Oogenese und Spermatogenese: Meiose bei Frau und Mann
Vertiefung zum ThemaMeiose
Die Meiose, die zu einer Eizelle führt, hat bei der Frau oft schon begonnen, bevor sie selbst geboren wurde. Die Meiose, die zu einem Spermium führt, ist dagegen nur wenige Wochen alt. Oogenese und Spermatogenese folgen demselben Grundprinzip, unterscheiden sich aber in Zeitplan, Ergebnis und Folgen so stark, dass sie in Klausuren zu den beliebtesten Vergleichsthemen gehören.
Einfach erklärt
Diese Seite vertieft das Thema Meiose. Sie vergleicht Frau und Mann. Die Oogenese ist die Bildung von Eizellen im Eierstock. Die Spermatogenese ist die Bildung von Spermien im Hoden.
Bei der Frau beginnt die Meiose schon vor der Geburt. Dann macht sie eine lange Pause. Diese Pause kann bis zu rund 50 Jahre dauern. Kurz vor dem Eisprung geht es weiter. Fertig wird die Meiose erst bei der Befruchtung. Am Ende gibt es nur eine Eizelle. Dazu kommen kleine Polkörperchen. Das sind Mini-Zellen fast ohne Zellplasma. Sie gehen zugrunde. So behält die Eizelle fast alle Vorräte.
Beim Mann beginnt die Meiose erst in der Pubertät. Danach läuft sie ein Leben lang ohne Pause. Aus einer Ausgangszelle entstehen vier Spermien. Das dauert rund 65 Tage.
Merke: Die Frau bildet pro Meiose eine Eizelle, der Mann vier Spermien.
Kurz gesagt
Die Oogenese ist die Bildung von Eizellen im Eierstock. Sie beginnt vor der Geburt, pausiert jahrelang in der Prophase I und wird erst bei der Befruchtung abgeschlossen. Pro Meiose entsteht nur eine Eizelle, die übrigen Chromosomensätze landen in kleinen Polkörperchen. Die Spermatogenese läuft ab der Pubertät ununterbrochen in den Hoden ab und liefert pro Meiose vier Spermien.
Das lernst du hier
- die Stadien von Oogenese und Spermatogenese in der richtigen Reihenfolge beschreiben,
- erklären, was Polkörperchen sind und warum die Eizellbildung so ungleich verläuft,
- Oogenese und Spermatogenese nach Zeitplan, Ergebnis und Alterseffekten vergleichen,
- Zahlenangaben zur Keimzellbildung kritisch beurteilen.
Wann findet die Meiose statt? Ein Zeitplan über das ganze Leben
Beim Menschen läuft die Meiose nur in den Keimdrüsen ab. Wann genau, hängt vom Geschlecht ab, und zwar extrem. Die folgende Übersicht zeigt die wichtigsten Stationen:
| Lebensabschnitt | Frau (Eierstock) | Mann (Hoden) |
|---|---|---|
| vor der Geburt | Urkeimzellen vermehren sich durch Mitose; im Lauf der Fetalzeit entstehen bis zu etwa sieben Millionen Keimzellen. Sie treten in die Meiose ein und halten in der Prophase I an. | Keimzellen ruhen, keine Meiose |
| Geburt bis Pubertät | Die Oocyten verharren in der Prophase I. Viele gehen zugrunde, der Vorrat schrumpft stark. | keine Meiose |
| ab der Pubertät | Pro Zyklus beendet meist eine Oocyte kurz vor dem Eisprung die Meiose I und hält danach in der Metaphase II an. | Meiose läuft ununterbrochen, lebenslang |
| Befruchtung | Erst wenn ein Spermium eindringt, wird die Meiose II abgeschlossen. | – |
| Wechseljahre | Der Vorrat ist nahezu erschöpft; es reifen keine Eizellen mehr. | Spermienbildung geht weiter |
Die Zahlen schwanken stark von Frau zu Frau und je nach Messmethode. Lehrbücher nennen für die Geburt oft eine bis wenige Millionen unreife Eizellen. Ein mathematisches Modell, das Wallace und Kelsey 2010 aus vielen Messungen erstellt haben, kommt im Mittel auf rund 300.000 Follikel je Eierstock. Sinkt der Vorrat unter etwa 1000, beginnen die Wechseljahre, laut diesem Modell im Mittel um das 50. Lebensjahr. Von den vielen Oocyten reifen im Leben einer Frau nur etwa 400 bis zum Eisprung heran.
Meiose bei der Frau: die Oogenese Schritt für Schritt
Die Oogenese ist ein Prozess mit zwei langen Pausen. Ihre Stadien tragen eigene Namen:
- Oogonien vermehren sichIm Eierstock des weiblichen Fötus teilen sich die Oogonien durch Mitose. Nach heutigem Lehrbuchwissen ist der Vorrat an Eizellen damit vor der Geburt angelegt.
- Primäre Oocyte: Pause in der Prophase IDie Oogonien wachsen zu primären Oocyten heran, verdoppeln ihre DNA und beginnen die Meiose. In der Prophase I, nach Paarung der Homologen und Crossing-over, halten sie an. Jede Oocyte liegt nun in einer Hülle aus Begleitzellen, einem Follikel. In dieser Pause kann sie bis zu rund 50 Jahre verharren.
- Meiose I kurz vor dem EisprungAb der Pubertät wächst in jedem Zyklus meist ein Follikel heran. Ein Anstieg des Hormons LH löst die Fortsetzung der Meiose aus. Die Meiose I endet mit einer sehr ungleichen Teilung: Die sekundäre Oocyte behält fast das gesamte Zellplasma, das erste Polkörperchen nur einen Chromosomensatz.
- Eisprung in der Metaphase IIDie sekundäre Oocyte beginnt sofort die Meiose II, hält aber in der Metaphase II erneut an. In diesem Zustand verlässt sie beim Eisprung den Eierstock.
- Meiose II bei der BefruchtungDringt ein Spermium ein, wird die Meiose II abgeschlossen. Wieder entsteht eine winzige Zelle, das zweite Polkörperchen. Danach vereinigen sich die Chromosomensätze von Eizelle und Spermium, und es entsteht die diploide Zygote.
Wer die einzelnen Stadien in Klausuren mit Chromosomensätzen und DNA-Gehalt beschreiben muss, findet die passenden Angaben auf der Seite n und c: Chromosomensatz und DNA-Gehalt. Eine primäre Oocyte in der Pause ist 2n4c, eine sekundäre Oocyte 1n2c.
Was sind Polkörperchen?
Polkörperchen sind die kleinen Schwesterzellen der Eizelle, die bei den beiden Meiose-Teilungen entstehen. Sie erhalten jeweils einen vollständigen Chromosomensatz, aber kaum Zellplasma. Sie können sich nicht zu einem Embryo entwickeln und gehen nach kurzer Zeit zugrunde. Weil sich das erste Polkörperchen manchmal noch einmal teilt, findet man zwei oder drei Polkörperchen.
Warum dieser Aufwand? Eine Eizelle muss den frühen Embryo in den ersten Tagen allein versorgen: mit Nährstoffen, Mitochondrien und gespeicherten Bauanleitungen in Form von mRNA. Würde sich das Plasma bei jeder Teilung halbieren, bliebe für jede Eizelle nur ein Viertel. Die Natur löst das Problem, indem sie die überzähligen Chromosomensätze in Minizellen abschiebt. Möglich wird das, weil der Spindelapparat dicht unter die Zellmembran wandert und die Zytokinese ganz am Rand stattfindet. Wie eine solche asymmetrische Teilung funktioniert, erklärt die Seite Zytokinese.
Spermatogenese: Millionen Spermien jeden Tag
Ganz anders arbeiten die Hoden. In ihren Samenkanälchen sitzen Stammzellen, die Spermatogonien, die sich ab der Pubertät ein Leben lang durch Mitose teilen. Ein Teil der Tochterzellen bleibt Stammzelle, ein anderer wächst zur primären Spermatocyte heran und tritt in die Meiose ein. Nach der Meiose I gibt es zwei sekundäre Spermatocyten, nach der Meiose II vier Spermatiden. Diese Zellen trennen sich bei den Teilungen nicht vollständig, sondern bleiben über feine Plasmabrücken verbunden. So reifen ganze Gruppen gleichzeitig.
Die runden Spermatiden verwandeln sich in der Spermiogenese in bewegliche Spermien: Der Kern wird stark verdichtet, aus dem Golgi-Apparat entsteht eine Kappe mit Enzymen (Akrosom), eine Geißel wächst aus, Mitochondrien lagern sich im Mittelstück an, und überflüssiges Zellplasma wird abgestoßen. Versorgt werden die Zellen dabei von großen Stützzellen, den Sertoli-Zellen. Von der Stammzelle bis zum fertigen Spermium vergehen nach Lehrbuchangaben rund 65 Tage. Ein häufig zitiertes Lehrbuch der Entwicklungsbiologie gibt an, dass jeder Hoden täglich etwa 100 Millionen Spermien bildet.
Oogenese und Spermatogenese im Vergleich
| Merkmal | Oogenese | Spermatogenese |
|---|---|---|
| Ort | Eierstock | Samenkanälchen im Hoden |
| Beginn der Meiose | vor der Geburt | ab der Pubertät |
| Vorrat | begrenzt, vor der Geburt angelegt | Stammzellen teilen sich lebenslang |
| Pausen | Prophase I (Jahre bis Jahrzehnte), Metaphase II (bis zur Befruchtung) | keine langen Pausen |
| Ergebnis pro Meiose | 1 Eizelle und 2 bis 3 Polkörperchen | 4 Spermien |
| Teilung des Zellplasmas | sehr ungleich | gleichmäßig |
| Abschluss der Meiose | erst bei der Befruchtung | vor der Spermiogenese |
| reife Keimzellen im Leben | etwa 400 Eisprünge | unzählige Milliarden Spermien |
| Alterseffekt | Fehlverteilungen von Chromosomen nehmen zu | Punktmutationen nehmen zu |
Merke
Oogenese: Beginn vor der Geburt, Pause in Prophase I, Eisprung in Metaphase II, Abschluss erst bei der Befruchtung; 1 Eizelle + 2–3 Polkörperchen. Spermatogenese: ab der Pubertät, ohne Pausen, rund 65 Tage; 4 Spermien pro Meiose.
Typische Fehler
- „Beim Eisprung ist die Meiose abgeschlossen.“ Die Eizelle hält beim Eisprung in der Metaphase II an. Fertig wird die Meiose erst bei der Befruchtung.
- „Polkörperchen sind kleine Eizellen.“ Sie enthalten zwar einen Chromosomensatz, aber kaum Zellplasma, und gehen zugrunde.
- „Spermien entstehen durch Mitose.“ Durch Mitose vermehren sich nur die Spermatogonien. Die Spermien selbst entstehen durch Meiose und anschließende Reifung.
- „Bei der Frau beginnt die Meiose in der Pubertät.“ Sie beginnt schon vor der Geburt; ab der Pubertät wird sie für einzelne Oocyten fortgesetzt.
Vertiefung Oberstufe: Alter der Mutter, Alter des Vaters – zwei verschiedene Risiken
Die unterschiedlichen Zeitpläne haben Folgen für die Nachkommen. Bei der Frau wird jede Eizelle jahrzehntelang in der Prophase I festgehalten. Während dieser Zeit müssen Proteinkomplexe die gepaarten homologen Chromosomen zusammenhalten. Mit zunehmendem Alter lässt dieser Halt vermutlich nach, und die Chromosomen werden bei der Meiose I häufiger falsch verteilt. Das ist der wichtigste bekannte Grund, warum die Wahrscheinlichkeit für Trisomien wie die Trisomie 21 mit dem Alter der Mutter steigt.
Beim Mann ist es umgekehrt. Seine Spermatogonien teilen sich seit der Pubertät immer wieder. Bei jeder Teilung muss die DNA kopiert werden, und dabei können Kopierfehler entstehen. Eine isländische Studie (Kong u. a., Nature 2012), die das Erbgut von 78 Eltern-Kind-Trios untersuchte, fand: Mit jedem Lebensjahr des Vaters kommen im Schnitt etwa zwei neue Punktmutationen beim Kind hinzu; nach ihrem Modell verdoppelt sich die Zahl der väterlichen Neumutationen etwa alle 16,5 Jahre. Die meisten dieser Mutationen sind harmlos, einige können aber Erkrankungen begünstigen.
Wichtig für die Einordnung: Beides sind statistische Zusammenhänge. Für ein einzelnes Kind ist das Risiko in jedem Alter klein, und die meisten Kinder älterer Eltern sind gesund. Die Befunde erklären aber, warum Mütter- und Väteralter in der genetischen Beratung unterschiedlich bewertet werden.
Fachbegriffe
- Oogenese
- Bildung von Eizellen im Eierstock durch Mitosen, Wachstum und Meiose.
- Spermatogenese
- Bildung von Spermien im Hoden durch Mitosen, Meiose und Reifung.
- primäre Oocyte
- Diploide Eizellvorstufe, die bis zum Eisprung in der Prophase I pausiert.
- sekundäre Oocyte
- Haploide Eizelle nach der Meiose I; wird in der Metaphase II beim Eisprung freigesetzt.
- Polkörperchen
- Kleine Zelle mit einem Chromosomensatz und kaum Plasma, die bei der Eizellbildung abgeschnürt wird.
- Spermiogenese
- Umbau der runden Spermatiden zu beweglichen Spermien mit Kopf, Mittelstück und Geißel.
Aufgaben
AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen
- AFB INenne die Stadien der Oogenese von der Oogonie bis zur Zygote und gib jeweils an, ob die Zelle diploid oder haploid ist.
Lösung anzeigen
Oogonie (diploid) → primäre Oocyte (diploid, Pause in Prophase I) → sekundäre Oocyte und erstes Polkörperchen (haploid, Pause in Metaphase II) → nach Befruchtung: Eizelle und zweites Polkörperchen (haploid) → Zygote (diploid).
- AFB IIErkläre, warum bei der Oogenese aus einer Ausgangszelle nur eine Eizelle entsteht, bei der Spermatogenese aber vier Spermien.
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Bei der Oogenese sind beide Teilungen extrem ungleich: Fast das gesamte Zellplasma bleibt in einer Zelle, die überzähligen Chromosomensätze werden in Polkörperchen abgeschoben. So erhält die Eizelle genug Vorräte, Mitochondrien und mRNA für die ersten Tage des Embryos. Spermien brauchen dagegen kaum Plasma, sondern müssen klein und beweglich sein; hier teilt sich das Plasma gleichmäßig, und alle vier Zellen werden zu Spermien.
- AFB IIBerechne: Eine Frau hat ab dem 13. bis zum 50. Lebensjahr regelmäßig Zyklen mit je einem Eisprung, ein Zyklus dauert durchschnittlich etwa 28 Tage. Schätze die Zahl der Eisprünge ab und vergleiche mit der Lehrbuchangabe.
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37 Jahre · 365 Tage : 28 Tage ≈ 482 Zyklen. Abzüglich Schwangerschaften, Stillzeiten und Zyklen ohne Eisprung liegt man in der Größenordnung von rund 400, wie in Lehrbüchern angegeben. Verglichen mit dem Vorrat von mehreren Hunderttausend Oocyten reift also nur ein winziger Bruchteil heran.
- AFB IIVergleiche den Zeitpunkt, zu dem die Meiose II bei Mann und Frau abgeschlossen wird, und erläutere die Bedeutung für die Befruchtung.
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Beim Mann wird die Meiose II abgeschlossen, bevor die Spermatiden zu Spermien reifen; jedes Spermium ist haploid und hat seine Meiose längst beendet. Bei der Frau hält die sekundäre Oocyte in der Metaphase II an und beendet die Meiose II erst, wenn ein Spermium eindringt. Das Eindringen ist also das Startsignal: Erst danach entstehen der haploide Eizellkern und das zweite Polkörperchen, und die Chromosomensätze von Eizelle und Spermium können sich vereinigen.
- AFB IIIBeurteile die Aussage: „Für genetische Risiken beim Kind spielt nur das Alter der Mutter eine Rolle.“
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Die Aussage ist zu einseitig. Mit dem Alter der Mutter steigt vor allem das Risiko für Fehlverteilungen ganzer Chromosomen (z. B. Trisomie 21), weil die Eizellen jahrzehntelang in der Prophase I pausieren. Mit dem Alter des Vaters steigt dagegen die Zahl neuer Punktmutationen, weil sich die Spermatogonien ständig teilen und bei jeder Replikation Fehler entstehen können (laut Kong u. a. 2012 etwa zwei zusätzliche pro Lebensjahr). Beide Effekte sind statistisch; das Risiko für ein einzelnes Kind bleibt in jedem Alter meist klein. Richtig wäre: Beide Elternalter beeinflussen das Risiko, aber auf unterschiedliche Weise.
Weiterlernen
Quellen & Stand
- Gilbert, S. F.: Developmental Biology, 6. Auflage, Sinauer 2000, Kapitel Oogenesis und Spermatogenesis (NCBI Bookshelf).
- Wallace, W. H. B.; Kelsey, T. W.: Human Ovarian Reserve from Conception to the Menopause. PLOS ONE 5 (2010), e8772.
- Kong, A. u. a.: Rate of de novo mutations and the importance of father’s age to disease risk. Nature 488 (2012), S. 471–475.
- Cooper, G. M.: The Cell: A Molecular Approach, 2. Auflage, Sinauer 2000, Kapitel Meiosis and Fertilization (NCBI Bookshelf).
Stand: Oktober 2026.