Mendels Erbsenversuche: Merkmale, Methode, Ergebnisse
Vertiefung zum ThemaGregor Mendel
Acht Jahre, Tausende Pflanzen, fast 20.000 gezählte Samen und Pflanzen allein in der zweiten Generation: Mendels Erbsenversuche gehören zu den sorgfältigsten Experimenten des 19. Jahrhunderts. Hier siehst du, welche sieben Merkmale Mendel untersuchte, wie seine Versuche Jahr für Jahr abliefen und was seine Zahlen bis heute verraten.
Kurz gesagt
Mendels Erbsenversuche waren Kreuzungsexperimente mit der Gartenerbse (Pisum sativum), die Gregor Mendel im Klostergarten in Brünn durchführte, meist datiert auf die Jahre 1856 bis 1863. Er kreuzte reinerbige Sorten, die sich in sieben klar unterscheidbaren Merkmalen unterschieden, und zählte die Nachkommen über mehrere Generationen. In der zweiten Tochtergeneration fand er bei allen sieben Merkmalen ein Verhältnis von etwa 3 : 1. Vorgestellt hat er die Ergebnisse 1865, gedruckt wurden sie 1866.
Das lernst du hier
- die sieben Merkmalspaare von Mendels Erbsenversuchen nennen,
- den Ablauf der Versuche über mehrere Jahre beschreiben,
- Mendels Originalzahlen auswerten und mit den Erwartungswerten vergleichen,
- Mendels Vorgehen als Beispiel für wissenschaftliches Arbeiten beurteilen.
Die sieben Merkmale in Mendels Erbsenversuchen
Bevor Gregor Mendel mit dem Kreuzen begann, besorgte er sich 34 Erbsensorten und prüfte sie zwei Jahre lang. 22 Sorten wählte er aus, weil sie ihre Merkmale zuverlässig unverändert weitergaben. Aus den vielen Unterschieden zwischen den Sorten suchte er sieben Merkmalspaare heraus, die sich eindeutig in zwei Formen einteilen ließen. In seiner Arbeit nannte er die Form, die sich bei den Mischlingen durchsetzt, „dominirend“, die verdeckte „recessiv“. Von ihm stammen also die Begriffe dominant und rezessiv.
| Merkmal | dominant | rezessiv | zweite Tochtergeneration | Verhältnis |
|---|---|---|---|---|
| Form der reifen Samen | rund | kantig-runzlig | 5474 : 1850 | 2,96 : 1 |
| Farbe der Keimblätter | gelb | grün | 6022 : 2001 | 3,01 : 1 |
| Farbe der Samenschale | graubraun (mit violettroten Blüten) | weiß (mit weißen Blüten) | 705 : 224 | 3,15 : 1 |
| Form der reifen Hülse | einfach gewölbt | eingeschnürt | 882 : 299 | 2,95 : 1 |
| Farbe der unreifen Hülse | grün | gelb | 428 : 152 | 2,82 : 1 |
| Stellung der Blüten | entlang der Sprossachse | am Ende gehäuft | 651 : 207 | 3,14 : 1 |
| Länge der Sprossachse | lang | kurz (zwergig) | 787 : 277 | 2,84 : 1 |
Die Zahlen stammen aus Mendels Originalarbeit „Versuche über Pflanzen-Hybriden“. Achte auf die Größenordnungen: Bei den ersten beiden Merkmalen zählte Mendel Tausende, bei den übrigen nur einige Hundert. Der Grund liegt im Ablauf der Versuche.
Mendels Erbsenversuche Schritt für Schritt
Ein einzelner Versuch zog sich über mehrere Jahre, denn eine Erbsengeneration braucht eine Vegetationsperiode. So lief ein typischer Versuch ab:
- Jahr 1: KreuzenMendel öffnete die noch nicht voll entwickelte Knospe der einen Sorte, entfernte das Schiffchen und nahm jedes Staubblatt mit einer Pinzette heraus. Dann bestäubte er die Narbe mit Pollen der anderen Sorte. Die so entstandenen Samen gehören bereits zur ersten Tochtergeneration. Bei Samenmerkmalen sah er deshalb schon im ersten Herbst, dass alle Nachkommen gleich aussahen.
- Jahr 2: Mischlinge wachsenAus den Samen wuchsen die Mischlinge, die Mendel „Hybriden“ nannte. Er ließ sie sich selbst bestäuben. An ihren Pflanzen sah er die Pflanzenmerkmale der ersten Tochtergeneration; in ihren Hülsen reiften bereits die Samen der zweiten Tochtergeneration. Für Form und Farbe der Samen konnte er also schon jetzt Tausende Samen auszählen, etwa 7324 Samen von 253 Mischlingspflanzen im ersten Versuch.
- Jahr 3: Pflanzenmerkmale zählenFür Merkmale wie die Länge der Sprossachse musste Mendel die Samen erst aussäen und die Pflanzen heranwachsen lassen. Deshalb sind diese Zahlen kleiner: Jede Pflanze zählt einmal, nicht jeder Samen.
- Ab Jahr 3: Nachkommen testenMendel ließ Pflanzen mit dominantem Merkmal sich selbst bestäuben und prüfte ihre Nachkommen. So unterschied er reinerbige von mischerbigen Pflanzen. Die Versuche 1 und 2 führte er über sechs Generationen fort, die Versuche 3 und 7 über fünf, die übrigen über vier.
- Zwei und drei Merkmale gleichzeitigSchließlich kreuzte er Sorten, die sich in zwei oder drei Merkmalen unterschieden. Im Versuch mit Samenform und Samenfarbe erhielt er von 15 Pflanzen 556 Samen: 315 rund-gelb, 101 kantig-gelb, 108 rund-grün und 32 kantig-grün. Wie man diese Zahlen deutet, zeigt die Seite dihybrider Erbgang.
Merke
Mendels Erbsenversuche: 34 Sorten geprüft, 22 ausgewählt, 7 Merkmalspaare. Reinerbige Eltern kreuzen, Mischlinge sich selbst bestäuben lassen, Nachkommen über mehrere Generationen zählen. Ergebnis in der zweiten Tochtergeneration: immer etwa 3 : 1. Vorträge 1865, Druck 1866.
Was Mendels Methode so verlässlich machte
Gute Ergebnisse entstehen nicht nur durch eine gute Idee, sondern durch saubere Kontrolle. Mendel dachte an mögliche Störungen und baute Gegenproben ein:
- Fremdbestäubung ausschließen: Erbsen bestäuben sich meist schon in der geschlossenen Blüte selbst. Mendel wusste aber, dass Insekten wie der Erbsenkäfer (Bruchus pisi) Pollen verschleppen können. Er stellte deshalb Topfpflanzen während der Blüte zur Kontrolle ins Gewächshaus. Unter mehr als 10.000 genauer untersuchten Pflanzen fand er nur wenige sichere Fälle von Fremdbestäubung.
- Rollen tauschen: In allen Versuchen kreuzte er auch wechselseitig, lieferte also einmal die eine, einmal die andere Sorte den Pollen. Für das Ergebnis spielte das keine Rolle.
- Abweichungen nachprüfen: Beim Test der Nachkommen im fünften Versuch fand er zunächst ein Verhältnis von 60 : 40 statt der erwarteten 2 : 1. Er wiederholte den Versuch und erhielt 65 : 35.
- Vorhersagen treffen: Aus seinen Zahlen leitete Mendel eine Erklärung ab und sagte das Ergebnis neuer Kreuzungen voraus. Ein Werkzeug dafür ist die Rückkreuzung.
Für seine Erklärung erfand Mendel eine eigene Schreibweise: A für das dominante, a für das rezessive Merkmal, Aa für den Mischling. Die zweite Tochtergeneration beschrieb er als Reihe A + 2Aa + a, das entspricht dem heutigen Genotyp-Verhältnis 1 : 2 : 1. Warum diese Arbeit trotzdem jahrzehntelang kaum beachtet wurde und erst 1900 Anerkennung fand, erzählt die Seite 1900: die Wiederentdeckung der Mendelschen Regeln.
Typische Fehler
- „Mendel sprach von F1 und F2.“ Die Abkürzungen kamen erst nach 1900 auf. Mendel nannte die Mischlinge „Hybriden“ und deren Nachkommen „die erste Generation der Hybriden“, also unsere F2.
- „Mendel zählte immer Samen.“ Nur zwei Merkmale lassen sich am Samen ablesen. Für die anderen fünf musste er Pflanzen aufziehen.
- „Mendel fand genau 3 : 1.“ Seine Werte schwanken zwischen 2,82 : 1 und 3,15 : 1. Erst zusammen ergeben sie 2,98 : 1.
- „Die Erbsenversuche dauerten ein Jahr.“ Ein Merkmal über mehrere Generationen zu verfolgen, dauerte Jahre. Insgesamt sprach Mendel von acht Jahren Arbeit.
Vertiefung Oberstufe: Der Test auf Reinerbigkeit in Zahlen
Nach Mendels Erklärung müssten unter den Pflanzen mit dominantem Merkmal in der zweiten Tochtergeneration ein Drittel reinerbig (AA) und zwei Drittel mischerbig (Aa) sein. Mendel prüfte das, indem er diese Pflanzen sich selbst bestäuben ließ: Reinerbige bringen nur dominante Nachkommen hervor, mischerbige auch rezessive. Seine Ergebnisse:
| Versuch | reinerbig | mischerbig |
|---|---|---|
| 1 Samenform | 193 | 372 |
| 2 Samenfarbe | 166 | 353 |
| 3 bis 7 (je 100 Pflanzen) | 36, 29, 40, 33, 28 | 64, 71, 60, 67, 72 |
Zusammen sind das 525 reinerbige und 1059 mischerbige Pflanzen, ein Verhältnis von etwa 1 : 2,02. Das passt hervorragend zur Vorhersage. Gerade diese gute Übereinstimmung wurde später zum Diskussionspunkt: Bei den Pflanzenmerkmalen testete Mendel jede Pflanze nur an zehn Nachkommen. Auch eine mischerbige Pflanze bringt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zehnmal nur dominante Nachkommen hervor und wird dann fälschlich als reinerbig eingestuft. Die Wahrscheinlichkeit dafür beträgt (3/4)¹⁰ ≈ 5,6 %. Zu erwarten wären deshalb nicht 33, sondern etwa 37 scheinbar reinerbige Pflanzen von 100. Der Statistiker Ronald Fisher argumentierte 1936, Mendels Ergebnisse lägen deshalb zu nah am Ideal. Wie diese Kritik heute bewertet wird, liest du auf der Hauptseite über Gregor Mendel. An Mendels Kernaussagen ändert sie nichts.
Fachbegriffe
- reine Linie
- Sorte, die ein Merkmal bei Selbstbestäubung unverändert an alle Nachkommen weitergibt.
- Kastration
- Entfernen der Staubblätter aus der Knospe, damit keine Selbstbestäubung stattfindet.
- künstliche Bestäubung
- Gezieltes Übertragen von Pollen einer bestimmten Pflanze auf die Narbe einer anderen.
- Hybride
- Bei Mendel: Mischling aus der Kreuzung zweier Sorten, heute F1 genannt.
- Merkmalspaar
- Zwei Ausprägungen eines Merkmals, z. B. gelbe und grüne Keimblätter.
- dominant / rezessiv
- Ausprägung, die sich beim Mischling durchsetzt bzw. verdeckt bleibt; Begriffe von Mendel.
Aufgaben
AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen
- AFB INenne vier der sieben Merkmalspaare aus Mendels Erbsenversuchen mit dominanter und rezessiver Ausprägung.
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Zum Beispiel: Samenform rund / kantig-runzlig; Farbe der Keimblätter gelb / grün; Samenschale graubraun / weiß; Hülsenform gewölbt / eingeschnürt; Farbe der unreifen Hülse grün / gelb; Blütenstellung entlang der Achse / am Ende; Sprossachse lang / kurz.
- AFB IIBerechne aus der Tabelle die Gesamtzahl aller dominanten und aller rezessiven Ausprägungen der sieben Versuche und das Gesamtverhältnis.
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Dominant: 5474 + 6022 + 705 + 882 + 428 + 651 + 787 = 14.949. Rezessiv: 1850 + 2001 + 224 + 299 + 152 + 207 + 277 = 5010. Verhältnis: 14.949 : 5010 ≈ 2,98 : 1, also sehr nahe an 3 : 1.
- AFB IIErkläre, warum Mendel für Samenform und Samenfarbe ein Jahr früher Ergebnisse der zweiten Tochtergeneration hatte als für die Länge der Sprossachse und warum diese Zahlen viel größer sind.
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Ein Samen ist bereits der Nachkomme: Seine Form und die Farbe der Keimblätter werden vom Erbgut des Embryos bestimmt. Die Samen in den Hülsen der Mischlinge gehören also schon zur zweiten Tochtergeneration und können sofort gezählt werden; jede Pflanze trägt viele Samen. Die Länge der Sprossachse zeigt sich erst an der erwachsenen Pflanze. Dafür mussten die Samen ein Jahr später ausgesät werden, und jede Pflanze zählt nur einmal. Deshalb sind diese Stichproben kleiner.
- AFB IIWerte aus: Berechne für Mendels Versuch mit zwei Merkmalen (556 Samen) die nach 9 : 3 : 3 : 1 erwarteten Anzahlen und vergleiche sie mit den beobachteten.
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Erwartet: rund-gelb 556 · 9/16 = 312,75; kantig-gelb 556 · 3/16 = 104,25; rund-grün 104,25; kantig-grün 556 · 1/16 = 34,75. Beobachtet: 315, 101, 108 und 32. Die Abweichungen betragen nur wenige Samen je Klasse; die Daten passen gut zum Verhältnis 9 : 3 : 3 : 1.
- AFB IIIBeurteile die Aussage: „Mendel hätte mit 20 Pflanzen pro Merkmal dieselben Schlüsse ziehen können.“
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Die Aussage ist kaum haltbar. Bei 20 Nachkommen erwartet man 15 dominante und 5 rezessive, durch Zufall sind aber auch 12 : 8 oder 18 : 2 gut möglich. Ein Verhältnis von 3 : 1 wäre so nicht sicher zu erkennen, erst recht nicht 1 : 2 bei der Prüfung auf Reinerbigkeit oder 9 : 3 : 3 : 1 mit vier Klassen. Erst große Zahlen machen zufällige Schwankungen klein; bei Mendels Samenzählungen mit Tausenden Samen lagen die Werte sehr nahe am Erwartungswert. Allerdings: Wer die Hypothese bereits kennt, kann sie auch mit kleineren, aber wiederholten Versuchen prüfen und statistisch auswerten. Für die Entdeckung der Regel waren die großen Zahlen jedoch entscheidend.
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Quellen & Stand
- Mendel, G.: Versuche über Pflanzen-Hybriden. Verhandlungen des naturforschenden Vereines in Brünn IV (1866). Online bei MendelWeb: Originaltext, Anmerkungen.
- Mendel Museum der Masaryk-Universität Brno: Gregor Johann Mendel.
Stand: Oktober 2026.