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DNA-Replikation einfach erklärt

Vertiefung zum ThemaDNA

Bevor sich eine deiner Zellen teilt, muss sie rund sechs Milliarden Basenpaare kopieren – in wenigen Stunden und fast ohne Fehler. Wie das gelingt, gehört zu den Klassikern jeder Biologie-Klausur: Helikase, Primase, Polymerase, Leit- und Folgestrang. Hier lernst du den Ablauf Schritt für Schritt und verstehst, warum er genau so funktionieren muss.

Kurz gesagt

Bei der DNA-Replikation wird die DNA vor jeder Zellteilung verdoppelt, bei Eukaryoten in der S-Phase. Die Helikase trennt die beiden Stränge, die Primase setzt kurze RNA-Startstücke (Primer), und die DNA-Polymerase ergänzt an jedem alten Strang einen neuen. Weil sie nur in 5′→3′-Richtung arbeitet, entsteht der Leitstrang fortlaufend, der Folgestrang in Stücken (Okazaki-Fragmente), die die Ligase verbindet. Jede neue Doppelhelix besteht aus einem alten und einem neuen Strang: Die Replikation ist semikonservativ.

Das lernst du hier

  • die Enzyme der Replikation nennen und ihre Aufgaben beschreiben,
  • den Ablauf an der Replikationsgabel mit Leit- und Folgestrang erklären,
  • die 5′→3′-Regel auf gegebene DNA-Stränge anwenden,
  • Geschwindigkeit und Genauigkeit der Replikation berechnen und beurteilen.

Wann und wo: Replikation in der S-Phase

Eine Zelle verdoppelt ihre DNA genau einmal pro Zellzyklus, bei Eukaryoten in der S-Phase (S für Synthese). Danach besteht jedes Chromosom aus zwei identischen Schwesterchromatiden. Wie das Prinzip der Verdopplung in den Bau der Doppelhelix passt, zeigt die Hauptseite DNA: Aufbau und Replikation; dort findest du auch das berühmte Experiment von Meselson und Stahl, das 1958 die semikonservative Replikation bewies.

Die Replikation beginnt an bestimmten Startstellen, den Replikationsursprüngen. Dort wird die Doppelhelix geöffnet, und es entstehen zwei Replikationsgabeln, die in entgegengesetzte Richtungen wandern. Das ringförmige Chromosom eines Bakteriums wie E. coli hat einen einzigen Ursprung. Die viel längeren Chromosomen des Menschen besitzen dagegen Tausende von Ursprüngen. Das ist nötig, weil die Replikation bei Eukaryoten langsamer läuft: Nach Lehrbuchangaben schafft eine Gabel in Bakterien etwa 500 Nukleotide pro Sekunde, in menschlichen Zellen rund 50.

Ablauf der DNA-Replikation an der Replikationsgabel

  1. Entwinden und öffnenDie Helikase trennt die beiden Stränge, indem sie die Wasserstoffbrücken zwischen den Basen löst. Vor der Gabel baut die Topoisomerase die Spannung ab, die durch das Entdrillen entsteht. Einzelstrang-bindende Proteine halten die getrennten Stränge auseinander.
  2. Startstück setzenDie DNA-Polymerase kann keinen neuen Strang beginnen, sondern nur einen vorhandenen verlängern. Deshalb legt die Primase zuerst ein kurzes RNA-Stück an, den Primer.
  3. VerlängernDie DNA-Polymerase liest den alten Strang ab und hängt passende Nukleotide an das freie 3′-Ende des neuen Strangs: gegenüber A ein T, gegenüber G ein C. Sie arbeitet ausschließlich in 5′→3′-Richtung.
  4. Leit- und FolgestrangAm einen alten Strang kann die Polymerase der wandernden Gabel einfach folgen: Der Leitstrang entsteht fortlaufend. Am anderen arbeitet sie von der Gabel weg und muss immer wieder neu ansetzen: Der Folgestrang entsteht in Stücken, den Okazaki-Fragmenten.
  5. Primer ersetzen und verknüpfenDie RNA-Primer werden entfernt und durch DNA ersetzt. Die Ligase schließt die letzten Lücken zwischen den Fragmenten zu einem durchgehenden Strang.
Die Replikationsgabel mit Leitstrang und Folgestrang Links liegt die ungeöffnete Doppelhelix, deren oberer Strang links ein 3-Strich-Ende und deren unterer Strang links ein 5-Strich-Ende hat. Die Topoisomerase sitzt davor, die Helikase an der Gabel trennt die Stränge; die Gabel wandert nach links. Am unteren Elternstrang wird der Leitstrang fortlaufend in Richtung Gabel synthetisiert: Er beginnt rechts mit einem RNA-Primer am 5-Strich-Ende, sein 3-Strich-Ende mit der DNA-Polymerase zeigt zur Gabel. Am oberen Elternstrang entsteht der Folgestrang in Stücken, den Okazaki-Fragmenten, die jeweils mit einem Primer beginnen und von der Gabel weg nach rechts wachsen. Die Primase setzt nahe der Gabel einen neuen Primer, eine DNA-Polymerase verlängert das jüngste Fragment, die Ligase verknüpft ältere Fragmente. Gabel wandert 3′5′5′3′5′5′3′ HelikasePrimaseDNA-PolymeraseLigaseTopoisomeraseDNA-PolymeraseRNA-Primer Folgestrang: Okazaki-FragmenteLeitstrang: fortlaufend Neue Stränge wachsen immer in 5′→3′-Richtung (Pfeilspitze = 3′-Ende).
Abb. 1: Die Replikationsgabel (schematisch). Blau: alte Stränge (Matrizen), grün: neue Stränge, violett: RNA-Primer. Die Gabel wandert nach links. Am unteren Strang folgt die Polymerase der Gabel (Leitstrang), am oberen arbeitet sie von ihr weg und bildet Okazaki-Fragmente (Folgestrang).
Enzym oder ProteinAufgabe
Helikasetrennt die Doppelhelix in zwei Einzelstränge
Topoisomerasebaut vor der Gabel die Verdrillungsspannung ab
Einzelstrang-bindende Proteinehalten die getrennten Stränge stabil auseinander
Primasebildet kurze RNA-Primer als Startpunkte
DNA-Polymeraseverlängert neue Stränge in 5′→3′-Richtung, ersetzt Primer, liest Korrektur
Ligaseverknüpft die Okazaki-Fragmente zu einem durchgehenden Strang

Die 5′→3′-Regel: Warum es einen Folgestrang gibt

Jeder DNA-Strang hat eine Richtung: ein 5′-Ende und ein 3′-Ende, benannt nach den Kohlenstoffatomen des Zuckers. Die DNA-Polymerase kann ein neues Nukleotid nur an eine freie OH-Gruppe am 3′-Ende knüpfen. Ein neuer Strang wächst deshalb immer von 5′ nach 3′ – und weil er antiparallel zu seiner Vorlage liegt, liest die Polymerase den alten Strang von 3′ nach 5′.

Die beiden alten Stränge laufen aber gegenläufig. An der Gabel zeigt deshalb nur bei einem von ihnen die Wachstumsrichtung des neuen Strangs in Richtung der Gabelbewegung: Hier entsteht der Leitstrang in einem Stück. Am anderen alten Strang wächst der neue Strang von der Gabel weg. Sobald sich die Gabel ein Stück weiter geöffnet hat, setzt die Primase dort einen neuen Primer, und die Polymerase bildet das nächste Stück. Diese Stücke heißen nach ihren Entdeckern, dem japanischen Forscherpaar Reiji und Tsuneko Okazaki, Okazaki-Fragmente. Bei Bakterien sind sie etwa 1000 bis 2000 Nukleotide lang, bei Eukaryoten etwa 100 bis 200.

Merke

Neue Stränge wachsen immer 5′→3′. Der Leitstrang wächst zur Gabel hin und entsteht fortlaufend; der Folgestrang wächst von der Gabel weg und entsteht in Okazaki-Fragmenten, die jeweils mit einem RNA-Primer beginnen und von der Ligase verknüpft werden.

Korrekturlesen: Wie genau wird kopiert?

Bei Milliarden Basenpaaren zählt jede Fehlerquote. Die Genauigkeit entsteht in drei Stufen. Erstens passt die richtige Base am besten in die aktive Stelle der Polymerase. Zweitens liest die Polymerase Korrektur: Hat sie eine falsche Base eingebaut, kann sie ein Stück zurückgehen, das falsche Nukleotid herausschneiden und neu einsetzen. Zusammen kommt sie so auf weniger als einen Fehler pro zehn Millionen eingebaute Nukleotide. Drittens suchen Reparaturenzyme nach der Replikation verbliebene Fehlpaarungen und korrigieren sie. Am Ende bleibt weniger als ein Fehler pro Milliarde Nukleotide. Was passiert, wenn trotzdem etwas schiefgeht oder die DNA später geschädigt wird, beschreibt die Seite Reparatur der DNA.

Das Prinzip der Replikation nutzt man auch im Labor: Bei der Polymerase-Kettenreaktion vervielfältigt eine hitzestabile DNA-Polymerase mit Primern gezielt einen DNA-Abschnitt. Wie das funktioniert, zeigt die Seite PCR einfach erklärt. Wie sich DNA und RNA – etwa die RNA der Primer – unterscheiden, erklärt die Seite DNA und RNA.

Typische Fehler

  • „Die DNA-Polymerase arbeitet in beide Richtungen.“ Neue Stränge wachsen nur 5′→3′. Deshalb gibt es überhaupt einen Folgestrang.
  • „Okazaki-Fragmente entstehen am Leitstrang.“ Sie entstehen am Folgestrang, der von der Gabel weg wächst.
  • „Primer bestehen aus DNA.“ Die Primase bildet RNA-Primer; sie werden später durch DNA ersetzt.
  • „Nach der Replikation gibt es einen alten und einen ganz neuen Doppelstrang.“ Jede neue Doppelhelix enthält einen alten und einen neuen Strang (semikonservativ).
  • „Die DNA wird in der Mitose verdoppelt.“ Die Verdopplung geschieht vorher, in der S-Phase der Interphase.
Vertiefung Oberstufe: Warum gerade 5′→3′ – und warum RNA-Primer?

Die Energie für jede neue Bindung im DNA-Strang stammt aus dem ankommenden Baustein selbst: Nukleotide werden als Triphosphate angeliefert (zum Beispiel dATP). Beim Einbau wird von ihnen eine Zweiergruppe aus Phosphaten abgespalten, und diese Energie treibt die Verknüpfung mit dem 3′-Ende des wachsenden Strangs an.

Wüchse ein Strang umgekehrt von 3′ nach 5′, müsste die energiereiche Triphosphatgruppe am wachsenden Ende des Strangs sitzen. Das hätte einen entscheidenden Nachteil beim Korrekturlesen: Schneidet die Polymerase ein falsch eingebautes Nukleotid heraus, verschwände mit ihm auch die Triphosphatgruppe am Kettenende. Der Strang hätte dann kein energiereiches Ende mehr und könnte nicht weiterverlängert werden. Bei der 5′→3′-Synthese dagegen bringt jedes neue Nukleotid seine Energie selbst mit; nach dem Herausschneiden eines Fehlers geht es einfach weiter. Fachleute sehen darin einen Grund, warum alle bekannten DNA-Polymerasen in 5′→3′-Richtung arbeiten.

Ähnlich lässt sich erklären, warum die Startstücke aus RNA bestehen. Ein Enzym, das einen Strang ganz neu beginnt, kann sich nicht selbst kontrollieren, denn es gibt noch kein korrekt gepaartes Ende, an dem es prüfen könnte. Die ersten Nukleotide sind deshalb fehleranfälliger. Weil sie aus RNA bestehen, sind sie als „vorläufig“ markiert und werden später entfernt und durch sorgfältig kopierte DNA ersetzt.

Fachbegriffe

Replikation
Verdopplung der DNA vor der Zellteilung; semikonservativ.
Replikationsgabel
Y-förmige Stelle, an der die Doppelhelix geöffnet und kopiert wird.
Primer
Kurzes RNA-Startstück, an das die DNA-Polymerase Nukleotide anhängt.
Leitstrang
Neuer Strang, der zur Gabel hin fortlaufend synthetisiert wird.
Folgestrang
Neuer Strang, der von der Gabel weg in Okazaki-Fragmenten entsteht.
Okazaki-Fragment
Kurzes Stück des Folgestrangs, beginnend mit einem RNA-Primer.

Aufgaben

AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen

  1. AFB INenne die Enzyme der Replikation in der Reihenfolge ihres Einsatzes und beschreibe jeweils ihre Aufgabe.
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    Topoisomerase (baut Verdrillungsspannung vor der Gabel ab) – Helikase (trennt die Stränge) – Primase (setzt RNA-Primer) – DNA-Polymerase (verlängert neue Stränge 5′→3′, liest Korrektur, ersetzt Primer durch DNA) – Ligase (verknüpft Okazaki-Fragmente). Einzelstrang-bindende Proteine halten die Stränge auseinander.

  2. AFB IIWende an: Ein Abschnitt eines alten Strangs lautet 3′-TACGGATC-5′. Gib den neu synthetisierten Strang mit Enden an und nenne die Richtung, in der er wächst.
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    Neuer Strang: 5′-ATGCCTAG-3′. Er wächst von 5′ nach 3′, also in dieser Schreibweise von links nach rechts; die Polymerase liest den alten Strang von 3′ nach 5′.

  3. AFB IIBerechne, wie lange die Replikation eines menschlichen Chromosomensatzes (rund 3,1 Milliarden Basenpaare) dauern würde, wenn es nur eine einzige Replikationsgabel mit 50 Nukleotiden pro Sekunde gäbe. Erläutere, was daraus folgt.
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    3,1 · 10⁹ : 50 s⁻¹ = 6,2 · 10⁷ s. Das sind rund 17.000 Stunden oder fast zwei Jahre. Tatsächlich dauert die S-Phase nur Stunden. Daraus folgt: Die Replikation muss an sehr vielen Stellen gleichzeitig ablaufen – an Tausenden von Replikationsursprüngen, von denen aus jeweils zwei Gabeln in entgegengesetzte Richtungen wandern.

  4. AFB IIErkläre, warum am Folgestrang viel mehr Primer gebraucht werden als am Leitstrang und warum deshalb dort auch die Ligase besonders wichtig ist.
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    Der Leitstrang wird in Richtung der Gabel fortlaufend verlängert und braucht nur einen Primer am Anfang. Der Folgestrang wächst von der Gabel weg; jedes Okazaki-Fragment muss neu beginnen und braucht einen eigenen Primer. Nach dem Ersetzen der Primer bleiben zwischen den Fragmenten Lücken im Rückgrat, die nur die Ligase schließen kann. Ohne Ligase bliebe der Folgestrang in Stücken.

  5. AFB IIIBeurteile die Aussage: „Eine noch genauere DNA-Polymerase ohne jeden Fehler wäre für Lebewesen nur von Vorteil.“
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    Kurzfristig spricht vieles dafür: Weniger Kopierfehler bedeuten weniger schädliche Mutationen, etwa solche, die Krebs auslösen können. Langfristig ist die Aussage aber zu einseitig. Seltene Kopierfehler sind eine Quelle neuer genetischer Varianten, an denen Selektion ansetzen kann; ohne sie wäre Evolution stark verlangsamt. Zudem kostet höhere Genauigkeit Zeit und Energie, denn Korrekturlesen verlangsamt die Synthese. Die tatsächliche Fehlerrate von weniger als einem Fehler pro Milliarde Nukleotide lässt sich als Kompromiss deuten: genau genug für stabile Weitergabe, aber nicht völlig fehlerfrei.

Weiterlernen

Quellen & Stand

  • Meselson, M.; Stahl, F. W.: The replication of DNA in Escherichia coli. PNAS 44, 1958, S. 671–682.
  • Wikipedia: DNA replication (Enzyme, Ursprünge, Fehlerraten).
  • Campbell Biologie, 11. Auflage, Pearson 2019, Kapitel 16 (Replikation: Geschwindigkeit, Okazaki-Fragmente, Korrekturlesen).
  • Alberts, B. u. a.: Molecular Biology of the Cell, 7. Auflage, W. W. Norton 2022, Kapitel 5 (DNA-Replikation).

Stand: Oktober 2026.

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