Friedrich Miescher: Der Mann, der die DNA im Eiter fand
Köpfe der Genetik
Wer an die Entdeckung der DNA denkt, denkt meist an Watson und Crick im Jahr 1953. Doch das Molekül selbst wurde schon 84 Jahre früher gefunden – in einem Labor im Tübinger Schloss, gewonnen aus eitrigen Verbänden. Der Entdecker: der Schweizer Arzt Friedrich Miescher.
Wer war Friedrich Miescher?
Johannes Friedrich Miescher wurde am 13. August 1844 in Basel geboren und stammte aus einer Familie von Medizinern. Er studierte Medizin und schloss 1868 ab. Eine Typhus-Erkrankung hatte sein Gehör geschädigt; als Arzt am Krankenbett sah er sich deshalb im Nachteil. Er wandte sich der Chemie des Lebens zu und ging im Herbst 1868 nach Tübingen zu Felix Hoppe-Seyler, einem der Begründer der Biochemie. Dessen Labor lag im Schloss Hohentübingen.
Die Entdeckung: Nuklein aus Eiter
Miescher wollte wissen, woraus der Zellkern besteht. Dafür brauchte er viele Zellen, die sich leicht gewinnen ließen. Er fand sie in benutzten Verbänden aus dem Tübinger Krankenhaus, denn Eiter enthält große Mengen weißer Blutkörperchen. Miescher wusch die Zellen mit Salzlösungen aus dem Verbandsstoff. Mit Pepsin, einem eiweißspaltenden Verdauungsenzym aus Schweinemägen, baute er das Eiweiß der Zellen ab, bis vor allem die Zellkerne übrig blieben. Aus ihnen gewann er Anfang 1869 eine Substanz, die sich von allen bekannten Eiweißen unterschied: Sie enthielt viel Phosphor, aber keinen Schwefel. Miescher nannte sie Nuklein, nach dem lateinischen nucleus für Kern.
Hoppe-Seyler war skeptisch und wiederholte die Versuche selbst, bevor die Arbeit 1871 in einer von ihm herausgegebenen Schriftenreihe erschien. Heute wissen wir: Miescher hatte als Erster DNA isoliert, wenn auch noch nicht ganz rein.
Lachse und eine kühne Idee
Zurück in Basel wurde Miescher Professor für Physiologie. Er untersuchte nun die Spermien von Rheinlachsen, deren Köpfe fast nur aus Zellkern bestehen. Dabei entdeckte er das Protein Protamin, das die DNA in Spermien dicht verpackt. Miescher überlegte sogar, ob die Vielfalt der Erbanlagen im Aufbau großer Moleküle stecken könnte, ähnlich wie sich aus wenigen Buchstaben unzählige Wörter bilden lassen. Beweisen konnte er das nicht. Er starb am 26. August 1895 in Davos an Tuberkulose, mit 51 Jahren.
Typischer Fehler
„Miescher entdeckte die DNA als Erbsubstanz.“ Falsch – er fand den Stoff, aber nicht dessen Funktion. Dass DNA die Erbinformation trägt, zeigten erst Avery, MacLeod und McCarty 1944 sowie Hershey und Chase 1952. Den Namen Nukleinsäure prägte 1889 Richard Altmann; Albrecht Kossel untersuchte ihre chemischen Bausteine und erhielt 1910 den Nobelpreis.
Was bleibt?
Warum ist Miescher so wenig bekannt? Die Wissenschaftshistoriker Ehud Lamm, Oren Harman und Sophie Veigl nennen 2020 in der Fachzeitschrift Genetics unter anderem nationale Rivalitäten und Streit zwischen Fachrichtungen. Sie betonen, dass Miescher als Erster die chemische Natur des Materials im Zellkern verstand. In Tübingen erinnert heute eine Gedenktafel am Schlosslabor an ihn, im Museum ist ein originales Präparat „Nuklein aus Lachssperma“ ausgestellt. Wie es danach weiterging, zeigt unser Zeitstrahl.
Für den Unterricht
- AFB I Beschreibe in drei bis vier Schritten, wie Miescher das Nuklein isolierte.
- AFB II Erkläre, warum Miescher Eiter und später Lachsspermien als Ausgangsmaterial wählte.
- AFB III Beurteile, ob man Miescher als „Entdecker der DNA“ bezeichnen sollte. Berücksichtige, was er herausfand und was nicht.
Passt zu: Wie sieht die DNA aus?
Quellen
- Museum der Universität Tübingen (MUT): The Discovery of Nucleic Acid.
- Lamm, E., Harman, O., Veigl, S. J.: Before Watson and Crick in 1953 Came Friedrich Miescher in 1869. Genetics 215, 2020.
- Avery, O. T., MacLeod, C. M., McCarty, M.: J Exp Med 79, 1944.
Stand: Oktober 2026.