Gelelektrophorese einfach erklärt
Vertiefung zum Themagenetischer Fingerabdruck
Blaue Streifen in einem durchsichtigen Gel – so sieht das Ergebnis vieler Genetik-Experimente aus, vom Schullabor bis zum Kriminalfall. Wer die Gelelektrophorese verstanden hat, kann diese Bandenmuster lesen wie einen Strichcode: Welche Probe enthält welche DNA-Stücke, und wie lang sind sie?
Einfach erklärt
Diese Seite vertieft das Thema genetischer Fingerabdruck. Die Gelelektrophorese sortiert Stücke vom Erbgut nach ihrer Länge. Das Erbgut heißt auch DNA. Das Ergebnis siehst du als Streifen in einem durchsichtigen Gel.
DNA ist negativ geladen. Deshalb wandert sie im elektrischen Feld zum Pluspol. Das Gel wirkt dabei wie ein Sieb mit feinen Poren. Kurze Stücke rutschen leicht hindurch. Lange Stücke bleiben öfter hängen. Kurze Stücke wandern also weiter als lange.
Jeder Streifen heißt Bande. Er besteht aus Millionen gleich langer Stücke. Ein Größenmarker läuft immer mit. Das ist eine Mischung aus Stücken mit bekannter Länge. Damit liest du ab, wie lang die Proben sind. So kannst du zum Beispiel einen Vaterschaftstest auswerten. Für Kriminallabore ist das Gel zu ungenau. Sie nutzen feine Glasröhrchen.
Merke: DNA wandert zum Pluspol, und kurze Stücke wandern weiter als lange.
Kurz gesagt
Die Gelelektrophorese trennt DNA-Stücke nach ihrer Länge. DNA ist wegen ihrer Phosphatgruppen negativ geladen und wandert im elektrischen Feld vom Minuspol (Kathode) zum Pluspol (Anode). Das Gel wirkt dabei wie ein Sieb: Kurze Stücke kommen schneller voran als lange. Ein mitlaufender Größenmarker mit bekannten Längen zeigt, wie lang die Stücke in den Proben sind.
Das lernst du hier
- das Prinzip der Gelelektrophorese erklären – mit Ladung, Laufrichtung und Siebeffekt,
- den Ablauf vom Gießen des Gels bis zum Färben beschreiben,
- Bandenmuster mit einem Größenmarker auswerten, etwa bei einem Vaterschaftstest,
- Gel- und Kapillarelektrophorese vergleichen und ihre Grenzen beurteilen.
Gelelektrophorese einfach erklärt: das Prinzip
Das Wort setzt sich aus „Elektro“ und dem griechischen phorein für „tragen“ zusammen: Geladene Teilchen werden im elektrischen Feld getragen. Bei DNA sorgt dafür ihr Rückgrat. Jeder Nukleotidbaustein trägt eine Phosphatgruppe mit einer negativen Ladung. Legt man eine Spannung an, zieht der Pluspol (Anode) die DNA an, der Minuspol (Kathode) stößt sie ab.
Spannend ist, warum dabei überhaupt eine Trennung entsteht. Ein doppelt so langes DNA-Stück hat zwar doppelt so viele Ladungen, aber auch doppelt so viel Masse. Ladung und Masse stehen bei jeder DNA im selben Verhältnis. In reiner Flüssigkeit würden deshalb alle Stücke gleich schnell wandern. Erst das Gel macht den Unterschied: Es besteht aus einem dichten Netz feiner Poren, durch das sich die Moleküle schlängeln müssen. Kurze Stücke rutschen leicht hindurch, lange bleiben öfter hängen. Nach einer bestimmten Laufzeit sind die Stücke deshalb nach ihrer Länge sortiert.
Für DNA verwendet man meist ein Gel aus Agarose, einem Zucker aus Rotalgen, wie er auch im Agar von Nährböden steckt. Üblich sind 0,5 bis 2 Gramm Agarose pro 100 Milliliter Puffer. Je höher der Anteil, desto kleiner die Poren: Ein 2-%-Gel trennt kurze Stücke gut, ein 0,8-%-Gel eignet sich für lange.
Merke
DNA ist negativ geladen und wandert zum Pluspol. Weil alle DNA-Stücke dasselbe Verhältnis von Ladung zu Masse haben, trennt erst der Siebeffekt des Gels sie nach Länge: Kurze Stücke wandern weiter als lange.
Ablauf der Gelelektrophorese Schritt für Schritt
- Gel gießenAgarose wird in Pufferlösung aufgekocht, bis sie klar ist, und in eine Form gegossen. Ein eingesteckter Kamm erzeugt Vertiefungen, die Taschen. Beim Abkühlen wird die Lösung fest.
- Gel richtig einlegenDas Gel kommt in die Elektrophoresekammer und wird mit Puffer bedeckt, der den Strom leitet. Die Taschen müssen auf der Seite des Minuspols liegen, damit die DNA quer durch das Gel zum Pluspol wandern kann.
- Proben vorbereitenDie DNA-Proben, zum Beispiel PCR-Produkte, werden mit Ladepuffer gemischt. Er enthält Glycerin, das die Probe schwerer macht, sodass sie in die Tasche sinkt, und Farbstoffe, an denen man den Fortschritt sieht.
- Taschen beladenMit einer Pipette kommt in jede Tasche eine Probe. In eine Tasche gibt man den Größenmarker (DNA-Leiter): eine Mischung von DNA-Stücken mit bekannten Längen.
- Spannung anlegenJe nach Gelgröße liegt die Spannung bei einigen Volt pro Zentimeter Abstand zwischen den Elektroden. Die Laufzeit beträgt meist eine halbe bis gut eine Stunde.
- Färben und sichtbar machenDNA ist farblos. Ein Farbstoff lagert sich zwischen die Basenpaare ein. Früher war das meist Ethidiumbromid, das unter UV-Licht orange leuchtet, aber erbgutschädigend wirkt. Heute nutzt man oft sicherere Farbstoffe, die mit Blaulicht angeregt werden; im Schullabor auch Methylenblau, das im normalen Licht blaue Banden zeigt.
Jede sichtbare Bande ist übrigens kein einzelnes Molekül, sondern besteht aus Millionen gleich langer DNA-Stücke, die gemeinsam gewandert sind. Je mehr DNA in einer Bande steckt, desto kräftiger erscheint sie. Genau deshalb braucht man vorher meist eine PCR: Erst die Vervielfältigung liefert genug Material für eine gut sichtbare Bande.
Bandenmuster lesen: Größenmarker und Vaterschaftstest
Zum Auswerten vergleichst du jede Bande mit dem Marker. Liegt eine Bande auf derselben Höhe wie die 300-bp-Bande des Markers, ist das Stück etwa 300 Basenpaare lang. Liegt sie dazwischen, kannst du die Länge abschätzen. Abb. 1 zeigt ein Modellgel für einen Abstammungstest, wie er beim genetischen Fingerabdruck genutzt wird: Für zwei Merkmale (zwei variable DNA-Abschnitte) wurden Proben von Mutter, Kind und zwei Männern untersucht.
So gehst du vor: Bestimme zuerst für jedes Merkmal, welche Bande des Kindes von der Mutter stammen kann. Bei Merkmal 1 teilt das Kind die 450-bp-Bande mit der Mutter, die 500-bp-Bande muss also vom Vater kommen. Bei Merkmal 2 stammt 150 bp von der Mutter, 200 bp vom Vater. Prüfe dann die Männer: Ein möglicher Vater muss beide väterlichen Banden tragen. Die Auflösung findest du in Aufgabe 2.
Typische Fehler
- „DNA wandert zur Kathode.“ Falsch: DNA ist negativ geladen und wandert zur Anode, dem Pluspol. Merkhilfe aus dem Labor: „Run to red“ – das rote Kabel ist Plus.
- „Lange Stücke wandern weiter, weil sie mehr Ladung haben.“ Lange Stücke haben zwar mehr Ladung, aber im selben Verhältnis mehr Masse. Im Gel werden sie gebremst und bleiben näher an der Tasche.
- „Gleiche Höhe heißt gleiche Sequenz.“ Die Gelelektrophorese misst nur die Länge. Zwei gleich lange Stücke können ganz verschiedene Basenfolgen haben.
- Taschen am Pluspol: Liegt das Gel falsch herum, wandert die DNA aus der Tasche direkt in den Puffer und ist verloren.
Kapillarelektrophorese: Wie die DNA-Analyse heute arbeitet
Im Schullabor und in der Forschung ist das Agarosegel bis heute Standard, etwa um ein PCR-Produkt zu prüfen. Für den genetischen Fingerabdruck reicht seine Auflösung aber nicht. Die STR-Allele, die dort verglichen werden, unterscheiden sich oft nur um eine Wiederholung von vier Basen, manchmal sogar nur um eine einzige Base. Solche winzigen Unterschiede kann ein Agarosegel nicht sicher trennen.
Kriminaltechnische Labore nutzen deshalb die Kapillarelektrophorese. Das Prinzip ist dasselbe, nur die Form ist eine andere: Statt durch ein Gel wandert die DNA durch haarfeine Glasröhrchen, die mit einer siebenden Polymerlösung gefüllt sind. Weil die dünnen Kapillaren Wärme gut abgeben, verträgt die Methode hohe Spannungen und trennt schnell und auf die Base genau. Die DNA-Stücke wurden zuvor bei der PCR mit Fluoreszenzfarbstoffen markiert. Am Ende der Kapillare regt ein Laser sie an, ein Detektor misst das Leuchten. Statt Banden entsteht ein Elektropherogramm mit Gipfeln (Peaks). Eine mitlaufende „Allelleiter“, die die häufigen Allele jedes Merkmals enthält, übernimmt die Rolle des Größenmarkers. Geräte mit vielen parallelen Kapillaren analysieren Dutzende Proben gleichzeitig und automatisch.
Zum Vergleich: Alec Jeffreys sah 1984 die ersten genetischen Fingerabdrücke noch als Banden auf einem Röntgenfilm. Seine Methode brauchte viel DNA und mehrere Tage Arbeit. Die Kombination aus PCR und Kapillarelektrophorese kommt heute mit Spuren von wenigen Zellen aus.
Wusstest du?
Die Agarose im Gel stammt aus denselben Rotalgen wie der Agar, mit dem Mikrobiologinnen und Mikrobiologen Nährböden für Bakterien herstellen. Als Gelbildner wird Agar auch in der Küche verwendet, zum Beispiel für vegane Götterspeise.
Vertiefung Oberstufe: Fragmentlängen aus dem Gel berechnen
Wie weit ein lineares DNA-Stück in einer bestimmten Zeit wandert, hängt in einem mittleren Größenbereich etwa linear vom Logarithmus seiner Länge ab: Je größer log(L), desto kürzer die Laufstrecke. Trägt man für die Markerbanden die Laufstrecke gegen den Logarithmus der Länge auf (halblogarithmisches Papier oder Tabellenkalkulation), erhält man näherungsweise eine Gerade, die Eichgerade. Aus ihr liest man für eine unbekannte Bande die Länge ab.
Rechenbeispiel: Die 1.000-bp-Markerbande ist 10 mm gewandert, die 100-bp-Bande 46 mm. Zwischen log(1.000) = 3 und log(100) = 2 liegen also 36 mm. Eine Probenbande liegt bei 28 mm, also 18 mm unterhalb der 1.000-bp-Bande – genau auf halber Strecke. Damit ist log(L) = 3 − 0,5 = 2,5 und L = 102,5 ≈ 316 bp. Wichtig: Zwischen 1.000 und 100 bp liegt die Mitte nicht bei 550 bp, weil die Skala logarithmisch ist.
Die Regel gilt nur für lineare, doppelsträngige DNA. Ringförmige Plasmide laufen anders: Eine stark verdrillte (superspiralisierte) Form ist kompakt und wandert oft schneller als ein gleich langes lineares Stück, eine an einem Strang eingeschnittene, entspannte Ringform langsamer. Deshalb zeigt eine ungeschnittene Plasmidprobe häufig mehrere Banden, obwohl alle Moleküle dieselbe Basenfolge haben. Um die Länge eines Plasmids zu bestimmen, schneidet man es vorher mit einem Restriktionsenzym auf.
Proteine trennt man ebenfalls elektrophoretisch, aber meist in Polyacrylamidgelen mit dem Detergens SDS. Es umhüllt die Proteine mit negativer Ladung, sodass auch sie nach Größe statt nach ihrer eigenen Ladung getrennt werden.
Fachbegriffe
- Gelelektrophorese
- Trennung geladener Moleküle wie DNA im elektrischen Feld durch ein Gel, bei DNA nach Länge.
- Anode / Kathode
- Pluspol / Minuspol. DNA wandert von der Kathode zur Anode.
- Agarose
- Gelbildender Zucker aus Rotalgen; bildet das Porennetz des Gels.
- Größenmarker (DNA-Leiter)
- Mischung von DNA-Stücken bekannter Länge, die zum Vergleich mitläuft.
- Bande
- Sichtbarer Streifen im Gel aus vielen gleich langen DNA-Stücken.
- Kapillarelektrophorese
- Elektrophorese in dünnen Kapillaren mit Fluoreszenzmessung; trennt DNA auf die Base genau.
Aufgaben
AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen
- AFB IBeschreibe den Ablauf einer Gelelektrophorese vom Gießen des Gels bis zur Auswertung.
Lösung anzeigen
Agarose in Puffer aufkochen, mit Kamm in eine Form gießen und fest werden lassen; Gel mit den Taschen am Minuspol in die Kammer legen und mit Puffer bedecken; Proben mit Ladepuffer mischen und in die Taschen pipettieren, Größenmarker in eine eigene Tasche; Spannung anlegen; DNA anfärben und sichtbar machen; Banden mit dem Marker vergleichen und Längen bestimmen.
- AFB IIWerte Abb. 1 aus: Begründe, welcher Mann als Vater in Frage kommt und welcher ausgeschlossen ist.
Lösung anzeigen
Merkmal 1: Das Kind hat 500 und 450 bp, die Mutter 550 und 450 bp. Das Kind hat also 450 bp von der Mutter und 500 bp vom Vater. Merkmal 2: Kind 200 und 150 bp, Mutter 250 und 150 bp, väterlich ist also 200 bp. Mann A trägt 500 bp (Merkmal 1) und 200 bp (Merkmal 2) und kommt als Vater in Frage. Mann B trägt zwar 500 bp, aber keine 200-bp-Bande; er ist ausgeschlossen. Ein sicherer Nachweis für Mann A wäre erst mit vielen weiteren Merkmalen und einer statistischen Auswertung möglich.
- AFB IIErkläre, warum DNA-Stücke in reiner Pufferlösung ohne Gel nicht nach Länge getrennt würden.
Lösung anzeigen
Jedes Nukleotid trägt eine negative Ladung. Ladung und Masse wachsen deshalb proportional zur Länge; das Verhältnis von Ladung zu Masse ist bei allen DNA-Stücken gleich. Ohne Hindernis wären alle Stücke im elektrischen Feld etwa gleich schnell. Erst das Porennetz des Gels bremst lange Stücke stärker als kurze.
- AFB IIAnalysiere diesen Versuch: Eine Schülergruppe sieht nach 45 Minuten im Gel keine einzige Bande, auch nicht beim Marker. Der Ladepuffer-Farbstoff ist verschwunden. Nenne die wahrscheinlichste Ursache.
Lösung anzeigen
Das Gel lag vermutlich falsch herum in der Kammer: Die Taschen befanden sich am Pluspol. Die negativ geladene DNA und der Farbstoff sind sofort aus den Taschen heraus in den Puffer gewandert. Dass auch der Marker fehlt, spricht gegen ein Problem mit einzelnen Proben, etwa eine fehlgeschlagene PCR. Andere Ursachen wie eine viel zu lange Laufzeit sind weniger wahrscheinlich, würden aber ebenfalls passen.
- AFB IIIBeurteile, ob ein Agarosegel für die Untersuchung einer Tatortspur vor Gericht ausreicht.
Lösung anzeigen
Für eine grobe Prüfung, ob eine PCR funktioniert hat, ist das Gel geeignet. Für ein beweiskräftiges DNA-Profil reicht es nicht: STR-Allele unterscheiden sich teils nur um 4 oder 1 Basenpaar, das Agarosegel kann sie nicht sicher trennen; die Auswertung per Auge ist subjektiv; es lassen sich nur wenige Merkmale parallel darstellen. Die Kapillarelektrophorese mit Fluoreszenzmarkierung, Allelleiter und automatischer Auswertung ist genauer, empfindlicher und besser dokumentierbar. Fazit: Vor Gericht ist die Kapillarelektrophorese der Standard.
Weiterlernen
Quellen & Stand
- NHGRI Talking Glossary: Electrophoresis.
- Lee, P. Y. u. a.: Agarose gel electrophoresis for the separation of DNA fragments. Journal of Visualized Experiments 62 (2012), e3923 (Europe PMC).
- Butler, J. M. u. a.: Forensic DNA typing by capillary electrophoresis using the ABI Prism 310 and 3100 genetic analyzers for STR analysis. Electrophoresis 25 (2004), S. 1397–1412 (Europe PMC).
Stand: Oktober 2026.