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Allelfrequenz berechnen: Anleitung mit Beispielen

Vertiefung zum ThemaPopulationsgenetik

145, 240, 115 – drei Zahlen aus einer Tabelle, und gefragt ist nach der Allelfrequenz. Genau an dieser Stelle verwechseln viele Genotypen mit Allelen. Hier lernst du, die Allelfrequenz sicher zu berechnen, auch in kniffligen Fällen wie drei Allelen oder Genen auf dem X-Chromosom – und wann Zählen gar nicht möglich ist.

Einfach erklärt

Diese Seite vertieft das Thema Populationsgenetik. Ein Gen ist ein Abschnitt im Erbgut. Ein Allel ist eine Variante von einem Gen. Jeder Mensch trägt von einem Gen zwei Allele. Die Allelfrequenz ist der Anteil von einem Allel an allen Allelen in einer Gruppe. Sie liegt zwischen 0 und 1.

So rechnest du: Zähle alle Kopien von einem Allel. Teile dann durch die Zahl von allen Allelen. Ein Beispiel: 500 Menschen haben zusammen 1000 Allele. 530 davon sind das Allel M. Die Allelfrequenz von M ist also 0,53.

Das Wichtigste:

  • Reinerbige Menschen zählen doppelt. Sie tragen zwei gleiche Allele.
  • Mischerbige Menschen zählen einfach.
  • Alle Allelfrequenzen zusammen ergeben 1.
  • Für das Zählen musst du die Allele von jedem Menschen kennen.

Merke: Du teilst die Kopien von einem Allel durch die Zahl von allen Allelen.

Kurz gesagt

Um die Allelfrequenz zu berechnen, zählst du alle Kopien eines Allels in der Population und teilst durch die Gesamtzahl aller Allele. Bei diploiden Lebewesen gilt für N Individuen: p(A) = (2 · Anzahl AA + Anzahl Aa) : (2 · N). Gleichwertig ist p = Anteil AA + ½ · Anteil Aa. Das funktioniert nur, wenn du die Genotypen kennst.

Das lernst du hier

  • Genotypfrequenz und Allelfrequenz unterscheiden,
  • Allelfrequenzen aus Genotypzahlen oder Genotypanteilen berechnen,
  • die Zählmethode auf drei Allele und X-chromosomale Gene übertragen,
  • entscheiden, wann du zählen kannst und wann du das Hardy-Weinberg-Modell brauchst.

Genotypfrequenz und Allelfrequenz: der Unterschied

Die Genotypfrequenz gibt an, welcher Anteil der Individuen einen bestimmten Genotyp hat, zum Beispiel 23 % NN. Die Allelfrequenz gibt an, welcher Anteil aller Allele eines Gens im Genpool ein bestimmtes Allel ist. Ältere Bücher sagen dazu auch Genfrequenz. Allelfrequenzen schreibt man meist als Dezimalzahl zwischen 0 und 1: p für das eine, q für das andere Allel. Gibt es nur zwei Allele, gilt immer p + q = 1. Beide Größen gehören zum Handwerkszeug der Populationsgenetik.

Der Knackpunkt: Jedes diploide Individuum trägt zwei Allele. N Individuen haben also 2N Allele. Reinerbige tragen zwei Kopien desselben Allels, Mischerbige je eine von beiden. Deshalb ist der Anteil der NN-Individuen nicht dasselbe wie die Frequenz des Allels N. Was ein Genpool genau ist, erklärt die Seite Genpool.

Allelfrequenz berechnen: die Zählmethode Schritt für Schritt

Ein gut geeignetes Beispiel ist die MN-Blutgruppe des Menschen. Ihre Allele M und N sind kodominant: Man erkennt jeden Genotyp (MM, MN, NN) am Bluttest. In einer Stichprobe von 500 Menschen (Beispieldaten) findet man 145 MM, 240 MN und 115 NN.

  1. 1. Gesamtzahl der Allele500 Menschen · 2 = 1000 Allele.
  2. 2. Allele M zählenJeder MM-Mensch trägt zwei M, jeder MN-Mensch eines: 2 · 145 + 240 = 530.
  3. 3. Allele N zählen2 · 115 + 240 = 470. Probe: 530 + 470 = 1000.
  4. 4. Frequenzen berechnenp(M) = 530 : 1000 = 0,53 und q(N) = 470 : 1000 = 0,47. Probe: p + q = 1.
Von Genotypzahlen zur Allelfrequenz Oben ein Balken für 500 Menschen: 145 mit Genotyp MM, 240 mit MN und 115 mit NN. Darunter ein Balken für ihre 1000 Allele: Die MM-Menschen liefern 290 Allele M, die MN-Menschen je ein M und ein N, also 240 M und 240 N, die NN-Menschen 230 Allele N. Zusammen sind es 530 M und 470 N, also p gleich 0,53 und q gleich 0,47. 500 Menschen(Genotypen)1000 Allele(Genpool) MM: 145MN: 240NN: 115 290 M240 M240 N230 N je 2 × Mje 1 × Mje 1 × Nje 2 × N M: 530 von 1000N: 470 von 1000 p = 0,53q = 0,47
Abb. 1: Von Genotypzahlen zur Allelfrequenz. Oben die 500 Menschen nach Genotyp, unten ihre 1000 Allele. Reinerbige liefern zwei gleiche Allele, Mischerbige je eines von beiden. Die Mischerbigen werden deshalb auf beide Allele aufgeteilt.

Hast du statt Anzahlen nur Anteile, rechnest du mit der zweiten Formel: Die Genotypfrequenzen sind 145 : 500 = 0,29 (MM), 240 : 500 = 0,48 (MN) und 115 : 500 = 0,23 (NN). Dann gilt p(M) = 0,29 + ½ · 0,48 = 0,29 + 0,24 = 0,53. Das Ergebnis ist dasselbe.

Merke

p = (2 · AA + Aa) : 2N oder p = f(AA) + ½ · f(Aa). Reinerbige zählen doppelt, Mischerbige einfach – und am Ende muss die Summe aller Allelfrequenzen 1 ergeben.

Sonderfälle: drei Allele und X-chromosomale Gene

Drei oder mehr Allele: Die Methode bleibt gleich. Für jedes Allel zählst du die Kopien in allen Genotypen, in denen es vorkommt, und teilst durch 2N. Mit drei Allelen nennt man die Frequenzen oft p, q und r; es gilt p + q + r = 1.

Gene auf dem X-Chromosom: Frauen haben zwei X-Chromosomen und tragen zwei Allele, Männer nur eines. Die Gesamtzahl der Allele ist deshalb 2 · Anzahl Frauen + Anzahl Männer. Ein Mann mit XaY zählt einmal, eine Frau mit XaXa doppelt.

SituationGesamtzahl der AlleleKopien von a
autosomal, N Individuen2N2 · aa + Aa
X-chromosomal, F Frauen und M Männer2F + M2 · XaXa + XAXa + XaY

Wann zählen, wann Hardy-Weinberg?

Die Zählmethode braucht die Genotypen. Bei kodominanten oder intermediären Erbgängen liest du sie am Phänotyp ab, heute oft auch per Gentest. Bei dominant-rezessiven Merkmalen geht das nicht: AA und Aa sehen gleich aus. Sichtbar ist nur der Anteil der reinerbig Rezessiven (aa).

Dann hilft das Hardy-Weinberg-Gesetz weiter. Unter der Annahme einer idealen Population gilt f(aa) = q², also q = √f(aa). Das ist aber eine Schätzung, die nur stimmt, wenn die Bedingungen des Modells erfüllt sind. Wie man damit rechnet, üben die Hardy-Weinberg-Aufgaben.

Du kennst …MethodeAnnahmen nötig?
alle Genotypen (Anzahlen oder Anteile)Zählmethode: p = f(AA) + ½ f(Aa)nein
nur den Anteil der rezessiven PhänotypenHardy-Weinberg: q = √f(aa)ja, ideale Population

Typische Fehler

  • Genotypfrequenz als Allelfrequenz angeben: 23 % NN heißt nicht q = 0,23. Die Mischerbigen tragen ebenfalls N.
  • Durch N statt durch 2N teilen: 500 Menschen haben 1000 Allele.
  • Mischerbige doppelt zählen: Ein MN-Mensch trägt nur ein M.
  • Bei X-chromosomalen Genen Männer doppelt zählen: Männer haben nur ein X und damit nur ein Allel.
  • q = √f(aa) bei bekannten Genotypen benutzen: Wenn du zählen kannst, zähle. Die Wurzel ist nur eine Schätzung unter Modellannahmen.
Vertiefung Oberstufe: Wie genau ist eine geschätzte Allelfrequenz?

Die 500 Menschen aus dem Beispiel sind eine Stichprobe. Hätte man andere 500 Menschen derselben Bevölkerung untersucht, wäre p nicht exakt 0,53 gewesen. Wie stark der Wert schwanken kann, beschreibt der Standardfehler. Für eine Allelfrequenz aus 2N gezählten Allelen gilt näherungsweise: Standardfehler = √(p · (1 − p) : 2N).

Im Beispiel: √(0,53 · 0,47 : 1000) ≈ 0,016. Ein grober 95-%-Bereich ist p ± 2 Standardfehler, also etwa 0,50 bis 0,56. Mit nur 50 Menschen (100 Allelen) wäre der Standardfehler etwa 0,05 – der Bereich reichte dann ungefähr von 0,43 bis 0,63. Die Genauigkeit wächst also mit der Wurzel der Stichprobengröße: Für einen halb so großen Fehler braucht man viermal so viele Daten.

Deshalb untersuchen Forschende für Allelfrequenzen in Bevölkerungen oft Tausende Menschen. Und deshalb gilt in Klausuren: Kleine Stichproben aus einem Schulversuch liefern nur grobe Schätzungen.

Fachbegriffe

Allelfrequenz (Genfrequenz)
Anteil eines Allels an allen Allelen eines Gens im Genpool, angegeben als p oder q.
Genotypfrequenz
Anteil der Individuen mit einem bestimmten Genotyp, z. B. f(AA).
Zählmethode
Berechnung der Allelfrequenz aus bekannten Genotypzahlen: Kopien eines Allels durch Gesamtzahl der Allele.
kodominant
Beide Allele prägen sich nebeneinander aus; jeder Genotyp ist am Phänotyp erkennbar.
Stichprobe
Untersuchter Teil einer Population, aus dem man auf die ganze Population schließt.

Aufgaben

AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen

  1. AFB IBeschreibe den Unterschied zwischen Genotypfrequenz und Allelfrequenz an einem eigenen Beispiel.
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    Die Genotypfrequenz ist der Anteil der Individuen mit einem Genotyp, z. B. 20 % aa. Die Allelfrequenz ist der Anteil eines Allels an allen Allelen, z. B. q(a) = 0,4. Sie unterscheiden sich, weil auch Mischerbige (Aa) das Allel a tragen und jedes Individuum zwei Allele hat.

  2. AFB IIBerechne die Allelfrequenzen in einer Population der Wunderblume (intermediärer Erbgang): 120 rote (RR), 160 rosa (RW) und 70 weiße Pflanzen (WW).
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    N = 350, also 700 Allele. R: 2 · 120 + 160 = 400, p(R) = 400 : 700 ≈ 0,571. W: 2 · 70 + 160 = 300, q(W) = 300 : 700 ≈ 0,429. Probe: 0,571 + 0,429 = 1.

  3. AFB IIBerechne p und q aus den Genotypfrequenzen f(AA) = 0,49, f(Aa) = 0,42 und f(aa) = 0,09.
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    p = f(AA) + ½ · f(Aa) = 0,49 + 0,21 = 0,70. q = f(aa) + ½ · f(Aa) = 0,09 + 0,21 = 0,30. Probe: 0,70 + 0,30 = 1.

  4. AFB IIBerechne die Allelfrequenz q eines X-chromosomalen Allels a. Untersucht wurden 400 Frauen (324 XAXA, 72 XAXa, 4 XaXa) und 400 Männer (360 XAY, 40 XaY).
    Lösung anzeigen

    Gesamtzahl der Allele: 2 · 400 + 400 = 1200. Kopien von a: 72 + 2 · 4 + 40 = 120. q = 120 : 1200 = 0,10. Zur Kontrolle: Bei den Männern allein ist der Anteil XaY ebenfalls 40 : 400 = 0,10 – bei Männern entspricht der Anteil Betroffener direkt q.

  5. AFB IIBerechne die Frequenzen dreier Allele A1, A2 und A3 aus diesen Genotypzahlen von 200 Tieren: A1A1 20, A1A2 50, A1A3 30, A2A2 40, A2A3 40, A3A3 20.
    Lösung anzeigen

    400 Allele. A1: 2 · 20 + 50 + 30 = 120, p = 0,30. A2: 2 · 40 + 50 + 40 = 170, q = 0,425. A3: 2 · 20 + 30 + 40 = 110, r = 0,275. Probe: 120 + 170 + 110 = 400 und 0,30 + 0,425 + 0,275 = 1.

  6. AFB IIIBeurteile zwei Lösungen: In einer Schafherde sind 16 % der Tiere schwarz; Schwarz ist rezessiv (aa). Lisa schreibt „q = 0,16“, Tom „q = √0,16 = 0,4“.
    Lösung anzeigen

    Lisa verwechselt Genotyp- und Allelfrequenz: 16 % ist der Anteil aa, nicht der Anteil des Allels a. Zählen kann man hier nicht, weil weiße Schafe AA oder Aa sein können. Toms Rechnung nutzt das Hardy-Weinberg-Modell (f(aa) = q²) und ist rechnerisch richtig. Das Ergebnis ist aber nur eine Schätzung unter Modellannahmen. In einer Zuchtherde ist vor allem die Panmixie fraglich, weil Züchter die Paarungspartner auswählen; vielleicht wird auch gegen schwarze Tiere selektiert. Toms Wert ist also der bessere Ansatz, sollte aber mit dem Hinweis auf die Annahmen angegeben werden. Sicherheit brächte ein Gentest, der die Genotypen direkt bestimmt.

Weiterlernen

Quellen & Stand

  • NHGRI Talking Glossary: Genotype.
  • Campbell Biologie, 11. Auflage, Pearson 2019, Kapitel 23 (Evolution von Populationen).
  • Hartl, D. L.; Clark, A. G.: Principles of Population Genetics. 4. Auflage, Sinauer 2007 (Schätzung von Allelfrequenzen).

Stand: Oktober 2026.

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