Genzukunft

Genetik verstehen · Zukunft mitdenken

Der Klon-Skandal um Hwang Woo-suk

Vertiefung zum ThemaKlonen: Gesetze weltweit

Im Februar 2004 meldete ein Team aus Südkorea, wovon die Stammzellforschung lange geträumt hatte: menschliche Stammzellen aus einem geklonten Embryo. Ein Jahr später folgten angeblich elf Zelllinien von Patienten. Ende 2005 brach alles zusammen. Der Fall zeigt, wie Betrug in die Wissenschaft gelangt, wie er auffliegt und warum Eizellen dabei eine zentrale Rolle spielten.

Einfach erklärt

Diese Seite vertieft das Thema Klonen und Gesetze weltweit. Der Forscher Hwang Woo-suk aus Südkorea meldet 2004 und 2005 einen Durchbruch. Er berichtet von Stammzellen aus geklonten menschlichen Embryonen. Stammzellen können sich zu vielen Zelltypen entwickeln. In Südkorea feiern ihn viele wie einen Star.

Ende 2005 fliegt der Betrug auf. Die Daten sind gefälscht. Keine von den behaupteten Klon-Zelllinien ist echt. Die Fachzeitschrift zieht beide Artikel im Januar 2006 zurück. Echt ist dagegen der geklonte Hund Snuppy.

Auch der Weg zu den Eizellen ist ein Skandal. Eine Doktorandin aus dem Labor spendet Eizellen. Andere Spenderinnen bekommen Geld. So gehen abhängige oder arme Frauen Risiken für ihre Gesundheit ein. Die Lehre: Fachleute prüfen vor der Veröffentlichung nur, ob ein Artikel stimmig wirkt. Erst Rohdaten und Wiederholungen machen ein Ergebnis verlässlich.

Merke: Verlässlich wird ein Ergebnis erst durch unabhängige Prüfung und Wiederholung.

Kurz gesagt

Der Tiermediziner Hwang Woo-suk von der Seoul National University berichtete 2004 und 2005 in der Fachzeitschrift Science, er habe menschliche embryonale Stammzellen aus geklonten Embryonen gewonnen. Ende 2005 stellte sich heraus: Die Daten waren gefälscht, und die Eizellen für die Versuche waren teils unter ethisch unzulässigen Umständen beschafft worden. Science zog beide Artikel im Januar 2006 zurück. Echt war dagegen der Klonhund Snuppy.

Das lernst du hier

  • den Ablauf des Skandals beschreiben,
  • wissenschaftliche Fälschung und ethische Verstöße unterscheiden,
  • erklären, warum die Begutachtung den Betrug nicht erkannte,
  • Lehren für Forschung und Fachzeitschriften beurteilen.

Hwang Woo-suk und die Klon-Stammzellen

Beim therapeutischen Klonen wird der Zellkern einer Körperzelle in eine entkernte Eizelle übertragen (mehr unter Was bedeutet Klonen?). Aus dem frühen Embryo sollen Stammzellen entstehen, die das Erbgut des Patienten tragen und vom Immunsystem nicht abgestoßen werden. Beim Menschen war das bis dahin niemandem gelungen.

Im Februar 2004 berichtete Hwangs Team in Science von einer solchen Zelllinie. Die Autoren schrieben selbst, sie könnten nicht völlig ausschließen, dass die Zellen durch Parthenogenese entstanden seien, also aus einer unbefruchteten Eizelle; Untersuchungen sprächen aber für einen Klon. Im Mai 2005 folgte der zweite Artikel: elf Stammzelllinien aus Hautzellen von Patienten mit Krankheiten oder Verletzungen, immunologisch passend zu den Spendern. Im August 2005 stellte das Team in Nature den ersten geklonten Hund vor, einen Afghanen namens Snuppy. In Südkorea wurde Hwang wie ein Star gefeiert.

Zeitleiste des Klon-Skandals um Hwang Woo-suk Zeitleiste mit sieben Ereignissen. Grün, die Veröffentlichungen: Februar 2004 Science-Artikel über Stammzellen aus einem Klon-Embryo, Mai 2005 Science-Artikel über elf Linien von Patienten, August 2005 der Klonhund Snuppy in Nature, der echt war. Koralle, die Aufdeckung: November 2005 werden Vorwürfe zur Eizellspende bestätigt, Dezember 2005 stellt eine Untersuchung der Universität gefälschte Daten fest, Januar 2006 zieht Science beide Artikel zurück. Grau, die Folgen: Oktober 2009 Verurteilung, aber nicht wegen Betrugs. Feb. 2004Science: Stammzellenaus Klon-Embryo Aug. 2005Nature: KlonhundSnuppy (echt) Dez. 2005Uni-Untersuchung:Daten gefälscht Okt. 2009verurteilt, abernicht wegen Betrugs Mai 2005Science: 11 Linienvon Patienten Nov. 2005Vorwürfe zur Eizell-spende bestätigt Jan. 2006Science zieht beideArtikel zurück
Abb. 1: Der Skandal im Zeitverlauf. Grün: Veröffentlichungen, koralle: Aufdeckung, grau: juristische Folgen. Abstände nicht maßstabsgetreu.

Was gefälscht war und was echt

Eine Untersuchungskommission der Seoul National University legte im Januar 2006 ihren Abschlussbericht vor. Das Ergebnis:

BehauptungBefund der Untersuchung
2004: eine Stammzelllinie aus einem geklonten EmbryoDas Erbgut passte nicht zur angeblichen Spenderin der Körperzellen. DNA-Fingerabdrücke und Fotos waren gefälscht; die Linie entstand vermutlich durch Parthenogenese.
2005: elf Stammzelllinien von PatientenEs gab keine einzige. Die verwendeten Linien stammten aus Embryonen nach künstlicher Befruchtung; zahlreiche Daten und Abbildungen waren erfunden.
2005: 185 Eizellen verbrauchtLaut Laborbüchern mindestens 273. Insgesamt erhielt das Team ab Ende 2002 rund drei Jahre lang 2061 Eizellen von 129 Frauen.
2005: Klonhund SnuppyEin echter Klon des Spenderhundes, unabhängig bestätigt auch von Forschenden in den USA.

2007 bestätigte eine genomweite Analyse, dass die Zelllinie von 2004 durch Parthenogenese entstanden war. Hwangs Team hatte damit möglicherweise als eines der ersten menschliche Stammzellen auf diesem Weg gewonnen, ohne es zu erkennen.

Der ethische Skandal: die Eizellen

Für das Klonen braucht man viele Eizellen, und ihre Gewinnung erfordert bei den Spenderinnen eine Hormonbehandlung und einen Eingriff. Genau hier lag der zweite Teil des Skandals. Eine Doktorandin aus Hwangs Labor spendete Eizellen; Hwang begleitete sie 2003 selbst in die Klinik. Im selben Jahr ließ sein Team unter Mitarbeiterinnen ein Einwilligungsformular zur Eizellspende unterschreiben. Hwang gab später an, von den Spenden nichts gewusst zu haben. Ein beteiligter Klinikleiter räumte ein, Spenderinnen Geld gezahlt zu haben.

Warum ist das problematisch? Wer in einem Labor arbeitet, ist vom Laborleiter abhängig; ob eine Spende dann wirklich freiwillig ist, lässt sich kaum sicherstellen. Bezahlung schafft einen Anreiz für Frauen in finanzieller Not, gesundheitliche Risiken einzugehen. In Deutschland wäre schon das Erzeugen von Klon-Embryonen strafbar, siehe Embryonenschutzgesetz.

Wusstest du?

Der Name Snuppy setzt sich aus SNU, der Abkürzung der Seoul National University, und dem englischen Wort puppy für Welpe zusammen.

Wie der Betrug aufflog und welche Folgen er hatte

Im November 2005 beendete Hwangs US-Kooperationspartner Gerald Schatten die Zusammenarbeit und begründete das mit Bedenken bei der Eizellspende. Ein Fernsehmagazin berichtete über die Beschaffung der Eizellen, und Hwang entschuldigte sich öffentlich. Im Dezember erklärte ein Mitautor, neun der elf Zelllinien seien gefälscht. Die Untersuchung der Universität bestätigte das und fand bis Januar 2006 heraus, dass auch der Artikel von 2004 gefälscht war. Science zog beide Artikel zurück, die Universität entließ Hwang im März 2006.

2009 verurteilte ihn ein Gericht in Seoul wegen Veruntreuung von Forschungsgeldern und wegen Verstößen gegen das Bioethikgesetz durch den Kauf von Eizellen zu einer Bewährungsstrafe; vom Vorwurf des Betrugs wurde er freigesprochen. Das oberste Gericht bestätigte das Urteil 2014. Später klonte Hwang in einem privaten Unternehmen Tiere, darunter Hunde im Auftrag ihrer Halter. Was er 2005 behauptet hatte, gelang einem Team in den USA tatsächlich erst 2013. Wie Staaten auf diesen und andere Klon-Fälle reagierten, zeigt die Übersicht Klonen: Gesetze weltweit.

Was die Wissenschaft daraus gelernt hat

Bei der Begutachtung (Peer Review) prüfen Fachleute, ob Methoden, Daten und Schlussfolgerungen eines Artikels plausibel sind. Rohdaten, Laborbücher oder Zellproben sehen sie meist nicht. Gefälschte Daten, die stimmig aussehen, kann dieses Verfahren kaum entdecken. Ein Ausschuss unter Leitung des Chemikers John Brauman kam im November 2006 zu dem Schluss, dass die Redaktion von Science ihre Regeln eingehalten hatte. Er empfahl dennoch strengere Schutzmaßnahmen:

  • besonders aufsehenerregende Arbeiten gezielt intensiver prüfen, etwa durch Einblick in Primärdaten,
  • den Beitrag jedes Autors zu einem Artikel festhalten,
  • mehr Rohdaten mit veröffentlichen, damit andere sie prüfen können,
  • gemeinsame Standards mit anderen großen Fachzeitschriften entwickeln.

Der Ausschuss betonte aber auch, kein realistisches Verfahren sei völlig sicher vor vorsätzlichem Betrug. Am Ende entscheidet die unabhängige Prüfung: Snuppy hielt ihr stand, die Stammzellen nicht.

Merke

Hwang Woo-suk fälschte 2004 und 2005 Belege für menschliche Stammzellen aus geklonten Embryonen und ließ Eizellen unter ethisch unzulässigen Umständen beschaffen. Peer Review prüft die Plausibilität, nicht die Echtheit von Daten. Verlässlich wird ein Ergebnis erst durch Rohdaten, unabhängige Prüfung und Wiederholung.

Typische Fehler

  • „Hwang hat Menschen geklont.“ Falsch: Er behauptete, Stammzellen aus Klon-Embryonen gewonnen zu haben. Ein Kind sollte nicht entstehen.
  • „Alles an Hwangs Forschung war gefälscht.“ Falsch: Der Klonhund Snuppy war echt.
  • „Es ging nur um gefälschte Daten.“ Unvollständig: Auch die Beschaffung der Eizellen verletzte ethische Grundsätze.
  • „Hwang wurde wegen Betrugs verurteilt.“ Falsch: Verurteilt wurde er wegen Veruntreuung und Verstößen gegen das Bioethikgesetz.
Vertiefung Oberstufe: Wie die Gene die Fälschung verrieten

Wie lässt sich nachträglich feststellen, ob eine Stammzelllinie aus einem Klon oder aus einer unbefruchteten Eizelle stammt? Die Antwort liefert die Meiose.

Ein Klon trägt das Erbgut der Körperzelle, aus der sein Zellkern stammt. Für jedes Gen besitzt er also dieselben zwei Allele wie der Spender, eines von dessen Mutter und eines von dessen Vater. Bei der Parthenogenese entwickelt sich dagegen eine Eizelle ohne Befruchtung weiter. Alle Chromosomen stammen dann von der Frau, die die Eizelle gebildet hat, und sie haben die Meiose zumindest teilweise durchlaufen. Durch das Crossing-over wurden dabei mütterliche und väterliche Abschnitte der Spenderin neu kombiniert. In der parthenogenetischen Zelle sind deshalb manche Abschnitte reinerbig, andere mischerbig, und zwar nach einem Muster, das von den Orten des Crossing-overs abhängt.

Genau dieses Muster fand ein Forschungsteam 2007, als es die angebliche Klon-Linie von 2004 mit einer SNP-Analyse an sehr vielen Stellen im Erbgut untersuchte. Eine Klon-Linie hätte überall dem Spender gleichen müssen. Bemerkenswert: Schon 2004 hatten Hwang und seine Kollegen eingeräumt, eine parthenogenetische Herkunft nicht völlig ausschließen zu können. Die Autoren der Studie von 2007 empfahlen solche Analysen allgemein, um die genetische Herkunft von Stammzelllinien zu überprüfen. Die Untersuchung zeigt, wie Erkenntnisse aus der Genetik helfen können, Behauptungen unabhängig zu überprüfen.

Fachbegriffe

Peer Review
Begutachtung eines Fachartikels durch unabhängige Fachleute vor der Veröffentlichung.
Retraktion
Offizieller Rückzug eines veröffentlichten Artikels durch die Fachzeitschrift.
Replikation
Wiederholung eines Experiments durch unabhängige Forschende.
Parthenogenese
Entwicklung einer Eizelle ohne Befruchtung.
Patientenspezifische Stammzellen
Stammzellen mit dem Erbgut eines Patienten, die sein Immunsystem nicht abstoßen würde.
Wissenschaftliches Fehlverhalten
Erfinden oder Fälschen von Daten, Plagiate und andere Verstöße gegen gute wissenschaftliche Praxis.

Aufgaben

AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen

  1. AFB IBeschreibe, was Hwang 2004 und 2005 behauptete und was die Untersuchung ergab.
    Lösung anzeigen

    2004: eine menschliche Stammzelllinie aus einem geklonten Embryo; tatsächlich passte das Erbgut nicht zur Spenderin, Daten waren gefälscht, die Linie entstand vermutlich durch Parthenogenese. 2005: elf patientenspezifische Linien; tatsächlich gab es keine, die verwendeten Linien stammten aus Embryonen nach künstlicher Befruchtung. Echt war nur der Klonhund Snuppy.

  2. AFB IIErkläre, warum die Eizellspende einer Doktorandin aus dem eigenen Labor ethisch problematisch ist, auch wenn sie als freiwillig bezeichnet wird.
    Lösung anzeigen

    Die Doktorandin ist vom Laborleiter abhängig, etwa bei Betreuung, Abschluss und Karriere. Sie könnte sich unter Druck gesetzt fühlen oder Nachteile fürchten, wenn sie ablehnt. Eine wirklich freie Einwilligung lässt sich daher nicht sicherstellen. Hinzu kommen die gesundheitlichen Risiken von Hormonbehandlung und Eingriff, die sie für das Projekt ihres Vorgesetzten eingeht.

  3. AFB IIErläutere, warum das Peer Review den Betrug nicht erkannte, und nenne zwei Maßnahmen, die Fälschungen erschweren.
    Lösung anzeigen

    Gutachter prüfen die Plausibilität von Methoden, Daten und Schlussfolgerungen, sehen aber meist keine Rohdaten oder Proben. Stimmig gefälschte Daten fallen so nicht auf. Maßnahmen: aufsehenerregende Arbeiten intensiver prüfen und Primärdaten einsehen, Rohdaten veröffentlichen, Beiträge der Autoren festhalten, unabhängige Wiederholung der Experimente.

  4. AFB IIIBeurteile die Aussage: „Der Fall Hwang zeigt, dass man der Wissenschaft nicht trauen kann.“
    Lösung anzeigen

    Dafür spricht: Der Betrug gelangte in eine der angesehensten Fachzeitschriften und blieb fast zwei Jahre unentdeckt; Begutachtung schützt nicht sicher vor Fälschung. Dagegen spricht: Der Betrug wurde innerhalb der Wissenschaft aufgedeckt, durch Mitarbeitende, Kooperationspartner und eine Untersuchungskommission; die Artikel wurden zurückgezogen, echte Ergebnisse wie Snuppy hielten der Prüfung stand, und die Zeitschriften verschärften ihre Regeln. Ein mögliches Urteil: Nicht einzelnen Artikeln, wohl aber dem Prozess aus Prüfung, Wiederholung und Korrektur kann man vertrauen. Ein anderes Urteil ist möglich, wenn es begründet wird.

Weiterlernen

Quellen & Stand

Stand: Oktober 2026.

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.