Nützlinge: Marienkäfer, Schlupfwespen und Co.
Vertiefung zum ThemaBiologische Schädlingsbekämpfung
In deutschen Gemüsegewächshäusern werden Spinnmilben und Weiße Fliegen heute überwiegend von anderen Tieren erledigt, nicht von Spritzmitteln. Dahinter steckt keine Gentechnik, sondern eine gut verstandene Ökologie – und die Kunst, den richtigen Nützling zur richtigen Zeit in der richtigen Menge auszubringen.
Kurz gesagt
Nützlinge sind Tiere, die Schädlinge fressen oder in ihnen heranwachsen. Zwei Wirkungsweisen muss man unterscheiden: Räuber wie Marienkäferlarven, Florfliegenlarven und Raubmilben töten viele Beutetiere sofort. Parasitoide wie Schlupf- und Erzwespen legen je ein Ei in einen Wirt; der stirbt erst nach Tagen, dafür wächst die Nützlingszahl mit dem Befall. Am besten funktioniert das in Gewächshäusern. Im Freiland gibt es nur wenige erprobte Verfahren, das bekannteste ist Trichogramma gegen den Maiszünsler.
Das lernst du hier
- Räuber und Parasitoide unterscheiden,
- Nützlinge ihren Zielschädlingen zuordnen,
- den Trichogramma-Einsatz im Mais beschreiben,
- das Risiko gebietsfremder Nützlinge beurteilen.
Zwei Wege, einen Schädling loszuwerden
Nützling ist kein biologischer Fachbegriff, sondern eine Nutzungsbezeichnung: gemeint ist jedes Tier, das uns einen Schädling vom Hals hält. Fachlich wichtig ist dagegen die Unterscheidung zwischen zwei Lebensweisen, denn sie bestimmt, wie schnell und wie zuverlässig ein Einsatz wirkt (Abb. 1).
Räuber fressen frei lebend und brauchen viel Beute. Eine Florfliegenlarve oder eine Marienkäferlarve räumt eine Blattlauskolonie in Tagen leer. Das wirkt sofort, hat aber zwei Haken: Der Räuber muss den Befallsherd finden, und wenn die Beute knapp wird, wandert er ab oder frisst Artgenossen.
Parasitoide arbeiten anders. Ein Weibchen legt je ein Ei in oder an ein Wirtstier; die Larve frisst den Wirt von innen auf und tötet ihn erst am Ende ihrer Entwicklung. Dafür sind Parasitoide meist auf wenige Wirtsarten spezialisiert, finden sie über Duftstoffe sehr zuverlässig und vermehren sich mit dem Befall. Parasitoide sind damit keine Räuber im engeren Sinn – und auch keine echten Parasiten, denn ein Parasit lässt seinen Wirt am Leben.
Wer gegen wen: eine Übersicht
Die folgende Zusammenstellung zeigt Nützlinge, die im Erwerbsgartenbau regelmäßig ausgebracht werden. Fast alle sind für den Einsatz unter Glas vorgesehen.
| Nützling | Zielschädling | Wirkungsweise | Hinweis |
|---|---|---|---|
| Erzwespe Encarsia formosa | Weiße Fliege | Parasitoid | muss die ganze Saison über regelmäßig ausgebracht werden |
| Raubwanze Macrolophus pygmaeus | Weiße Fliege | Räuber | entwickelt sich nur an Tomate und Aubergine |
| Raubmilbe Phytoseiulus persimilis | Spinnmilben | Räuber | nur bei vorhandenem Befall sinnvoll |
| Schlupfwespen der Gattung Aphidius | Blattläuse | Parasitoid | vorbeugend oder bei leichtem Befall |
| Florfliegenlarven Chrysoperla carnea | Blattläuse | Räuber | für Befallsherde, wirkt schnell |
| Nematoden Steinernema feltiae | Trauermückenlarven | übertragen tödliche Bakterien | werden in den Boden gegossen |
| Marienkäfer Cryptolaemus montrouzieri | Schmierläuse | Räuber | überwintert bei uns nur im Gewächshaus |
| Schlupfwespe Trichogramma brassicae | Eier des Maiszünslers | Parasitoid | einziges breit genutztes Freilandverfahren |
Auffällig ist, wie eng die Zuordnungen sind. Es gibt kein Allzweckmittel: Für jede Schädlingsart und oft sogar für jede Kultur und Jahreszeit wird eine andere Art empfohlen. Genau das ist die Stärke und zugleich die Schwäche des Verfahrens – es ist zielgenau, verlangt aber Fachwissen und regelmäßige Kontrolle des Bestands.
Merke
Räuber wirken schnell, Parasitoide wirken nachhaltiger, weil sie sich mit dem Befall vermehren. Beide brauchen einen Rest an Schädlingen, um zu überleben. Wer Nützlinge einsetzt, muss deshalb akzeptieren, dass der Schädling nie ganz verschwindet.
Warum das Gewächshaus der Idealfall ist
Unter Glas stimmt fast alles: Es ist warm, die Luftfeuchte lässt sich steuern, und die Nützlinge können kaum abwandern. Vor allem aber dauern die Kulturen lang – eine Tomatenkultur steht fast das ganze Jahr. Ein Parasitoid hat damit Zeit, mehrere Generationen aufzubauen. Im Freiland fehlt beides: Die Tiere fliegen weg, und nach der Ernte ist der Lebensraum verschwunden.
Dazu kommt ein Entweder-oder. Breit wirkende Insektizide töten Nützlinge mit, und Rückstände können noch Wochen später neu eingesetzte Tiere schädigen. Wer biologisch arbeitet, muss sich also festlegen und braucht ein zweites Standbein für Notfälle, zum Beispiel selektive Mittel oder Klebetafeln. Diese Abwägung gehört zur biologischen Schädlingsbekämpfung insgesamt dazu.
Wichtig für die Einordnung: Nichts davon ist Gentechnik. Die eingesetzten Tiere sind unverändert, sie werden nur gezielt vermehrt und ausgebracht. Gentechnische Ansätze gegen Insekten gibt es, sie gehören aber in eine andere Kategorie – ebenso wie die Bestrahlung von Männchen bei der Sterile-Insekten-Technik, die ohne jede Erbgutveränderung auskommt und trotzdem kein Nützlingseinsatz ist.
Trichogramma gegen den Maiszünsler
Der Maiszünsler ist ein Falter, dessen Raupen sich in den Maisstängel fressen; befallene Pflanzen knicken um. Bekämpft wird nicht die Raupe, sondern das Ei: Die winzige Schlupfwespe Trichogramma brassicae legt ihr eigenes Ei in das Ei des Falters. Aus dem Zünslerei schlüpft dann keine Raupe, sondern eine neue Wespe.
Nach einer Fachveröffentlichung des Deutschen Maiskomitees werden dafür üblicherweise rund 100.000 Schlupfwespen je Hektar ausgebracht, je nach Befallsdruck ein- bis zweimal. Die Wespen stecken als Puppen in Kugeln oder in Rähmchen, die man an die Pflanzen hängt oder auf dem Boden verteilt. Der Termin ist entscheidend: Die Wespen müssen da sein, wenn der Falter seine Eier legt, und das hängt stark von der Temperatur ab. Von Hand dauert die Ausbringung etwa 20 Minuten je Hektar, mit einem ferngesteuerten Multikopter nur drei bis fünf Minuten.
Die Dimension zeigt, dass es sich nicht um eine Nische handelt: Von etwa 60.000 Hektar, die in Deutschland gegen den Maiszünsler behandelt werden, entfallen nach derselben Quelle rund 40.000 bis 45.000 Hektar auf das biologische Verfahren.
Wusstest du?
Trichogramma brassicae ist in Deutschland heimisch und weit verbreitet. Trotzdem reicht die natürliche Population nicht aus, um den Maiszünsler in Schach zu halten – deshalb werden zusätzliche Wespen ausgebracht. Biologische Schädlingsbekämpfung heißt oft nicht „neue Art einführen“, sondern „vorhandene Art massiv verstärken“.
Wenn der Nützling zum Problem wird
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde der Asiatische Marienkäfer Harmonia axyridis nach Europa gebracht, weil er Blattläuse außerordentlich wirksam frisst. Ein erwachsener Käfer vertilgt nach einer städtischen Informationsschrift 100 bis 300 Blattläuse am Tag. Genau diese Gefräßigkeit wurde zum Problem, als die Art ins Freiland entkam.
Heute ist sie in weiten Teilen Europas etabliert und verdrängt einheimische Marienkäferarten. Im Weinbau wird sie zum Schädling, weil sie sich in die Trauben drängt und ihre bittere Körperflüssigkeit in den Most gelangen kann. Im Herbst sammelt sie sich in großer Zahl an Hauswänden und dringt durch Ritzen in Gebäude ein, um dort zu überwintern.
Daraus folgt eine Regel, die heute allgemein anerkannt ist: Gebietsfremde Nützlinge sollte man nur dort einsetzen, wo sie nicht dauerhaft überleben können – also im geschlossenen Gewächshaus – oder gar nicht. Für den Garten gilt das besonders, denn dort gibt es keine Scheibe zwischen Beet und Landschaft.
Typische Fehler
- „Parasitoide sind Parasiten.“ Nein. Ein Parasit lebt von seinem Wirt, ohne ihn zu töten; ein Parasitoid tötet ihn immer.
- „Nützlinge rotten den Schädling aus.“ Sie halten ihn unter der Schadschwelle. Verschwindet die Beute ganz, verschwindet auch der Nützling.
- „Mehr hilft mehr.“ Zu viele Räuber auf zu wenig Beute führen zu Abwanderung und Kannibalismus; die Menge wird an den Befall angepasst.
- „Nützlingseinsatz ist Gentechnik.“ Die Tiere sind unverändert. Verändert wird nur, wo und wie viele von ihnen leben.
Vertiefung Oberstufe: Warum der Schädling bleiben muss
Räuber und Beute bilden ein gekoppeltes System. Steigt die Beutedichte, finden Räuber mehr Nahrung, fressen mehr pro Zeit (funktionelle Reaktion) und bekommen mehr Nachkommen (numerische Reaktion). Die Räuberdichte steigt also mit Verzögerung nach. Dadurch bricht die Beute ein – und kurz darauf, wieder verzögert, auch die Räuberpopulation. Es entstehen gedämpfte Schwingungen um ein Gleichgewicht, nicht ein Nullpunkt.
Für die Praxis heißt das dreierlei. Erstens kann biologische Bekämpfung den Schädling grundsätzlich nicht ausrotten: Bei sehr geringer Beutedichte lohnt sich das Suchen für den Räuber nicht mehr. Zweitens ist der Zeitpunkt entscheidend. Wird zu spät ausgebracht, ist der Schädling der Entwicklung des Nützlings so weit voraus, dass der Schaden schon entstanden ist, bevor die Verzögerung aufgeholt wird. Drittens erklärt es, warum Parasitoide oft stabiler wirken als Räuber: Ihre Vermehrung ist direkt an die Wirtsdichte gekoppelt, und sie suchen gezielt nach Wirtsduft, statt zufällig umherzustreifen.
In der Praxis arbeitet man deshalb mit einer Schadschwelle: Erst wenn ein Befall wirtschaftlich relevanten Schaden erwarten lässt, wird eingegriffen. Dieses Denken ist der Kern des integrierten Pflanzenschutzes – überwachen, Schwelle festlegen, möglichst schonend eingreifen, chemische Mittel zuletzt.
Fachbegriffe
- Nützling
- Tier, das Schädlinge frisst oder in ihnen heranwächst; keine systematische Gruppe.
- Räuber
- Frisst im Lauf seines Lebens viele Beutetiere.
- Parasitoid
- Legt ein Ei in einen Wirt; die Larve tötet ihn beim Heranwachsen.
- Schadschwelle
- Befallsstärke, ab der eine Bekämpfung wirtschaftlich sinnvoll wird.
- Neozoon
- Tierart, die durch den Menschen in ein neues Gebiet gelangt ist.
- Integrierter Pflanzenschutz
- Kombination aus Vorbeugen, Überwachen und möglichst schonendem Eingreifen.
Aufgaben
AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen
- AFB INenne je zwei Nützlinge aus der Tabelle, die als Räuber beziehungsweise als Parasitoid wirken.
Lösung anzeigen
Räuber: Raubmilbe Phytoseiulus persimilis gegen Spinnmilben, Florfliegenlarven Chrysoperla carnea gegen Blattläuse, außerdem die Raubwanze Macrolophus pygmaeus und der Marienkäfer Cryptolaemus montrouzieri. Parasitoide: Erzwespe Encarsia formosa gegen die Weiße Fliege, Schlupfwespen der Gattung Aphidius gegen Blattläuse sowie Trichogramma brassicae gegen Eier des Maiszünslers.
- AFB IIErkläre, warum ein Parasitoid den Befallsherd zuverlässiger findet als ein Räuber.
Lösung anzeigen
Parasitoide sind auf wenige Wirtsarten spezialisiert und orientieren sich an Duftstoffen, die der Wirt oder die befallene Pflanze abgibt. Ihre Suche ist dadurch gerichtet. Ein Räuber frisst dagegen ein breiteres Spektrum und sucht weitgehend ungerichtet; er findet einen Herd eher zufällig und wandert ab, wenn die Beute knapp wird. Außerdem steigt die Zahl der Parasitoide unmittelbar mit der Zahl der Wirte, weil jeder parasitierte Wirt einen neuen Nützling liefert.
- AFB IIWerte Abb. 1 aus: Vergleiche, wie schnell beide Wirkungsweisen den Schädling töten, und leite daraus ab, wann welcher Einsatz sinnvoll ist.
Lösung anzeigen
Der Räuber tötet sofort und viele Tiere nacheinander; der Parasitoid tötet nur je einen Wirt, und zwar erst nach ein bis zwei Wochen. Bei akutem, starkem Befall ist deshalb ein Räuber sinnvoll, weil er den Bestand schnell drückt. Vorbeugend oder bei schwachem Befall ist ein Parasitoid überlegen, weil er sich im Bestand selbst vermehrt und den Befall dauerhaft niedrig hält. In der Praxis werden beide kombiniert.
- AFB IIBerechne und beurteile: Ein Betrieb bewirtschaftet 35 Hektar Mais und bringt zweimal je 100.000 Schlupfwespen pro Hektar aus. Wie viele Wespen sind das insgesamt, und wie lange dauert die Ausbringung von Hand bzw. mit Multikopter?
Lösung anzeigen
35 Hektar mal 100.000 mal zwei Durchgänge ergibt 7.000.000 Schlupfwespen. Von Hand: 35 mal 20 Minuten gleich 700 Minuten je Durchgang, also rund 11,7 Stunden, bei zwei Durchgängen etwa 23,3 Stunden. Mit Multikopter bei vier Minuten je Hektar: 140 Minuten je Durchgang, also rund 2,3 Stunden, bei zwei Durchgängen etwa 4,7 Stunden. Die Zeitersparnis ist der Hauptgrund, warum größere Betriebe auf die Luftausbringung umgestiegen sind; sie entscheidet oft darüber, ob der enge Termin überhaupt eingehalten werden kann.
- AFB IIIBeurteile: Ein Gartencenter bietet Asiatische Marienkäfer zum Aussetzen im Hausgarten an. Nimm begründet Stellung.
Lösung anzeigen
Abzulehnen. Die Art ist gebietsfremd, überlebt in Mitteleuropa im Freien und hat sich bereits etabliert; zusätzliche Freisetzungen verschärfen das Problem. Belegte Folgen sind die Verdrängung einheimischer Marienkäferarten, Schäden im Weinbau durch bittere Körperflüssigkeit im Most und Massenansammlungen in Gebäuden. Der kurzfristige Nutzen im eigenen Garten steht in keinem Verhältnis dazu, zumal einheimische Alternativen wie der Zweipunkt-Marienkäfer oder Florfliegenlarven verfügbar sind. Begründete Gegenposition: Im geschlossenen Gewächshaus wäre ein Einsatz vertretbar, weil die Tiere dort nicht entkommen – im offenen Garten gilt das nicht.
Weiterlernen
Quellen & Stand
- Andermatt Biocontrol Suisse AG: Nützlinge – Übersicht zu Arten und Zielschädlingen (Faltblatt).
- Deutsches Maiskomitee: Mit dem Multikopter gegen den Maiszünsler, Fassung 2018, mit Angaben zu Aufwandmengen und Flächen.
- Stadt Halle (Saale): Informationsblatt Asiatischer Marienkäfer zu Herkunft, Fraßleistung und Problemen.
Stand: Oktober 2026.