1900: die Wiederentdeckung der Mendelschen Regeln
Vertiefung zum ThemaGregor Mendel
1866 lag die Lösung für eines der größten Rätsel der Biologie gedruckt in Bibliotheken – und kaum jemand nahm Notiz davon. 34 Jahre später stießen drei Botaniker fast gleichzeitig auf dieselben Zahlen und dann auf Mendels Arbeit. Die Geschichte der Wiederentdeckung Mendels zeigt, dass eine Entdeckung nicht nur richtig, sondern auch zur richtigen Zeit verständlich sein muss.
Einfach erklärt
Diese Seite vertieft das Thema Gregor Mendel. Mendels Arbeit erscheint 1866 gedruckt. Danach beachtet sie 34 Jahre lang kaum jemand. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Sie erscheint in einer kleinen Zeitschrift aus Brünn.
- Rechnen mit Zahlen ist für Pflanzenforscher damals ungewohnt.
- Chromosomen und ihre Teilung sind noch nicht beschrieben.
- Ab 1868 leitet Mendel sein Kloster und hat kaum Zeit für Forschung.
Im Jahr 1900 stoßen drei Pflanzenforscher auf dieselben Regeln. Sie heißen Hugo de Vries, Carl Correns und Erich von Tschermak. Sie arbeiten unabhängig voneinander. Danach finden sie Mendels Arbeit. Man spricht von der Wiederentdeckung.
Danach wächst die neue Wissenschaft schnell. William Bateson nennt sie Genetik – das ist die Wissenschaft von der Vererbung. Wilhelm Johannsen erfindet 1909 das Wort Gen für eine Erbanlage. Forschende erkennen auch: Die Erbanlagen liegen auf den Chromosomen.
Merke: 1900 entdecken drei Forscher Mendels Regeln neu, und daraus entsteht die Genetik.
Kurz gesagt
Die Wiederentdeckung der Mendelschen Regeln fand im Jahr 1900 statt: Hugo de Vries, Carl Correns und Erich von Tschermak stießen bei eigenen Kreuzungsversuchen unabhängig voneinander auf dieselben Zahlenverhältnisse wie Mendel und dann auf seine Arbeit von 1866. Wie viel Tschermak tatsächlich verstanden hatte, ist unter Wissenschaftshistorikern umstritten. Aus der Wiederentdeckung wurde rasch eine neue Wissenschaft: William Bateson prägte 1905/06 das Wort Genetik, Wilhelm Johannsen 1909 den Begriff Gen.
Das lernst du hier
- mögliche Gründe für die späte Anerkennung Mendels erläutern und gewichten,
- die Rollen von de Vries, Correns und Tschermak beschreiben,
- die Entwicklung von 1900 bis 1910 in eine Zeitleiste einordnen,
- die Aussage, Mendel sei „seiner Zeit voraus“ gewesen, beurteilen.
Warum wurde Mendel 34 Jahre lang kaum beachtet?
Ganz unbekannt war die Arbeit von Gregor Mendel nicht. Rund 115 Exemplare der Zeitschrift, in der sie erschien, gingen an Bibliotheken und Gesellschaften. Mendel schrieb außerdem an den angesehenen Münchner Botaniker Carl Nägeli. Trotzdem zog vor 1900 niemand die Folgerungen, die heute selbstverständlich wirken. Historiker nennen mehrere Gründe, die unterschiedlich schwer wiegen:
| Möglicher Grund | Worum es geht | Einschätzung |
|---|---|---|
| Ort der Veröffentlichung | eine regionale Vereinszeitschrift aus Brünn, kein führendes Fachblatt | erschwerte die Verbreitung, erklärt aber nicht, warum Leser wie Nägeli die Bedeutung nicht erkannten |
| ungewohnte Methode | Botaniker beschrieben Pflanzen, sie rechneten selten mit Verhältnissen und Wahrscheinlichkeiten | wichtig: Ohne Statistik blieben die Zahlen abstrakt |
| herrschende Vorstellungen | Viele gingen von einer Vermischung der Erbanlagen aus; im Mittelpunkt stand Darwins Evolutionstheorie mit fließenden Unterschieden | wichtig: Mendels getrennte Einheiten passten nicht ins Bild |
| fehlende Zellbiologie | Chromosomen und Meiose waren noch nicht beschrieben; niemand konnte sagen, wo Mendels „Elemente“ in der Zelle stecken | sehr wichtig: Erst als man die Meiose kannte, ergab Mendels Erklärung einen sichtbaren Sinn |
| Rückschlag beim Habichtskraut | Auf Nägelis Rat untersuchte Mendel Habichtskräuter; deren Samen entstehen oft ohne Befruchtung, die Regeln traten nicht auf | ließ Mendel selbst an der Allgemeingültigkeit zweifeln |
| Amt als Abt | Ab 1868 leitete Mendel sein Kloster und hatte kaum Zeit für Forschung | verhinderte weitere Werbung für seine Ideen |
Einige Wissenschaftshistoriker gehen noch weiter: Mendel habe sich selbst vor allem als Forscher zur Entstehung von Pflanzenhybriden verstanden, nicht als Entdecker allgemeiner Vererbungsgesetze. Seine Arbeit sei erst durch die Brille von 1900 zu dem geworden, als was wir sie heute lesen. Wie stark man das gewichtet, ist eine Frage der Deutung. Einig sind sich die meisten darin, dass das fehlende Wissen über Chromosomen ein Kernpunkt war.
Die Wiederentdeckung Mendels im Jahr 1900
Im Frühjahr 1900 erschienen innerhalb weniger Monate Arbeiten von drei Botanikern, die unabhängig voneinander mit Kreuzungen experimentiert hatten:
- Hugo de Vries (Amsterdam)Der niederländische Botaniker hatte bei vielen Pflanzenarten Aufspaltungen im Verhältnis 3 : 1 beobachtet. In seiner ersten, französischen Mitteilung erwähnte er Mendel nicht. Erst nach Kritik von Correns erkannte er Mendels Vorrang an. Bekannt wurde de Vries vor allem durch seine Mutationstheorie; er führte den Begriff „Mutation“ in die Biologie ein.
- Carl Correns (Tübingen)Correns hatte seit 1892 Kreuzungsversuche durchgeführt, unter anderem mit Erbsen. In seiner Arbeit von 1900 stellte er Mendels Ergebnisse ausdrücklich in den Mittelpunkt und sprach von „G. Mendel’s Regel“. Eine Ironie der Geschichte: Correns war ein Schüler ausgerechnet jenes Carl Nägeli, der Mendels Arbeit Jahrzehnte zuvor nicht erkannt hatte.
- Erich von Tschermak (Wien)Der österreichische Pflanzenzüchter veröffentlichte im selben Jahr Kreuzungsversuche mit Erbsen und verwies auf Mendel. Ob er die Bedeutung der Zahlenverhältnisse damals wirklich verstanden hatte, wird heute bezweifelt. Viele Historiker sehen seinen Anteil als geringer an als den der beiden anderen.
Dass gleich drei Forscher im selben Jahr auf dieselben Regeln stießen, ist kein Zufall. Um 1900 wusste man, dass Chromosomen bei der Bildung der Keimzellen halbiert werden, und viele Züchter suchten nach Regeln für ihre Kreuzungen. Die Zeit war reif. Was Mendel schon 1865 erkannt hatte, wie seine Daten zustande kamen und wie er sie auswertete, zeigt die Seite Mendels Erbsenversuche.
Nach 1900: Wie aus Mendels Regeln die Genetik wurde
Am lautesten warb in England der Zoologe William Bateson für Mendel. Er sorgte für eine englische Übersetzung der Arbeit und verteidigte sie 1902 in seinem Buch „Mendel’s Principles of Heredity: A Defence“. Wegen seines Eifers erhielt er den Spitznamen „Mendels Bulldogge“. In einem Brief vom 18. April 1905 schlug er für das neue Fach den Namen „Genetics“ vor, öffentlich verwendete er ihn 1906 auf einer internationalen Konferenz in London. Gemeinsam mit Edith Saunders prägte er den Begriff „allelomorph“, aus dem unser Wort Allel wurde, und mit Reginald Punnett und Saunders entdeckte er gekoppelte Vererbung.
Der dänische Botaniker Wilhelm Johannsen führte 1909 in seinem Buch „Elemente der exakten Erblichkeitslehre“ das Wort Gen ein, abgeleitet von de Vries‘ älterem Begriff „Pangene“. Im selben Buch verwendete er erstmals die Begriffe Genotyp und Phänotyp. Was Gene stofflich sind, wusste damals noch niemand.
Gleichzeitig wurde klar, wo Mendels Erbanlagen sitzen. Walter Sutton und Theodor Boveri erkannten um 1902/03, dass sich Chromosomen in der Meiose genau so verhalten, wie Mendels Regeln es verlangen: paarweise vorhanden, bei der Keimzellbildung getrennt, unabhängig voneinander verteilt. Ab 1910 lieferte Thomas Hunt Morgan mit der Fruchtfliege starke Belege dafür. Wie diese Chromosomentheorie der Vererbung funktioniert, erklärt eine eigene Seite. Die heute übliche Einteilung in drei Mendelsche Regeln stammt übrigens ebenfalls aus dieser Zeit nach 1900.
Merke
Mendel 1865/66 – Wiederentdeckung 1900 durch de Vries, Correns und Tschermak (Anteil Tschermaks umstritten). Danach: Chromosomentheorie (Sutton, Boveri, 1902/03), „Genetik“ (Bateson, 1905/06), „Gen“, „Genotyp“, „Phänotyp“ (Johannsen, 1909). Hauptgrund für die späte Anerkennung: Erst mit dem Wissen über Chromosomen und Meiose wurde Mendels Erklärung verständlich.
Typische Fehler
- „1900 wurde Mendel entdeckt.“ Wiederentdeckt wurde seine Arbeit. Mendel selbst war schon 1884 gestorben.
- „Die drei Botaniker arbeiteten zusammen.“ Sie forschten unabhängig voneinander und konkurrierten sogar um den Vorrang.
- „Niemand hatte Mendels Arbeit je gesehen.“ Die Zeitschrift wurde verschickt, Nägeli kannte die Ergebnisse aus Briefen. Es fehlte nicht die Arbeit, sondern das Verständnis.
- „Mendel prägte das Wort Gen.“ Mendel sprach von „Elementen“ oder Anlagen. Das Wort Gen stammt von Johannsen (1909).
Vertiefung Oberstufe: Mendelianer gegen Biometriker
Die Wiederentdeckung löste nicht nur Begeisterung aus, sondern auch einen heftigen Streit. Auf der einen Seite standen die Mendelianer um Bateson. Sie betonten klar getrennte Merkmale wie gelb oder grün und sahen in sprunghaften Veränderungen den Motor der Evolution. Auf der anderen Seite standen die Biometriker um den Zoologen Walter Weldon und den Statistiker Karl Pearson. Sie untersuchten Merkmale wie Körpergröße, die sich fließend unterscheiden, und hielten Mendels Regeln für einen Sonderfall, der für die Evolution kaum Bedeutung habe.
Gelöst wurde der Streit erst Jahre später. 1918 zeigte Ronald Fisher mathematisch, dass viele Gene mit jeweils kleiner Wirkung zusammen genau die fließende Verteilung ergeben, die die Biometriker gemessen hatten. Mendelsche Vererbung und kontinuierliche Merkmale waren also kein Widerspruch. Ein Beispiel ist die Körpergröße des Menschen: Sie hängt von sehr vielen Genvarianten und von Umweltfaktoren wie der Ernährung ab. Jede einzelne Variante verändert die Größe nur minimal, zusammen ergeben sie die glockenförmige Verteilung, die man misst. Daraus entwickelte sich die Populationsgenetik, die Darwins Selektionstheorie und Mendels Regeln verbindet.
Der Streit zeigt etwas Typisches für Wissenschaft: Beide Seiten hatten mit ihren Beobachtungen recht, aber jede sah nur einen Ausschnitt. Erst eine Theorie, die beide Befunde erklären konnte, setzte sich durch.
Fachbegriffe
- Wiederentdeckung
- Das erneute, unabhängige Auffinden von Mendels Regeln und seiner Arbeit im Jahr 1900.
- Prioritätsstreit
- Auseinandersetzung darüber, wem eine Entdeckung zuerst zusteht.
- Genetik
- Wissenschaft von der Vererbung; Name von William Bateson (1905/06).
- Gen
- Erbanlage; Begriff von Wilhelm Johannsen (1909), heute ein DNA-Abschnitt mit einer Funktion.
- Genotyp / Phänotyp
- Gesamtheit der Erbanlagen bzw. Erscheinungsbild; beide Begriffe ebenfalls von Johannsen.
- Chromosomentheorie
- Erkenntnis, dass die Erbanlagen auf den Chromosomen liegen und mit ihnen verteilt werden.
Aufgaben
AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen
- AFB INenne die drei Wiederentdecker der Mendelschen Regeln, ihr Herkunftsland und das Jahr der Wiederentdeckung.
Lösung anzeigen
Hugo de Vries (Niederlande), Carl Correns (Deutschland), Erich von Tschermak (Österreich), im Jahr 1900.
- AFB IIOrdne chronologisch: Johannsen prägt „Gen“ – Mendels Vorträge – Chromosomentheorie – Wiederentdeckung – Bateson prägt „Genetik“ – Mendel wird Abt.
Lösung anzeigen
Mendels Vorträge (1865) – Mendel wird Abt (1868) – Wiederentdeckung (1900) – Chromosomentheorie (1902/03) – Bateson prägt „Genetik“ (1905/06) – Johannsen prägt „Gen“ (1909).
- AFB IIErkläre, warum die Entdeckung des Verhaltens der Chromosomen in der Meiose die Anerkennung von Mendels Regeln erleichterte.
Lösung anzeigen
Mendel hatte aus Zahlen geschlossen, dass Erbanlagen paarweise vorliegen, bei der Keimzellbildung getrennt und zufällig neu kombiniert werden. Für diese Annahmen gab es 1866 keine sichtbare Grundlage. Um 1900 war bekannt, dass Chromosomen paarweise vorkommen, in der Meiose getrennt werden und jede Keimzelle nur einen Satz erhält. Damit gab es einen zellbiologischen Mechanismus, der Mendels Regeln erklärt. Aus einer abstrakten Rechnung wurde eine überprüfbare Theorie.
- AFB IIErläutere den Konflikt um die Priorität im Jahr 1900 am Beispiel von de Vries und Correns.
Lösung anzeigen
De Vries veröffentlichte eine erste Mitteilung über seine Kreuzungsergebnisse, ohne Mendel zu nennen, obwohl er dessen Arbeit kannte. Correns, der zu denselben Ergebnissen gekommen war, stellte Mendels Vorrang in seiner eigenen Arbeit heraus und kritisierte de Vries. Daraufhin erkannte de Vries Mendels Priorität an. Der Konflikt zeigt, wie wichtig in der Wissenschaft die Frage ist, wer etwas zuerst entdeckt hat, und dass faires Zitieren dazugehört.
- AFB IIIBeurteile die Aussage: „Ohne Mendel hätte es die Genetik erst viel später gegeben.“
Lösung anzeigen
Gegen die Aussage spricht: Drei Forscher fanden die Regeln 1900 unabhängig voneinander durch eigene Versuche. Die nötigen Voraussetzungen, Wissen über Chromosomen und Meiose sowie Interesse an Züchtungsregeln, waren vorhanden. Die Genetik wäre also wohl auch ohne Mendel um 1900 entstanden. Für die Aussage spricht: Mendels ausgearbeitete Theorie mit großen Zahlen und klarer Schreibweise lieferte sofort ein fertiges Gerüst und überzeugte schneller; Bateson nutzte sie gezielt, um für das neue Fach zu werben. Fazit: Mendels Arbeit hat die Entwicklung nach 1900 beschleunigt und ihr eine Form gegeben, die Genetik selbst hing aber nicht allein an ihm. Bemerkenswert bleibt, dass er die Regeln über 30 Jahre früher fand.
Weiterlernen
Quellen & Stand
- MendelWeb: Anmerkungen zu Mendels Arbeit (u. a. Verbreitung der Zeitschrift).
- DNA Learning Center, Cold Spring Harbor Laboratory: Carl Correns (1864–1933).
- Wikipedia: Hugo de Vries, Carl Correns.
- Wikipedia: William Bateson, Wilhelm Johannsen.
Stand: Oktober 2026.