Klonen für den Artenschutz
Vertiefung zum Thematherapeutisches Klonen
In Gefriertanks bei minus 196 Grad lagern Hautzellen von Tieren, die seit Jahrzehnten tot sind. Aus einer solchen Probe entstand 2020 ein Fohlen – und 2024 bekam ein geklonter Iltis Junge. Damit ist aus einer Idee erstmals ein messbarer Beitrag zum Artenschutz geworden.
Einfach erklärt
Diese Seite vertieft das Thema: Wofür ist Klonen nützlich? Manche Tierarten sind fast ausgestorben. Alle heutigen Tiere stammen dann von wenigen Vorfahren ab. Ihr Erbgut ist deshalb wenig vielfältig. Das bringt zum Beispiel mehr Erbkrankheiten.
Zoos frieren seit Jahrzehnten Zellen von bedrohten Tieren ein. Diese Lager heißen Kryobanken. Das sind Kälte-Speicher für Zellen bei minus 196 Grad. Aus solchen Zellen entstehen per Klonen neue Tiere. 2020 kommt so das Przewalski-Pferd Kurt zur Welt. Im gleichen Jahr folgt der Schwarzfußiltis Elizabeth Ann.
Ein Klon allein hilft aber noch wenig. Wichtig ist erst sein Nachwuchs. 2024 bekommt die Iltis-Klonschwester Antonia zwei Junge. Klonen hat auch klare Grenzen. Es schafft keinen Lebensraum. Es ist teuer und gelingt nur selten. Das Geld fehlt dann vielleicht für Schutzgebiete.
Merke: Klonen bringt verlorenes Erbgut zurück, rettet aber allein keine Art.
Kurz gesagt
Klonen im Artenschutz nutzt eingefrorene Zellen längst gestorbener Tiere, um per Zellkerntransfer Nachkommen mit deren Erbgut zu erzeugen. Ziel ist nicht, eine Art zu vervielfältigen, sondern verlorene genetische Vielfalt zurückzuholen. Belegte Beispiele sind das Przewalski-Pferd Kurt (2020) und der Schwarzfußiltis Elizabeth Ann (2020). Entscheidend ist aber erst der nächste Schritt: Der Klon muss sich fortpflanzen – wie es 2024 beim Schwarzfußiltis gelang.
Das lernst du hier
- erklären, warum kleine Populationen ein genetisches Problem haben,
- belegte Beispiele für Klonen im Artenschutz beschreiben,
- die Rolle von Kryobanken erläutern,
- Nutzen und Grenzen des Verfahrens beurteilen.
Das Problem: Flaschenhals und Gründereffekt
Wird eine Art fast ausgerottet, überleben oft nur wenige Tiere. Alle späteren Nachkommen stammen von diesen wenigen ab – die genetische Vielfalt bleibt für immer klein, selbst wenn der Bestand wieder wächst. Fachleute sprechen vom Flaschenhalseffekt.
Zwei Zahlen zeigen, wie eng solche Flaschenhälse sein können: Alle heute über 2.000 Przewalski-Pferde gehen auf nur zwölf Tiere zurück. Beim nordamerikanischen Schwarzfußiltis, der zweimal als ausgestorben galt, stammte bis 2024 jedes Tier des Zuchtprogramms von sieben Gründertieren ab.
Wenig Vielfalt heißt: mehr Erbkrankheiten, geringere Fruchtbarkeit, schlechtere Anpassung an neue Krankheiten. Genau hier setzt das Klonen an – nicht um Tiere zu vermehren, sondern um Erbgut zurückzubringen, das in der lebenden Population fehlt.
Drei Fälle, drei Lehren
Der Pyrenäen-Steinbock (2003): Klonen allein reicht nicht. Von dieser Unterart lebte zuletzt ein einziges Weibchen; 1999 wurden ihr Hautproben entnommen, 2000 starb sie. Ein spanisches Team erzeugte daraus Klon-Embryonen und übertrug sie auf Hausziegen und Mischlinge. Aus 439 hergestellten Embryonen und 57 Empfängertieren entstanden sieben Schwangerschaften; ein Jungtier kam per Kaiserschnitt zur Welt und starb wenige Minuten später an einer Fehlbildung der Lunge. Es war das erste Tier einer ausgestorbenen Unterart, das je geboren wurde – und zugleich ein Beleg dafür, wie schwierig das Verfahren ist.
Das Przewalski-Pferd (2020 und 2023): Erbgut aus dem Kühltank. 1980 waren Zellen eines Hengstes eingefroren worden, dessen Linie in der lebenden Population kaum noch vertreten war. Am 6. August 2020 wurde daraus das Fohlen Kurt geboren, im Februar 2023 ein zweites Tier aus derselben Zelllinie. Beide sollen später Nachkommen zeugen und so die verlorene Vielfalt einbringen.
Der Schwarzfußiltis (2020 bis 2025): der erste messbare Erfolg. Das Weibchen Willa starb 1988, ohne Nachkommen zu hinterlassen; ihre Zellen landeten in einer Kryobank. Eine Genomanalyse zeigte später, dass ihr Erbgut deutlich mehr Vielfalt enthielt als die heutige Population. Am 10. Dezember 2020 kam Elizabeth Ann zur Welt, der erste Klon einer in den USA geschützten gefährdeten Art. 2023 folgten zwei weitere Klone derselben Zelllinie, Noreen und Antonia. Im Juni 2024 brachte Antonia zwei Junge zur Welt – zum ersten Mal gelangte damit das Erbgut eines Klons tatsächlich in die Population. 2025 kamen weitere Würfe hinzu.
Merke
Ein Klon ist für den Artenschutz zunächst nur ein einzelnes Tier. Wertvoll wird er erst, wenn er sich fortpflanzt: Dann gelangt sein Erbgut in den Genpool und erhöht dort die Vielfalt. Deshalb war die Geburt der Iltis-Jungen 2024 wichtiger als die Geburt des ersten Klons. Welche weiteren Hoffnungen sich an das Klonen knüpfen, zeigt die Hauptseite Was könnte Klonen nützen?
Kryobanken: Zellen auf Vorrat
Ohne eingefrorene Zellen gäbe es keines dieser Projekte. Die bekannteste Sammlung ist der „Frozen Zoo“ der San Diego Zoo Wildlife Alliance, 1975 angelegt – lange bevor Klonen überhaupt möglich war. Heute lagern dort über 11.500 Zelllinien von mehr als 1.300 Arten und Unterarten sowie über 2.300 Keimzellproben. Die Zellen werden in flüssigem Stickstoff bei etwa minus 196 Grad aufbewahrt; bei dieser Temperatur stehen alle Stoffwechselvorgänge praktisch still.
Der Wert einer solchen Bank zeigt sich erst Jahrzehnte später: Sowohl beim Pferd als auch beim Iltis stammten die Zellen aus den 1980er-Jahren. Wer heute Proben einlagert, verschafft künftigen Generationen Handlungsmöglichkeiten – auch solche, die wir noch gar nicht kennen.
Grenzen: Was Klonen nicht kann
- Keine Art retten. Klonen erzeugt Tiere mit vorhandenem Erbgut. Neue Vielfalt entsteht dabei nicht, nur alte kommt zurück – und nur, wenn passende Zellen eingelagert wurden.
- Keinen Lebensraum schaffen. Die Hauptursachen des Artensterbens sind Lebensraumverlust, Landnutzung und Klimawandel. Dagegen hilft kein Labor.
- Nicht bei allen Arten. Für den Zellkerntransfer braucht man Eizellen und Leihmütter, meist von einer nah verwandten Art. Für viele bedrohte Tiere gibt es keine geeignete Partnerart.
- Nicht effizient. Die Erfolgsraten sind niedrig, der Aufwand hoch. Jedes Projekt bindet Geld, das auch in Schutzgebiete fließen könnte. In der Tierzucht rechnet sich der Aufwand eher, weil dort einzelne Tiere einen hohen wirtschaftlichen Wert haben.
- Nicht für ausgestorbene Arten von vor Jahrtausenden. Für Klonen braucht es lebensfähige Zellen mit intaktem Zellkern. Aus zerfallener DNA eines Mammuts lässt sich kein Kern transferieren. Projekte zur „Wiederbelebung“ ausgestorbener Arten arbeiten deshalb mit Genome Editing an verwandten Arten – das ergibt bestenfalls ein ähnliches Tier, keine Rückkehr der alten Art.
Typische Fehler
- „Klonen kann ausgestorbene Arten zurückholen.“ Nur, wenn lebensfähige Zellen eingelagert wurden – und auch dann entsteht ein einzelnes Tier, keine Population.
- „Klone sind genetisch vielfältiger.“ Ein Klon bringt genau das Erbgut eines Tieres zurück. Vielfalt entsteht erst, wenn er sich mit anderen Tieren fortpflanzt.
- „Beim Klonen wird das Erbgut verbessert.“ Beim Zellkerntransfer wird nichts verändert. Das ist Biotechnologie, nicht Gentechnik.
- „Dann brauchen wir keine Schutzgebiete mehr.“ Genau umgekehrt: Ohne Lebensraum und Zuchtprogramm hat ein Klon nirgendwo hin.
Wusstest du?
Die Leihmütter stammen oft aus einer anderen Art: Die Przewalski-Fohlen wurden von Hausstuten ausgetragen, die Steinbock-Embryonen von Hausziegen und Mischlingen. Für das Erbgut des Jungtiers spielt das keine Rolle – nur die Mitochondrien stammen aus der Eizelle der Spenderart.
Vertiefung Oberstufe: Was eine zusätzliche Gründerlinie bewirkt
Wie stark eine Population genetisch verarmt ist, beschreibt unter anderem der Inzuchtkoeffizient: die Wahrscheinlichkeit, dass ein Individuum an einem Genort zwei Allele trägt, die von demselben Vorfahren abstammen. Je weniger Gründertiere, desto schneller steigt dieser Wert über die Generationen. Die Folgen fasst man als Inzuchtdepression zusammen: geringere Fruchtbarkeit, höhere Sterblichkeit der Jungtiere, mehr rezessive Erbkrankheiten, weil seltene schädliche Allele häufiger reinerbig auftreten.
Eine achte Gründerlinie verändert diese Rechnung spürbar. Theoretisch trägt jedes Gründertier bei gleicher Beteiligung 1/n der Allele bei; von sieben auf acht Linien sinkt der durchschnittliche Verwandtschaftsgrad messbar. Entscheidend ist aber, wie gut sich die neue Linie in der Population verteilt. Deshalb ist der Zuchtplan wichtiger als die Zahl der Klone: Die Nachkommen müssen gezielt mit möglichst unverwandten Tieren verpaart werden, sonst bleibt der Beitrag in einer Ecke des Stammbaums stecken.
Für die Bewertung heißt das: Erfolg misst man nicht an der Zahl geborener Klone, sondern an der genetischen Zusammensetzung der Population einige Generationen später. Genau diese Messung begann beim Schwarzfußiltis erst 2024 – alles davor war Vorbereitung. Wie man Allelhäufigkeiten in Populationen berechnet, zeigt die Seite Allelfrequenz berechnen.
Fachbegriffe
- Genetische Rettung
- Einbringen fehlender genetischer Vielfalt in eine kleine Population.
- Flaschenhalseffekt
- Starker Rückgang einer Population, bei dem Vielfalt dauerhaft verloren geht.
- Gründertier
- Tier, auf das eine heutige Zucht- oder Wildpopulation zurückgeht.
- Kryokonservierung
- Lagerung lebender Zellen bei etwa minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff.
- Inzuchtdepression
- Nachlassende Fitness einer Population durch Verwandtenpaarung.
- Leihmutter
- Tier, das einen fremden Embryo austrägt, oft einer nah verwandten Art.
Aufgaben
AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen
- AFB IBeschreibe am Beispiel des Schwarzfußiltisses, wie Klonen im Artenschutz abläuft.
Lösung anzeigen
Von einem 1988 gestorbenen Weibchen ohne Nachkommen wurden Zellen eingefroren. Daraus entstand per Zellkerntransfer ein Embryo, der von einer Leihmutter ausgetragen wurde; 2020 kam der Klon Elizabeth Ann zur Welt, 2023 zwei weitere Klone derselben Zelllinie. 2024 bekam einer der Klone selbst Junge – erst damit gelangte das alte Erbgut in die Zuchtpopulation.
- AFB IIErkläre mithilfe von Abb. 1, warum die Geburt eines Klons allein die genetische Vielfalt einer Population noch nicht erhöht.
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Der Klon trägt zwar Erbgut, das in der Population fehlt, ist aber zunächst ein einzelnes Tier. Erst wenn er sich mit Tieren der bestehenden Population paart, werden seine Allele an Nachkommen weitergegeben und mischen sich in den Genpool. Ohne Fortpflanzung geht sein Beitrag mit seinem Tod wieder verloren.
- AFB IIWerte aus: Beim Pyrenäen-Steinbock wurden 439 Embryonen hergestellt und auf 57 Empfängertiere übertragen; es gab 7 Schwangerschaften und 1 Geburt, das Jungtier starb kurz danach. Berechne die Erfolgsquoten und erläutere, welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen.
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7 von 57 Empfängertieren wurden trächtig, das sind rund 12 Prozent. Eine Geburt aus 439 Embryonen entspricht etwa 0,2 Prozent, und selbst dieses Tier überlebte nicht. Schlüsse: Der Zellkerntransfer über Artgrenzen hinweg funktioniert grundsätzlich, ist aber extrem ineffizient; der Aufwand an Tieren ist hoch; die Reprogrammierung und die Entwicklung in einer artfremden Leihmutter führen häufig zu Fehlbildungen. Für eine Bewertung fehlt außerdem die Angabe, wie viele Eizellen und Spendertiere nötig waren.
- AFB IIVergleiche den Beitrag eines Klons mit dem eines zugewanderten Wildtiers aus einer anderen Population.
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Beide bringen Allele ein, die in der Population fehlen. Das Wildtier ist dabei einfacher und billiger zu integrieren, setzt aber voraus, dass es eine zweite Population gibt – bei stark bedrohten Arten oft nicht der Fall. Der Klon kann Erbgut aus längst gestorbenen Tieren zurückholen, das sonst unwiederbringlich verloren wäre, erfordert aber Kryobank, Eizellen, Leihmütter und viele Fehlversuche. Klonen ist also die Lösung für den Fall, dass keine lebende Alternative existiert.
- AFB IIIBeurteile folgende Aussage: „Geld für Klonprojekte wäre im Lebensraumschutz besser angelegt.“
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Dafür spricht: Lebensraumverlust ist die Hauptursache des Artensterbens; Klonprojekte sind teuer, langwierig und helfen nur wenigen Arten; ohne Lebensraum nützt zusätzliche genetische Vielfalt wenig. Dagegen spricht: Bei Arten, die durch einen extremen Flaschenhals gegangen sind, lässt sich verlorene Vielfalt anders nicht zurückholen; Schutzgebiete allein verhindern keine Inzuchtdepression; die Kosten sind im Vergleich zu großen Naturschutzprogrammen gering, und die Verfahren lassen sich auf andere Arten übertragen. Erwartet wird eine abwägende Position, die beides als Ergänzung statt als Alternative behandelt und Kriterien nennt, wann sich ein Klonprojekt lohnt.
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Quellen & Stand
- Revive & Restore: Black-footed Ferret Project und Przewalski’s Horse Project.
- San Diego Zoo Wildlife Alliance: Frozen Zoo (Zahlen zu Zelllinien und Arten).
- Folch, J. u. a.: First birth of an animal from an extinct subspecies (Capra pyrenaica pyrenaica) by cloning. Theriogenology 71 (2009) (Europe PMC).
Stand: Oktober 2026.