Multifaktorielle Erkrankungen: Gene plus Umwelt
Vertiefung zum ThemaHumangenetik
Opa hatte einen Herzinfarkt, Mama hat Typ-2-Diabetes – bekommst du das jetzt auch? Bei multifaktoriellen Erkrankungen lässt sich das nicht mit einem Kreuzungsschema ausrechnen. Hier erfährst du, wie viele kleine genetische Einflüsse und deine Umwelt zusammenwirken und warum ein erbliches Risiko kein Schicksal ist.
Einfach erklärt
Diese Seite vertieft das Thema Humangenetik. In deiner Familie gibt es Typ-2-Diabetes. Bekommst du das auch? Das lässt sich nicht genau ausrechnen. Bei multifaktoriellen Krankheiten wirken viele Dinge zusammen. Dazu gehören viele kleine Gen-Varianten. Das sind kleine Unterschiede im Erbgut. Dazu gehören auch Ernährung, Bewegung und Rauchen.
Fachleute nutzen ein einfaches Bild. Es heißt Schwellenwertmodell. Jeder Mensch hat eine bestimmte Anfälligkeit für eine Krankheit. Sie ergibt sich aus Erbgut und Umwelt. Überschreitet die Anfälligkeit eine Schwelle? Dann bricht die Krankheit aus.
Das Wichtigste:
- Die Krankheiten häufen sich in Familien. Für Verwandte ist das Risiko erhöht, aber nicht festgelegt.
- Eineiige Zwillinge haben fast gleiches Erbgut. Trotzdem erkrankt der Zwilling nicht immer mit.
- Bei Sorgen hilft eine genetische Beratung meist mehr als ein Test aus dem Internet.
Merke: Multifaktoriell heißt: Viele Gen-Varianten und die Umwelt wirken zusammen.
Kurz gesagt
Multifaktorielle Erkrankungen entstehen durch das Zusammenspiel vieler Genvarianten mit jeweils kleiner Wirkung und von Umweltfaktoren wie Ernährung, Bewegung oder Rauchen. Sie häufen sich in Familien, folgen aber keinem Mendel’schen Erbgang: Für Angehörige ist das Risiko erhöht, aber nicht festgelegt. Typische Beispiele sind Typ-2-Diabetes, die koronare Herzkrankheit und die Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte.
Das lernst du hier
- multifaktorielle Erkrankungen definieren und von monogenen Erkrankungen abgrenzen,
- das Schwellenwertmodell erklären und damit familiäre Häufungen deuten,
- Konkordanzraten aus Zwillingsstudien auswerten,
- Aussagen über Heritabilität und polygene Risikoscores beurteilen.
Was sind multifaktorielle Erkrankungen?
Der Name verrät es: Viele (lateinisch multi) Faktoren wirken zusammen. Auf der genetischen Seite sind das Hunderte, manchmal Tausende Varianten im Erbgut, von denen jede das Risiko nur ein kleines Stück erhöht oder senkt. Auf der anderen Seite stehen Einflüsse aus der Umwelt: Ernährung, Bewegung, Rauchen, Infektionen, Medikamente – und schlicht der Zufall während der Entwicklung.
Bei einer monogenen Erkrankung wie der Mukoviszidose entscheidet dagegen ein einziges Gen. Dort kannst du mit dem Kreuzungsschema feste Wahrscheinlichkeiten angeben, etwa 25 Prozent für jedes Kind zweier Anlageträger. Bei multifaktoriellen Erkrankungen gibt es solche festen Werte nicht. Man beobachtet nur: Angehörige von Erkrankten erkranken häufiger als der Durchschnitt, und zwar umso häufiger, je enger sie verwandt sind. Wo multifaktorielle Erkrankungen im Gesamtbild stehen, zeigt die Überblicksseite zur Humangenetik. Hier geht es darum, wie man den Anteil der Gene misst und was die Zahlen wirklich bedeuten.
| Erkrankung | Was passiert im Körper? | Bekannte Einflüsse aus der Umwelt |
|---|---|---|
| Typ-2-Diabetes | Körperzellen sprechen schlechter auf Insulin an; irgendwann kann die Bauchspeicheldrüse das nicht mehr ausgleichen, der Blutzucker bleibt erhöht. | Übergewicht, Bewegungsmangel, Ernährung, höheres Alter |
| koronare Herzkrankheit | Ablagerungen verengen die Herzkranzgefäße; die Folge kann ein Herzinfarkt sein. | Rauchen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfette, Diabetes, Bewegungsmangel |
| Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte | In der frühen Embryonalentwicklung wachsen Teile von Oberlippe, Kiefer oder Gaumen nicht vollständig zusammen. Die Spalte wird meist in den ersten Lebensjahren operativ verschlossen. | Rauchen in der Schwangerschaft (Risiko für eine Lippenspalte im Mittel etwa 1,3-fach); weitere Faktoren werden untersucht |
Das Schwellenwertmodell: Wann bricht die Krankheit aus?
Um multifaktorielle Erkrankungen zu verstehen, nutzen Fachleute ein einfaches Modell. Jeder Mensch hat eine bestimmte Anfälligkeit (Fachbegriff: Liability) für eine Krankheit. Sie ist die Summe aus allen Risiko- und Schutzvarianten in seinem Erbgut und allen Umwelteinflüssen. Weil sich sehr viele kleine Beiträge addieren, ist die Anfälligkeit in der Bevölkerung wie eine Glockenkurve verteilt – genau wie die Körpergröße. Erkrankt sind nur die Menschen, deren Anfälligkeit eine Schwelle überschreitet.
Mit diesem Modell lassen sich mehrere Beobachtungen erklären, die bei Mendel’schen Erbgängen so nicht auftreten:
- Das Risiko sinkt schnell mit dem VerwandtschaftsgradGeschwister einer erkrankten Person haben ein deutlich erhöhtes Risiko, Cousinen und Cousins nur noch ein leicht erhöhtes. Je weniger Varianten man teilt, desto weniger ist die Kurve verschoben.
- Mehrere Erkrankte erhöhen das Risiko weiterSind schon zwei Kinder einer Familie betroffen, tragen die Eltern vermutlich besonders viele Risikovarianten. Das Risiko für ein weiteres Kind steigt. Bei der Mukoviszidose bleibt es dagegen bei 25 Prozent, egal wie viele Geschwister erkrankt sind.
- Eine schwere Form deutet auf eine hohe Anfälligkeit hinWer besonders schwer erkrankt, liegt meist weit rechts auf der Kurve. Für seine Angehörigen ist das Risiko dann ebenfalls höher.
Zwillingsstudien: Was die Konkordanz verrät
Wie stark Gene beteiligt sind, lässt sich an Zwillingen untersuchen. Eineiige Zwillinge haben praktisch identisches Erbgut, zweieiige teilen wie normale Geschwister im Mittel die Hälfte ihrer variablen Erbanlagen. Gemessen wird die Konkordanz: Wie oft ist der Zwilling einer erkrankten Person ebenfalls erkrankt? Zwei große Registerstudien liefern dazu Zahlen (probandenbezogene Konkordanz):
| Erkrankung | eineiige Zwillinge | zweieiige Zwillinge | Datengrundlage |
|---|---|---|---|
| Typ-2-Diabetes | 34 % | 16 % | 13.888 gleichgeschlechtliche Zwillingspaare aus Finnland (Kaprio u. a. 1992) |
| Lippenspalte mit oder ohne Gaumenspalte | 50 % | 8 % | dänische Zwillinge der Geburtsjahrgänge 1936 bis 2004 (Grosen u. a. 2011) |
Aus solchen Daten liest du zwei Dinge ab. Erstens: Eineiige Zwillinge sind deutlich häufiger konkordant als zweieiige. Das spricht für einen genetischen Anteil. Zweitens: Selbst bei identischem Erbgut erkrankt der Zwilling längst nicht immer. Also müssen Umwelt und Zufall mitentscheiden. Bei einer rein genetisch bedingten Krankheit läge die Konkordanz eineiiger Zwillinge nahe 100 Prozent.
Wusstest du?
In der dänischen Studie kam eine Lippen- oder Gaumenspalte bei Zwillingen nicht häufiger vor als bei Einlingen: bei 15,8 von 10.000 Zwillingen und bei 16,6 von 10.000 Einlingen. Das Zwillingsdasein selbst ist also kein Risikofaktor – eine wichtige Voraussetzung dafür, dass man die Ergebnisse auf alle Menschen übertragen kann.
Heritabilität: Was die Zahl bedeutet und was nicht
Aus Zwillingsdaten schätzt man die Heritabilität: den Anteil der Unterschiede zwischen Menschen einer Bevölkerung, der auf genetische Unterschiede zurückgeht. Eine Auswertung von fast allen Zwillingsstudien aus 50 Jahren – 17.804 Merkmale aus 2.748 Veröffentlichungen – kam im Mittel auf 49 Prozent (Polderman u. a. 2015). Gene und Umwelt sind also typischerweise beide wichtig.
Für die Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte ergab die dänische Studie sogar eine Heritabilität von über 90 Prozent – und trotzdem waren nur die Hälfte der eineiigen Zwillinge beide betroffen. Das ist kein Widerspruch: Die Heritabilität bezieht sich auf die unsichtbare Anfälligkeit, nicht auf die Krankheit selbst. Liegt ein Zwilling knapp unter der Schwelle und der andere knapp darüber, entscheidet am Ende ein kleiner Unterschied. Wie das genau zusammenhängt, erklärt die Vertiefung weiter unten.
Merke
Multifaktoriell heißt: viele Gene plus Umwelt. Die Anfälligkeit ist in der Bevölkerung glockenförmig verteilt, erkrankt ist, wer eine Schwelle überschreitet. Angehörige haben ein erhöhtes, aber kein festgelegtes Risiko. Heritabilität und Konkordanz beschreiben Gruppen, nicht einzelne Menschen.
Polygene Risikoscores: Chancen und Grenzen
Mit genomweiten Assoziationsstudien hat die Forschung zu vielen multifaktoriellen Erkrankungen Hunderte Risikovarianten gefunden. Rechnet man alle Varianten eines Menschen zusammen, erhält man einen polygenen Risikoscore. Er sagt, ob jemand im Vergleich zu anderen Menschen eher viele oder eher wenige Risikovarianten trägt. Die meisten Menschen landen in der Mitte der Verteilung, wenige an den Rändern.
Das US-Genomforschungsinstitut NHGRI nennt wichtige Grenzen solcher Scores:
- Nur ein relatives Risiko: Der Score vergleicht dich mit anderen. Er sagt nicht, wie hoch dein Risiko absolut ist oder wann eine Erkrankung auftreten könnte. Ein 22-Jähriger und eine 98-Jährige mit demselben Score haben ein ganz unterschiedliches Lebenszeitrisiko.
- Zusammenhang statt Ursache: Die Varianten sind statistisch mit der Krankheit verbunden. Viele sind nur Marker in der Nähe der eigentlich wirksamen Stelle.
- Ungleiche Datenbasis: Die meisten Studien wurden mit Menschen europäischer Herkunft gemacht. Für andere Bevölkerungsgruppen sind die Scores weniger genau.
- Noch keine Routine: Für die ärztliche Praxis fehlen bisher Leitlinien.
Wer sich wegen mehrerer früher Erkrankungen in der Familie Sorgen macht, ist mit einer genetischen Beratung meist besser bedient als mit einem Score aus dem Internet. Dort lässt sich auch klären, ob hinter einer Häufung vielleicht doch eine monogene Ursache steckt, etwa eine familiäre Hypercholesterinämie, die gut behandelbar ist.
Typische Fehler
- „Diabetes liegt bei uns in der Familie, also bekomme ich ihn auch.“ Falsch. Das Risiko ist erhöht, aber nicht festgelegt. Gewicht, Bewegung und Ernährung verschieben deine Position auf der Kurve.
- „Heritabilität 90 Prozent heißt: 90 Prozent der Kinder erkranken.“ Falsch. Die Heritabilität ist kein Erkrankungsrisiko, sondern beschreibt die Ursachen von Unterschieden in einer Bevölkerung.
- „Multifaktoriell bedeutet halb Gene, halb Umwelt.“ Falsch. Die Anteile sind von Krankheit zu Krankheit und von Bevölkerung zu Bevölkerung verschieden.
- „Ein hoher Risikoscore ist eine Diagnose.“ Falsch. Er beschreibt eine Wahrscheinlichkeit im Vergleich zu anderen, keine Erkrankung.
Vertiefung Oberstufe: 90 Prozent Heritabilität, aber nur 50 Prozent Konkordanz?
Konkordanz und Heritabilität messen Verschiedenes. Die Konkordanz zählt Krankheitsfälle: ja oder nein. Die Heritabilität bezieht sich bei Schwellenmerkmalen auf die zugrunde liegende, nicht direkt messbare Anfälligkeit. Man schätzt sie, indem man aus der Häufigkeit in der Bevölkerung und bei Angehörigen zurückrechnet, wie weit die Kurven gegeneinander verschoben sein müssen.
Eineiige Zwillinge teilen ihre genetische Anfälligkeit vollständig. Liegt die Schwelle aber weit rechts, also bei einer seltenen Krankheit, befinden sich viele erkrankte Zwillinge nur knapp oberhalb der Schwelle. Schon ein kleiner nicht genetischer Unterschied – eine etwas andere Lage in der Gebärmutter, zufällige Schwankungen bei der Zellteilung im Embryo – kann den anderen Zwilling knapp darunter halten. So passt eine sehr hohe Heritabilität der Anfälligkeit zu einer nur mittleren Konkordanz der Krankheit.
Ein zweites Rätsel heißt fehlende Heritabilität (missing heritability). Die in genomweiten Studien gefundenen Varianten erklären oft nur einen kleinen Teil der familiären Häufung, die Zwillingsstudien nahelegen (Manolio u. a. 2009). Mögliche Gründe: sehr viele Varianten mit winzigen Effekten, die einzeln nicht nachweisbar sind, seltene Varianten, die die Methode schlecht erfasst, Wechselwirkungen zwischen Genen und Umwelt und Annahmen der Zwillingsmethode. Zu diesen Annahmen gehört, dass eineiige Zwillinge ihre Umwelt nicht stärker teilen als zweieiige. Ist das nicht erfüllt, wird die Heritabilität überschätzt.
Fachbegriffe
- multifaktoriell
- Viele Genvarianten und Umweltfaktoren wirken an einer Erkrankung zusammen.
- Anfälligkeit (Liability)
- Summe aller genetischen und umweltbedingten Einflüsse auf das Erkrankungsrisiko; in der Bevölkerung glockenförmig verteilt.
- Schwellenwertmodell
- Modell, nach dem erkrankt, wer mit seiner Anfälligkeit eine bestimmte Schwelle überschreitet.
- Konkordanz
- Übereinstimmung von Zwillingen in einem Merkmal; Anteil der Erkrankten, deren Zwilling ebenfalls erkrankt ist.
- Heritabilität
- Anteil der Unterschiede eines Merkmals in einer Bevölkerung, der auf genetische Unterschiede zurückgeht.
- polygener Risikoscore
- Summe vieler Risikovarianten eines Menschen; zeigt ein relatives Risiko im Vergleich zu anderen.
Aufgaben
AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen
- AFB INenne drei multifaktorielle Erkrankungen und je zwei Umweltfaktoren, die das Risiko beeinflussen.
Lösung anzeigen
Typ-2-Diabetes: Übergewicht, Bewegungsmangel (auch Ernährung, Alter). Koronare Herzkrankheit: Rauchen, Bluthochdruck (auch erhöhte Blutfette, Diabetes). Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte: Rauchen in der Schwangerschaft; weitere Faktoren in der Schwangerschaft werden untersucht.
- AFB IIErkläre mithilfe von Abb. 1, warum Geschwister eines Kindes mit Lippenspalte häufiger ebenfalls eine Spalte haben als andere Kinder, obwohl kein Mendel’scher Erbgang vorliegt.
Lösung anzeigen
Geschwister teilen im Mittel die Hälfte ihrer variablen Genvarianten und oft ähnliche Bedingungen in der Schwangerschaft. Ihre Anfälligkeit ist deshalb im Mittel höher als in der Bevölkerung; die Verteilungskurve ist nach rechts verschoben. Damit überschreitet ein größerer Anteil die Schwelle. Weil viele Varianten mit kleinen Effekten beteiligt sind, ergibt sich kein festes Zahlenverhältnis wie 1 : 3, sondern nur ein erhöhtes Risiko.
- AFB IIWerte die Zwillingstabelle aus: Welche Schlüsse lassen sich für Typ-2-Diabetes und für die Lippenspalte über den Einfluss von Genen und Umwelt ziehen?
Lösung anzeigen
In beiden Fällen ist die Konkordanz bei eineiigen Zwillingen höher als bei zweieiigen (34 gegen 16 Prozent bzw. 50 gegen 8 Prozent). Das zeigt einen genetischen Anteil. Bei der Lippenspalte ist der Unterschied relativ größer, was auf einen besonders starken genetischen Einfluss hindeutet. In beiden Fällen liegt die Konkordanz eineiiger Zwillinge weit unter 100 Prozent: Nicht genetische Faktoren (Umwelt, Lebensstil, Zufall in der Entwicklung) sind ebenfalls wichtig. Einschränkung: Bei Typ-2-Diabetes hängt die Konkordanz auch davon ab, wie alt die Zwillinge bei der Auswertung waren, weil die Erkrankung oft spät beginnt.
- AFB IIVergleiche zwei Familien. Familie A: Beide Eltern sind Anlageträger für Mukoviszidose, zwei Kinder sind erkrankt. Familie B: Gesunde Eltern haben zwei Kinder mit Lippenspalte. Wie verändert sich jeweils das Risiko für ein drittes Kind gegenüber der Zeit vor der Geburt des ersten Kindes?
Lösung anzeigen
Familie A: monogen, autosomal-rezessiv. Sobald feststeht, dass beide Eltern Anlageträger sind, beträgt das Risiko für jedes Kind 25 Prozent, unabhängig davon, wie viele Geschwister schon erkrankt sind. Familie B: multifaktoriell. Zwei betroffene Kinder deuten darauf hin, dass die Eltern viele Risikovarianten weitergeben oder gemeinsame Umweltfaktoren wirken. Nach dem Schwellenwertmodell ist das Wiederholungsrisiko für ein drittes Kind deshalb höher als nach nur einem betroffenen Kind. Ein festes Zahlenverhältnis gibt es nicht; Fachleute nutzen dafür Erfahrungswerte aus Familienstudien.
- AFB IIIBeurteile die Werbung eines Online-Anbieters: „Unser Gentest verrät dir, ob du Diabetes bekommst.“
Lösung anzeigen
Die Aussage ist irreführend. Typ-2-Diabetes ist multifaktoriell: Ein polygener Risikoscore zeigt nur ein relatives Risiko im Vergleich zu anderen, keine sichere Vorhersage und keinen Zeitpunkt. Lebensstil, Gewicht und Alter haben großen Einfluss. Zudem sind die Scores für Menschen nicht europäischer Herkunft oft ungenauer, und es fehlen Leitlinien für die Anwendung. Ein unauffälliges Ergebnis könnte falsche Sicherheit, ein auffälliges unnötige Angst erzeugen. Sinnvoller sind bekannte Vorsorgemaßnahmen und bei familiärer Häufung eine ärztliche oder genetische Beratung. Eine begründete eigene Bewertung ist gefordert.
Weiterlernen
Quellen & Stand
- Kaprio, J. u. a. (1992): Concordance for type 1 and type 2 diabetes mellitus in a population-based cohort of twins in Finland. Diabetologia 35, 1060–1067.
- Grosen, D. u. a. (2011): Risk of oral clefts in twins. Epidemiology 22, 313–319.
- Little, J.; Cardy, A.; Munger, R. G. (2004): Tobacco smoking and oral clefts: a meta-analysis. Bulletin of the World Health Organization 82, 213–218.
- Polderman, T. J. u. a. (2015): Meta-analysis of the heritability of human traits based on fifty years of twin studies. Nature Genetics 47, 702–709; Manolio, T. A. u. a. (2009): Finding the missing heritability of complex diseases. Nature 461, 747–753.
- NHGRI: Polygenic Risk Scores.
Stand: Oktober 2026.