangerschaft: Ist die Mutter Rhesus-negativ und das Kind Rhesus-positiv, kann sie Antikörper bilden, die in einer späteren Schwangerschaft einem Rhesus-positiven Kind schaden können. Dem beugt man heute mit einer Anti-D-Prophylaxe vor.
Sind Blutgruppen ein Vaterschaftsbeweis?
Nein. Blutgruppen können eine Vaterschaft höchstens unwahrscheinlich machen, aber nie beweisen. Ein Mann mit Blutgruppe A passt zu einem Kind mit Blutgruppe A – aber das tun Millionen andere Männer auch. Selbst ein scheinbarer Ausschluss ist nicht hundertprozentig sicher: Es gibt seltene Allele und Sonderfälle wie den Bombay-Phänotyp (siehe unten), bei denen die Eltern-Kind-Tabelle nicht stimmt.
Abstammungsgutachten beruhen deshalb heute auf DNA-Analysen vieler hochvariabler Erbgutabschnitte. In Deutschland regelt das Gendiagnostikgesetz solche Tests: Sie dürfen nur mit Einwilligung der Betroffenen erfolgen, heimliche Vaterschaftstests ohne diese Einwilligung sind unzulässig.
Typische Fehler
- „Blutgruppe 0 ist dominant, weil sie häufig ist.“ Das Allel 0 ist rezessiv. Häufigkeit und Dominanz haben nichts miteinander zu tun.
- „Eltern mit A und B bekommen ein Kind mit AB.“ Möglich, aber nicht zwingend: Bei A0 × B0 sind alle vier Blutgruppen möglich.
- „Blutgruppe AB ist eine Mischung aus A und B.“ Kodominanz ist keine Mischung: Beide Antigene liegen vollständig nebeneinander vor.
- „Passt die Blutgruppe, ist die Vaterschaft bewiesen.“ Blutgruppen können nur ausschließen, nie beweisen.
Vertiefung Oberstufe: der Bombay-Phänotyp
1952 beschrieben Ärzte in Bombay (heute Mumbai) Menschen, deren Blut sich wie Blutgruppe 0 verhielt, aber in einem wichtigen Punkt abwich: Ihren roten Blutkörperchen fehlte auch das H-Antigen. Die Ursache liegt in einem anderen Gen, FUT1, das das Enzym für den Aufbau des H-Antigens codiert. Wer zwei nicht funktionsfähige Allele dieses Gens trägt (Genotyp hh), bildet kein H-Antigen. Dann fehlt dem AB0-Enzym das Ausgangsmaterial: Selbst mit dem Genotyp AB entstehen weder A- noch B-Antigene.
Das ist ein Beispiel für Epistasie: Ein Gen (H) überdeckt die Wirkung eines anderen (AB0). Für die Familie kann das verwirrend sein. Eine Frau mit Bombay-Phänotyp, die die Allele A und B trägt, wird im Routinetest als „0“ eingestuft. Mit einem Partner der Blutgruppe 0 kann sie trotzdem ein Kind mit Blutgruppe A oder B bekommen – vorausgesetzt, das Kind erhält vom Vater ein funktionierendes Allel H.
Der Bombay-Phänotyp ist selten. Laut der NCBI-Fachdatenbank liegt die Häufigkeit von Bombay- und verwandten Phänotypen in Indien bei etwa 1 zu 10.000, in Europa bei etwa 1 zu einer Million. Medizinisch ist das bedeutsam: Menschen mit Bombay-Phänotyp bilden Antikörper gegen das H-Antigen. Sie vertragen deshalb auch Blut der Gruppe 0 nicht, sondern nur Blut anderer Spenderinnen und Spender mit Bombay-Phänotyp.
Fachbegriffe
- Kodominanz
- Beide Allele eines Gens prägen sich bei Mischerbigen vollständig nebeneinander aus, z. B. Blutgruppe AB.
- multiple Allelie
- Für ein Gen gibt es in der Bevölkerung mehr als zwei Allele, z. B. A, B und 0.
- Antigen
- Struktur, die das Immunsystem erkennen kann; hier Zuckerketten auf den roten Blutkörperchen.
- Rhesusfaktor
- Blutgruppenmerkmal D; Rhesus-positiv (DD, Dd) oder Rhesus-negativ (dd).
- Bombay-Phänotyp
- Seltener Phänotyp ohne H-Antigen (Genotyp hh); A- und B-Antigene können dann nicht gebildet werden.
Aufgaben
AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen
- AFB INenne alle möglichen Genotypen für die Blutgruppen A, B, AB und 0.
Lösung anzeigen
A: AA oder A0. B: BB oder B0. AB: nur AB. 0: nur 00.
- AFB IIErmittle die möglichen Blutgruppen der Kinder und ihre Wahrscheinlichkeiten für die Eltern AB × B0.
Lösung anzeigen
Keimzellen der Mutter: A oder B (je 1/2), des Vaters: B oder 0 (je 1/2). Kinder: AB (Blutgruppe AB) 1/4, A0 (A) 1/4, BB (B) 1/4, B0 (B) 1/4. Ergebnis: A 1/4, B 1/2, AB 1/4; Blutgruppe 0 ist unmöglich.
- AFB IIWende an: Eine Frau mit Blutgruppe A Rhesus-positiv und ein Mann mit Blutgruppe B Rhesus-positiv haben ein Kind mit Blutgruppe 0 Rhesus-negativ. Bestimme die Genotypen der Eltern und berechne die Wahrscheinlichkeit, dass ein weiteres Kind ebenfalls 0 Rhesus-negativ ist.
Lösung anzeigen
Das Kind ist 00 dd. Es hat von jedem Elternteil ein 0 und ein d erhalten. Die Mutter ist also A0 Dd, der Vater B0 Dd. Wahrscheinlichkeit für 00: 1/2 · 1/2 = 1/4. Wahrscheinlichkeit für dd: 1/4. Weil die Gene auf verschiedenen Chromosomen liegen, gilt die Produktregel: 1/4 · 1/4 = 1/16.
- AFB IIIBeurteile die Aussage: „Der Mann hat Blutgruppe AB, das Kind Blutgruppe 0. Damit ist zu 100 % ausgeschlossen, dass er der Vater ist.“
Lösung anzeigen
Nach den normalen Regeln der AB0-Vererbung kann ein Mann mit Blutgruppe AB einem Kind nur A oder B weitergeben; ein Kind mit Blutgruppe 0 (00) wäre nicht möglich. Die Aussage ist trotzdem zu stark. Es gibt seltene Ausnahmen: Hat das Kind den Bombay-Phänotyp (hh), wird es als „0“ eingestuft, obwohl es vom Vater A oder B geerbt haben kann. Zudem gibt es seltene AB0-Allele, die dem einfachen Schema nicht folgen. Ein Blutgruppen-Ausschluss ist also ein starker Hinweis, aber kein Beweis. Sicherheit bringt nur ein DNA-Abstammungsgutachten, das in Deutschland nur mit Einwilligung der Beteiligten erlaubt ist.
Weiterlernen
Quellen & Stand
- Dean, L.: Blood Groups and Red Cell Antigens. NCBI Bookshelf 2005, Kapitel The ABO blood group, The Hh blood group und The Rh blood group.
- DRK-Blutspendedienst West: Blutgruppen (Verteilung in Deutschland).
- Bundesministerium für Gesundheit: Gendiagnostikgesetz.
Stand: Oktober 2026.