Gentechnik und Umwelt: Auswirkungen auf die Natur
Vertiefung zum ThemaGentechnik Pro und Contra
Retten gentechnisch veränderte Pflanzen die Umwelt, weil weniger gespritzt wird? Oder schaden sie ihr, weil Unkräuter resistent werden und Gene sich ausbreiten? Beide Behauptungen hört man oft, und beide sind zu einfach. Wer die Chancen und Risiken der Gentechnik für die Natur einschätzen will, muss genau hinsehen: welche Eigenschaft, welche Anbaupraxis, welche Region.
Kurz gesagt
Die Auswirkungen von Gentechnik auf die Umwelt hängen weniger von der Technik selbst ab als von der Eigenschaft und der Anbaupraxis. Insektenresistente Bt-Pflanzen haben den Einsatz von Insektiziden vielerorts gesenkt, herbizidtolerante Pflanzen haben glyphosatresistente Unkräuter gefördert. Eine große Auswertung der US-Akademien der Wissenschaften fand 2016 keine eindeutigen Belege für Umweltschäden, wohl aber Resistenzen als großes Problem. Neue Fragen werfen Gene Drives auf, die sich gezielt in der Natur ausbreiten sollen.
Das lernst du hier
- Wege beschreiben, auf denen gentechnisch veränderte Organismen auf die Umwelt wirken können,
- die Wirkung von Bt- und herbizidtoleranten Pflanzen auf den Pestizideinsatz vergleichen,
- Studien zur Artenvielfalt auswerten und ihre Grenzen erläutern,
- die Bewertung von Umweltrisiken in der EU beurteilen.
Gentechnik und Umwelt: Wo Wirkungen entstehen können
Ein gentechnisch veränderter Organismus kann auf drei Wegen auf die Umwelt wirken. Direkt durch seine neue Eigenschaft, etwa wenn das Bt-Eiweiß einer Maispflanze auch Insekten trifft, die gar keine Schädlinge sind. Durch Genfluss, wenn Pollen oder Samen das neue Gen auf verwandte Pflanzen übertragen. Und indirekt über die Landwirtschaft: Eine neue Sorte verändert, wie gespritzt, gepflügt und gewirtschaftet wird. Gerade dieser dritte Weg erweist sich oft als der wichtigste.
Pestizide: Bt-Pflanzen und herbizidtolerante Pflanzen im Vergleich
Weltweit verbreitet sind bisher vor allem zwei Eigenschaften, und sie wirken in entgegengesetzte Richtungen.
Bt-Pflanzen (insektenresistent)
- Die Pflanze bildet ein Eiweiß aus dem Bodenbakterium Bacillus thuringiensis, das nur bestimmte Insektengruppen tötet.
- Insektizide, die gegen viele Insekten wirken, werden seltener nötig.
- Eine Metaanalyse von 147 Studien (Klümper und Qaim 2014) ergab für gentechnisch veränderte Soja-, Mais- und Baumwollpflanzen im Mittel 37 Prozent weniger chemische Pflanzenschutzmittel, bei insektenresistenten Sorten deutlich mehr als bei herbizidtoleranten.
Herbizidtolerante Pflanzen
- Die Pflanze verträgt ein Herbizid, meist Glyphosat, das dann in den wachsenden Bestand gespritzt wird.
- Oft ersetzt Glyphosat andere Herbizide; die Gesamtmenge sank dadurch nicht unbedingt.
- Der einseitige Einsatz eines Wirkstoffs hat glyphosatresistente Unkräuter gefördert, wie der US-Bericht von 2016 feststellt. Mehr dazu auf der Seite Glyphosat.
Auch Bt-Pflanzen sind nicht frei von Resistenzproblemen. Eine Auswertung weltweiter Daten (Tabashnik und Carrière 2017) zählte Fälle, in denen eine Schädlingsart in einem Land gegen ein Bt-Eiweiß resistent wurde: 2005 waren es 3, 2016 bereits 16. In 17 anderen Fällen blieb die Empfindlichkeit erhalten. Entscheidend war, ob Landwirte Refugien anlegten, also Flächen mit herkömmlichen Pflanzen, auf denen empfindliche Insekten überleben und sich mit resistenten paaren. Die Umweltbilanz einer Bt-Pflanze hängt also davon ab, wie verantwortungsvoll sie angebaut wird.
Merke
Bt-Pflanzen senken vielerorts den Insektizideinsatz, herbizidtolerante Pflanzen fördern den einseitigen Einsatz eines Herbizids. Beide können Resistenzen auslösen. Ob Gentechnik der Umwelt nützt oder schadet, hängt von der Eigenschaft und der Anbaupraxis ab, nicht von der Technik allein.
Biodiversität: Was Studien zeigen
Die National Academies of Sciences der USA werteten 2016 zwei Jahrzehnte Forschung aus. Ihr Ergebnis: Der Anbau insektenresistenter oder herbizidtoleranter Pflanzen hat die Vielfalt von Pflanzen und Insekten auf den Höfen insgesamt nicht verringert; Bt-Pflanzen führten im Vergleich zu gespritzten herkömmlichen Feldern teils sogar zu mehr Insektenarten. Genfluss auf wilde Verwandte kam vor, ein schädlicher Umwelteffekt dadurch wurde aber nicht nachgewiesen. Die Autoren betonen zugleich, wie schwer langfristige Umweltveränderungen eindeutig zu belegen sind.
Ein Lehrstück ist der Monarchfalter. 1999 berichteten Forschende in der Zeitschrift Nature, dass Raupen dieses Schmetterlings im Labor schlechter wuchsen und häufiger starben, wenn ihre Futterpflanzen mit Pollen von Bt-Mais bestreut waren. Die Nachricht ging um die Welt. Eine zweijährige Untersuchung mehrerer Forschungsgruppen ergab 2001 jedoch: Die meisten Maissorten bilden in ihrem Pollen nur wenig Bt-Eiweiß, und unter Feldbedingungen ist der Einfluss auf die Population vernachlässigbar. Diskutiert wird seither ein anderer, indirekter Weg: Der großflächige Glyphosateinsatz könnte die Seidenpflanzen, von denen die Raupen leben, von den Feldern verdrängt haben.
Ein weiteres Risiko ist die Auskreuzung, die bei Raps mit seinen wilden Verwandten wahrscheinlicher ist als bei Mais, der in Europa keine hat. Wie man sie bewertet, erklärt die Seite Gefahren der Gentechnik. Auch bei Tieren ist Genfluss ein Thema, etwa wenn veränderte Fische aus einer Zucht entkommen; mehr dazu auf der Seite Gentechnik bei Tieren: Pro und Contra.
Neue Fragen: Gene Drives und weiße Gentechnik
Gene Drives drehen die bisherige Logik um. Bei Pflanzen versucht man, die Ausbreitung von Transgenen zu verhindern; ein Gene Drive soll sich dagegen gezielt in einer wilden Population verbreiten, etwa um Malaria übertragende Mücken zu dezimieren. Damit rücken Fragen in den Mittelpunkt, die bei Ackerpflanzen kaum eine Rolle spielten: Was geschieht in Nahrungsnetzen, wenn eine Art stark zurückgeht? Lässt sich ein Gene Drive auf ein Gebiet begrenzen? Die Vertragsstaaten des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt haben sich 2018 auf eine vorsorgende Herangehensweise und Risikobewertungen von Fall zu Fall verständigt. Ein vollständiges Abwägungsbeispiel findest du auf der Seite Ethische Urteilsbildung.
Ganz anders liegt die weiße Gentechnik. Hier arbeiten gentechnisch veränderte Bakterien und Pilze in geschlossenen Fermentern und stellen zum Beispiel Enzyme für Waschmittel her. Die Verbraucherzentrale Hamburg weist darauf hin, dass für solche Produktionsorganismen die niedrigste Sicherheitsstufe gilt, die Biomasse nach der Produktion abgetötet wird und die gentechnische Herstellung Ressourcen spart. Weil die Organismen nicht in die Umwelt gelangen sollen, sind die Umweltrisiken hier vergleichsweise gering; der Nutzen liegt etwa in Waschmitteln, die schon bei niedrigen Temperaturen wirken, oder in Enzymen, die Kunststoffe abbauen könnten.
Wie Umweltrisiken bewertet werden
In der EU wird jeder gentechnisch veränderte Organismus vor einer Freisetzung oder Marktzulassung einzeln geprüft. Für Feldversuche in Deutschland ist das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zuständig.
- Schritt für SchrittEin Organismus geht erst ins Freiland, wenn Labor- und Gewächshausversuche keine Bedenken ergeben haben, und erst dann auf den Markt.
- Fall für FallBewertet wird jede Pflanze in ihrer Umgebung: Gibt es wilde Verwandte? Welche Nicht-Zielorganismen sind betroffen? Wie verändert sich die Anbaupraxis?
- Viele BehördenÜber Feldversuche entscheidet das BVL im Benehmen mit dem Bundesamt für Naturschutz, dem Robert Koch-Institut und dem Bundesinstitut für Risikobewertung, nach einer Empfehlung der Zentralen Kommission für die Biologische Sicherheit. Für Marktzulassungen bewertet die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die Umweltrisiken.
- Beobachten nach der ZulassungAuch nach einer Zulassung müssen mögliche Umweltwirkungen überwacht werden (Monitoring).
Kritiker bemängeln, dass Langzeit- und indirekte Wirkungen, etwa über die Anbaupraxis, in solchen Prüfungen zu kurz kommen. Befürworter halten die EU-Prüfung für eine der strengsten weltweit. Ab Juli 2028 gelten für genomeditierte Pflanzen der Kategorie NGT-1 vereinfachte Regeln ohne Umweltrisikoprüfung nach Gentechnikrecht; herbizidtolerante Pflanzen sind von dieser Kategorie ausgeschlossen. Wie sich solche Umweltargumente mit medizinischen und wirtschaftlichen Argumenten zu einem Gesamturteil verbinden lassen, zeigt die Hauptseite Gentechnik Pro und Contra.
Typische Fehler
- „Gentechnik spart immer Pestizide.“ Das gilt eher für Bt-Pflanzen; bei herbizidtoleranten Pflanzen verschiebt sich oft nur der Wirkstoff.
- „Bt-Mais tötet Schmetterlinge.“ Im Labor ja, unter Feldbedingungen zeigte eine zweijährige Studie für den Monarchfalter keinen nennenswerten Effekt.
- „Kein Schaden gefunden, also kein Risiko.“ Fehlende Belege sind ein Indiz, kein Beweis; langfristige Folgen sind schwer zu messen.
- Technik und Praxis verwechseln: Resistente Unkräuter entstehen durch einseitiges Spritzen, nicht durch das Gen in der Kulturpflanze.
Wusstest du?
Das Bt-Eiweiß ist keine Erfindung der Gentechnik. Präparate aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis werden seit Jahrzehnten gegen Raupen gespritzt und sind sogar im Ökolandbau erlaubt. Neu bei Bt-Pflanzen ist, dass die Pflanze das Eiweiß selbst und dauerhaft bildet.
Vertiefung Oberstufe: Warum Umweltwirkungen so schwer nachzuweisen sind
Die Frage „Schadet eine GV-Pflanze der Umwelt?“ klingt einfach, ist aber methodisch schwierig. Erstens kommt es auf den Vergleich an: Vergleicht man ein Bt-Maisfeld mit einem herkömmlichen Feld, das gegen den Maiszünsler gespritzt wurde, mit einem ungespritzten Feld oder mit einem Ökofeld? Je nach Vergleichsfläche fällt das Ergebnis unterschiedlich aus.
Zweitens wirken viele Faktoren zugleich. Die Zahl der Insekten auf einem Acker hängt von Wetter, Landschaft, Fruchtfolge und Pflanzenschutz ab. Ein Zusammenhang zwischen GV-Anbau und einem Rückgang einer Art ist noch kein Beweis für eine Ursache. Um Ursachen zu erkennen, braucht man Experimente mit Kontrollflächen, die über mehrere Jahre laufen, und große Datensätze aus Regionen mit und ohne GV-Anbau.
Drittens zeigen sich manche Folgen erst spät oder in großem Maßstab. Resistenzen entstehen über viele Generationen, und Effekte auf Populationen werden erst sichtbar, wenn eine Sorte auf großen Flächen steht. Deshalb kombiniert die Risikobewertung Vorabprüfungen mit Monitoring nach der Zulassung. Für dich heißt das: Achte bei jeder Studie darauf, womit verglichen wurde, wie lange und auf welcher Fläche untersucht wurde und ob Ursache und Zusammenhang sauber getrennt sind.
Fachbegriffe
- Bt-Pflanze
- Pflanze mit einem Gen aus Bacillus thuringiensis, die ein gegen bestimmte Insekten giftiges Eiweiß bildet.
- Nicht-Zielorganismus
- Lebewesen, das von einer Maßnahme nicht getroffen werden soll, z. B. ein Schmetterling neben einem Bt-Maisfeld.
- Refugium
- Fläche mit herkömmlichen Pflanzen, die Resistenzen bei Schädlingen verzögern soll.
- Genfluss / Auskreuzung
- Übertragung von Genen durch Pollen oder Samen auf andere Pflanzen derselben oder verwandter Arten.
- Umweltrisikoprüfung
- Bewertung möglicher Umweltwirkungen eines GVO vor Freisetzung oder Zulassung, Fall für Fall.
- Monitoring
- Beobachtung möglicher Auswirkungen nach der Zulassung.
Aufgaben
AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen
- AFB IBeschreibe mithilfe von Abb. 1 die drei Wege, auf denen gentechnisch veränderte Pflanzen auf die Umwelt wirken können, mit je einem Beispiel.
Lösung anzeigen
Direkte Wirkung: Das Bt-Eiweiß könnte Nicht-Zielinsekten treffen. Genfluss: Pollen überträgt ein Transgen auf verwandte Wildpflanzen, z. B. bei Raps. Anbaupraxis: Herbizidtolerante Pflanzen führen zu einseitigem Glyphosateinsatz und damit zu resistenten Unkräutern.
- AFB IIVergleiche Bt-Pflanzen und herbizidtolerante Pflanzen hinsichtlich ihrer Wirkung auf den Pestizideinsatz und das Resistenzrisiko.
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Bt-Pflanzen ersetzen Insektizidspritzungen und senken deren Einsatz meist deutlich; Resistenzrisiko bei Schädlingen, das sich durch Refugien verzögern lässt (16 Resistenzfälle bis 2016). Herbizidtolerante Pflanzen verändern vor allem, welches Herbizid gespritzt wird (oft Glyphosat statt anderer Mittel); die Gesamtmenge sinkt nicht unbedingt; einseitiger Einsatz fördert resistente Unkräuter. Gemeinsam: Die Folgen hängen stark von der Anbaupraxis ab.
- AFB IIErläutere am Beispiel des Monarchfalters, warum Laborergebnisse nicht direkt auf das Freiland übertragen werden können.
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Im Labor fraßen die Raupen Blätter mit viel Bt-Pollen. Im Feld ist der Bt-Gehalt im Pollen der meisten Sorten gering, die Pollenmenge auf Futterpflanzen oft niedrig, die Zeit der Pollenschüttung überschneidet sich nur teilweise mit der Raupenzeit, und nur ein Teil der Population lebt nahe an Maisfeldern. Deshalb ergab die Freilandbewertung einen vernachlässigbaren Effekt. Das Laborergebnis zeigte eine Gefahr, das Risiko unter realen Bedingungen war gering.
- AFB IIIAb 2028 werden genomeditierte NGT-1-Pflanzen in der EU ohne Umweltrisikoprüfung nach Gentechnikrecht zugelassen. Beurteile diese Regel aus Sicht des Umweltschutzes.
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Dafür: NGT-1-Pflanzen sollen sich nicht von herkömmlich gezüchteten unterscheiden, die ebenfalls ohne solche Prüfung angebaut werden; Umweltwirkungen hängen eher an Eigenschaft und Praxis als an der Technik; besonders kritische Eigenschaften wie Herbizidtoleranz sind ausgeschlossen. Dagegen: Indirekte Wirkungen über die Anbaupraxis und mögliche Effekte vieler gleichzeitig veränderter Eigenschaften würden nicht mehr systematisch untersucht; ohne Prüfung fehlen Daten für späteres Monitoring; Vorsorgeprinzip. Ein begründetes Urteil kann Bedingungen nennen, etwa ein Monitoring oder eine eigenschaftsbezogene Prüfung für bestimmte Merkmale.
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Quellen & Stand
- National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine (2016): Genetically Engineered Crops – Experiences and Prospects, Zusammenfassung bei ScienceDaily.
- Klümper, W.; Qaim, M.: A meta-analysis of the impacts of genetically modified crops. PLoS ONE 9 (2014).
- Tabashnik, B. E.; Carrière, Y.: Surge in insect resistance to transgenic crops and prospects for sustainability. Nature Biotechnology 35 (2017).
- Sears, M. K. u. a.: Impact of Bt corn pollen on monarch butterfly populations: a risk assessment. PNAS 98 (2001).
- Gentechnikgesetz, § 16 (Genehmigung von Freisetzungen); Verbraucherzentrale Hamburg: Gentechnisch hergestellte Enzyme in Waschmitteln.
Stand: Oktober 2026.