mRNA-Impfstoffe: So funktionieren sie
Vertiefung zum ThemaImpfstoffe
Weniger als ein Jahr nachdem das neue Coronavirus bekannt geworden war, wurde in der EU der erste mRNA-Impfstoff zugelassen. Mit ihm kamen Fragen: Was passiert mit der mRNA im Körper? Und kann sie das Erbgut verändern? Wer weiß, wie die Proteinbiosynthese funktioniert, kann beides selbst beantworten.
Einfach erklärt
Diese Seite vertieft das Thema „Impfstoffe“. Ein mRNA-Impfstoff enthält keinen Erreger. Er enthält nur einen Bauplan für ein Eiweiß vom Erreger. Die mRNA – das ist eine Abschrift von einem Gen. Sie steckt in winzigen Fetttröpfchen. Diese bringen die mRNA in deine Zellen.
In der Zelle lesen die Ribosomen die mRNA ab. Das sind kleine Eiweiß-Fabriken in der Zelle. Sie bauen das Eiweiß vom Erreger. Deine Abwehr lernt dieses Eiweiß kennen. Danach baut die Zelle die mRNA wieder ab.
Viele Menschen fragen: Verändert die mRNA mein Erbgut? Die Antwort ist nein. Dein Erbgut liegt im Zellkern. Die mRNA bleibt außerhalb vom Zellkern. Sie ist RNA und keine DNA. Außerdem baut die Zelle sie schnell ab.
Das Wichtigste:
- Seit Dezember 2020 gibt es in der EU zugelassene mRNA-Impfstoffe.
- Die Forschung dazu läuft schon seit Jahrzehnten.
- Eine mRNA-Impfung ist keine Gentherapie.
Merke: Ein mRNA-Impfstoff liefert nur einen Bauplan und verändert dein Erbgut nicht.
Kurz gesagt
Ein mRNA-Impfstoff enthält keine Erreger, sondern den Bauplan für ein Erregerprotein als Boten-RNA (mRNA), verpackt in winzige Fetttröpfchen, die Lipid-Nanopartikel. Körperzellen nehmen sie auf, lesen die mRNA im Zellplasma an den Ribosomen ab und bilden das Protein für kurze Zeit selbst. Das Immunsystem lernt, dieses Protein zu erkennen. Die mRNA gelangt nicht in den Zellkern und wird rasch abgebaut; das Erbgut wird nicht verändert.
Das lernst du hier
- den Weg eines mRNA-Impfstoffs in der Zelle beschreiben,
- die Bausteine einer Impf-mRNA und ihre Aufgaben erklären,
- mit Wissen über Transkription und Translation begründen, warum das Erbgut unverändert bleibt,
- Geschichte, Anwendungen und bekannte Risiken sachlich einordnen.
So funktioniert ein mRNA-Impfstoff in der Zelle
In jeder deiner Zellen werden ständig mRNA-Moleküle gebildet und wieder abgebaut. Sie sind Abschriften einzelner Gene und tragen die Bauanleitung für ein Protein vom Zellkern zu den Ribosomen im Zellplasma (Zytoplasma). Ein mRNA-Impfstoff nutzt genau diesen Weg – nur dass die Abschrift von außen kommt. Die Schritte entsprechen den Nummern in Abb. 1:
- AufnahmeNach der Spritze in den Oberarmmuskel heften sich die Lipid-Nanopartikel an Zellen in der Umgebung und werden in kleinen Membranbläschen (Endosomen) aufgenommen.
- FreisetzungIm sauren Milieu des Endosoms verändern die Lipide ihre Ladung, die Membran wird durchlässig, und die mRNA gelangt ins Zellplasma.
- TranslationRibosomen lesen die mRNA ab und bauen nach ihr das Erregerprotein, bei den COVID-19-Impfstoffen das Spike-Protein des Coronavirus.
- ImmunantwortDas Protein erscheint an der Zelloberfläche oder wird in Bruchstücken präsentiert. B-Zellen bilden Antikörper, T-Zellen werden aktiviert, Gedächtniszellen entstehen.
- AbbauEnzyme, die überall in der Zelle RNA zerlegen (Ribonukleasen), bauen die mRNA ab. Danach wird kein Protein mehr gebildet.
Weil die Zellen das Protein selbst bilden und präsentieren, regt ein mRNA-Impfstoff sowohl die Bildung von Antikörpern als auch T-Zellen an. Welche anderen Impfstofftypen es gibt und wie sich rekombinante, Vektor- und klassische Impfstoffe unterscheiden, zeigt das Hauptkapitel Impfstoffe.
Was steckt in der Spritze?
Eine Impf-mRNA ist eine künstlich hergestellte Kopie einer natürlichen mRNA. Damit sie lange genug hält und gut abgelesen wird, hat sie dieselben Bauteile wie die mRNA deiner Zellen (Abb. 2). Eine wichtige Besonderheit: Statt des Bausteins Uridin enthält sie ein leicht verändertes Nukleosid (bei den COVID-19-Impfstoffen N1-Methylpseudouridin). So wird sie von den Abwehrsensoren der Zelle nicht als fremd erkannt.
Die mRNA allein würde im Körper sofort zerfallen und käme nicht durch die Zellmembran, weil sie groß und negativ geladen ist. Deshalb ist sie in Lipid-Nanopartikel verpackt. Diese bestehen bei den zugelassenen Impfstoffen aus vier Fettstoffen: einem ionisierbaren Lipid, das im sauren Endosom positiv geladen wird und so die Freisetzung ermöglicht, Cholesterin für die Stabilität, einem Phospholipid als Gerüst und einem Lipid mit einer Polyethylenglykol-Kette, das die Partikel klein und einzeln hält.
Merke
Ein mRNA-Impfstoff liefert den Bauplan, nicht das Protein. Lipid-Nanopartikel bringen die mRNA in die Zelle, Ribosomen im Zellplasma übersetzen sie, und das Immunsystem reagiert auf das gebildete Erregerprotein. Danach wird die mRNA abgebaut – sie wird weder in DNA umgeschrieben noch eingebaut.
Faktencheck: Verändert ein mRNA-Impfstoff das Erbgut?
Nein. Diese Antwort lässt sich mit Schulwissen begründen, und der damalige Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, nannte Warnungen vor Erbgutschäden durch mRNA-Impfstoffe falsch. Die Gründe:
- Falscher Ort: Die DNA liegt im Zellkern. Die Impf-mRNA wird im Zellplasma abgelesen und hat keinen Mechanismus, um in den Kern zu gelangen. Der Informationsfluss in der Zelle läuft von der DNA über die mRNA zum Protein, nicht zurück.
- Falsches Molekül: RNA ist einzelsträngig und chemisch anders gebaut als DNA (Ribose statt Desoxyribose, Uracil statt Thymin). Um ins Erbgut zu gelangen, müsste sie erst von einer reversen Transkriptase in DNA umgeschrieben und dann von einer Integrase eingebaut werden. Dieses Werkzeugpaar bringen Retroviren wie HIV mit, der Impfstoff enthält es nicht. Menschliche Zellen besitzen zwar einzelne Enzyme mit ähnlicher Fähigkeit, etwa die Telomerase, die mit ihrer eigenen RNA-Vorlage DNA an die Chromosomenenden anbaut. Sie sind aber auf eigene Vorlagen ausgerichtet und in den meisten Körperzellen wenig aktiv. Ein Einbau von Impf-mRNA in das Erbgut geimpfter Menschen ist nicht nachgewiesen.
- Kurze Lebensdauer: Ribonukleasen bauen jede mRNA ab, die körpereigene wie die geimpfte. Die Zelle wird nicht dauerhaft umprogrammiert.
Selbst in einer Zelle, die mit einem Retrovirus infiziert ist, ist ein Umschreiben der Impf-mRNA nach Einschätzung von Fachleuten äußerst unwahrscheinlich: Die reverse Transkriptase der Viren braucht eine kurze Startsequenz (Primer), die nur zum Viruserbgut passt. Wie DNA und RNA sich unterscheiden, kannst du auf der Seite DNA und RNA: die Unterschiede nachlesen.
Typische Fehler
- „Bei der Impfung wird ein Virus gespritzt.“ Falsch. Ein mRNA-Impfstoff enthält weder Viren noch Virusteile, nur den Bauplan für ein einzelnes Protein.
- „mRNA-Impfstoffe sind Gentherapie.“ Falsch. Bei einer Gentherapie wird ein Gen dauerhaft in Zellen gebracht oder verändert; die Impf-mRNA wird abgebaut und verändert kein Gen.
- „Die mRNA wird im Zellkern abgelesen.“ Nein. Ribosomen sitzen im Zellplasma; dort wird die mRNA übersetzt.
- „Die Technik ist über Nacht entstanden.“ Die Grundlagen wurden über Jahrzehnte erforscht; neu war 2020 die erste Zulassung.
Vom Labor zum Nobelpreis – und was als Nächstes kommt
| Jahr | Meilenstein |
|---|---|
| 1961 | Sydney Brenner, François Jacob und Matthew Meselson beschreiben die mRNA als Überträgerin der Information vom Gen zum Ribosom. |
| 1989/1990 | Forschende bringen mRNA mithilfe von Lipiden in Zellen; 1990 bilden Mäuse nach einer Spritze in den Muskel das gewünschte Protein. |
| 2005 | Katalin Karikó und Drew Weissman zeigen: Veränderte Nukleoside verhindern, dass die angeborene Abwehr auf die mRNA anspringt. |
| Dezember 2020 | Erste EU-Zulassung eines mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19 (BioNTech/Pfizer). |
| 2023 | Nobelpreis für Physiologie oder Medizin an Karikó und Weissman. |
| August 2024 | EU-Zulassung des ersten mRNA-Impfstoffs gegen eine andere Krankheit: RSV-Impfstoff für Menschen ab 60 Jahren. |
In klinischen Studien werden mRNA-Impfstoffe gegen weitere Infektionskrankheiten und gegen Krebs erprobt. Bei den Krebsimpfstoffen wird die mRNA teils für jeden Patienten einzeln entworfen: Sie enthält Baupläne für veränderte Proteine, die nur sein Tumor trägt. Ob solche Impfstoffe sich bewähren, müssen die laufenden Studien erst zeigen. Wie sich mRNA-Impfstoffe von klassischen Impfstoffen unterscheiden, vergleicht die Seite Lebendimpfstoff und Totimpfstoff.
Sicherheit: was bekannt ist
Wie bei anderen Impfungen sind vorübergehende Impfreaktionen häufig, etwa Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit oder Fieber. Als sehr seltene Nebenwirkung der COVID-19-mRNA-Impfstoffe wurden Entzündungen des Herzmuskels oder Herzbeutels (Myokarditis, Perikarditis) erkannt. Laut einem mit der EMA und dem Paul-Ehrlich-Institut abgestimmten Informationsschreiben von 2021 traten sie meist innerhalb von 14 Tagen auf, häufiger nach der zweiten Dosis und bei jüngeren Männern, und verliefen ähnlich wie solche Entzündungen allgemein. Wer welche Impfung erhalten sollte, empfiehlt in Deutschland die Ständige Impfkommission (STIKO).
Vertiefung Oberstufe: Warum die Zelle fremde RNA erkennt – und wie man das umgeht
Viele Viren haben RNA als Erbgut. Deshalb besitzen unsere Zellen Sensoren der angeborenen Immunabwehr, die fremde RNA erkennen: Toll-ähnliche Rezeptoren in den Endosomen (TLR3, TLR7, TLR8) und Sensoren im Zellplasma wie RIG-I. Schlagen sie an, schüttet die Zelle Botenstoffe aus, die eine Entzündung auslösen, und fährt ihre Proteinproduktion herunter. Für einen Impfstoff ist beides schlecht: Er würde mehr Nebenwirkungen verursachen und weniger Protein liefern.
Karikó und Weissman beobachteten, dass bestimmte RNA aus dem eigenen Körper, etwa die Transfer-RNA, kaum Entzündungen auslöst. Sie enthält von Natur aus viele veränderte Nukleoside, zum Beispiel Pseudouridin. Ersetzten die beiden im Labor Uridin durch Pseudouridin, erkannten die Sensoren die mRNA nicht mehr als Gefahr. Spätere Arbeiten zeigten, dass solche mRNA zudem deutlich mehr Protein liefert. Die zugelassenen COVID-19-Impfstoffe nutzen eine Weiterentwicklung, das N1-Methylpseudouridin.
Ein zweiter Engpass ist die Freisetzung aus dem Endosom. Nur ein kleiner Teil der aufgenommenen mRNA gelangt tatsächlich ins Zellplasma. Nach einer gängigen Vorstellung, der Protonenschwamm-Hypothese, nehmen die ionisierbaren Lipide im sauren Endosom Protonen auf, werden positiv geladen und destabilisieren die Membran. Forschende arbeiten an Lipiden, die diesen Schritt effizienter machen, damit weniger mRNA für dieselbe Wirkung nötig ist.
Fachbegriffe
- mRNA (Boten-RNA)
- Abschrift eines Gens, die im Zellplasma an Ribosomen in ein Protein übersetzt wird.
- Lipid-Nanopartikel
- Winzige Fetttröpfchen, die mRNA schützen und in Zellen bringen.
- Endosom
- Membranbläschen, in dem von außen aufgenommene Stoffe in die Zelle gelangen.
- modifiziertes Nukleosid
- Leicht veränderter RNA-Baustein, z. B. Pseudouridin, der Abwehrsensoren der Zelle nicht aktiviert.
- reverse Transkriptase
- Enzym, das RNA in DNA umschreibt; Retroviren wie HIV bringen es mit. Ähnliche Enzyme menschlicher Zellen, etwa die Telomerase, arbeiten nur mit eigenen Vorlagen.
- Ribonuklease
- Enzym, das RNA abbaut.
Aufgaben
AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen
- AFB IBeschreibe mithilfe von Abb. 1 den Weg eines mRNA-Impfstoffs von der Spritze bis zur Immunantwort.
Lösung anzeigen
Die Lipid-Nanopartikel werden nach der Spritze in den Muskel von Zellen in Endosomen aufgenommen. Die mRNA wird ins Zellplasma freigesetzt und an Ribosomen in das Virusprotein übersetzt. Das Protein erscheint an der Zelloberfläche oder wird in Bruchstücken präsentiert; B-Zellen bilden Antikörper, T-Zellen werden aktiviert, Gedächtniszellen entstehen. Die mRNA wird anschließend von Ribonukleasen abgebaut.
- AFB IIErkläre mithilfe deines Wissens über die Proteinbiosynthese, warum die Impf-mRNA nicht ins Erbgut eingebaut wird.
Lösung anzeigen
Die DNA liegt im Zellkern; die mRNA wird im Zellplasma an Ribosomen übersetzt und gelangt nicht in den Kern. RNA ist chemisch anders gebaut als DNA. Für einen Einbau müsste sie durch eine reverse Transkriptase in DNA umgeschrieben und von einer Integrase eingebaut werden – dieses Werkzeugpaar bringen Retroviren mit, der Impfstoff enthält es nicht. Zudem wird die mRNA durch Ribonukleasen rasch abgebaut.
- AFB IIErläutere die Aufgaben von Cap, Poly(A)-Schwanz und modifizierten Nukleosiden in einer Impf-mRNA (Abb. 2).
Lösung anzeigen
Die Kappe am 5′-Ende dient als Startsignal für die Ribosomen und schützt die mRNA vor Abbau. Der Poly(A)-Schwanz am 3′-Ende verzögert den Abbau, sodass die mRNA öfter übersetzt werden kann. Modifizierte Nukleoside wie N1-Methylpseudouridin verhindern, dass Abwehrsensoren der Zelle die mRNA als fremd erkennen; dadurch gibt es weniger Entzündung und mehr gebildetes Protein.
- AFB IIVergleiche einen mRNA-Impfstoff mit einer Gentherapie hinsichtlich Zielort in der Zelle, Dauer und Ziel.
Lösung anzeigen
mRNA-Impfstoff: Die mRNA bleibt im Zellplasma, wird nach kurzer Zeit abgebaut, Ziel ist eine vorübergehende Proteinbildung, um das Immunsystem zu trainieren. Gentherapie: Ein Gen gelangt in den Zellkern oder wird dort verändert, die Wirkung soll lange oder dauerhaft anhalten, Ziel ist der Ausgleich eines Gendefekts. Deshalb ist ein mRNA-Impfstoff keine Gentherapie.
- AFB IIIBeurteile die Aussage aus einem Social-Media-Post: „mRNA-Impfstoffe sind neu und deshalb ein unkalkulierbares Risiko.“
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Teilweise richtig: Die erste Zulassung erfolgte 2020; Langzeiterfahrung reicht daher weniger weit zurück als bei älteren Impfstoffen. Falsch ist „unkalkulierbar“: Die Grundlagen werden seit Jahrzehnten erforscht (mRNA seit 1961, Lipid-Transport seit 1989/90, modifizierte Nukleoside seit 2005). Der Wirkmechanismus ist bekannt, die mRNA wird abgebaut und verändert kein Erbgut. Seltene Nebenwirkungen wie Myokarditis wurden durch die Arzneimittelüberwachung erkannt und beschrieben. Ein begründetes Urteil: Die Risiken sind nicht null, aber untersucht und bewertet; Entscheidungen sollten sich auf Empfehlungen der STIKO und Daten des Paul-Ehrlich-Instituts stützen.
Weiterlernen
Quellen & Stand
- Pharmazeutische Zeitung: Warum mRNA-Impfstoffe nicht das Erbgut verändern (2020).
- Nobelprize.org: The Nobel Prize in Physiology or Medicine 2023 und Pressemitteilung 2009 zur Telomerase.
- BioNTech/Moderna in Abstimmung mit EMA und PEI: Rote-Hand-Brief zu Myokarditis und Perikarditis (19.7.2021).
- Wikipedia: mRNA-Impfstoff (Geschichte, Lipid-Nanopartikel, Zulassung des RSV-Impfstoffs 2024).
- Robert Koch-Institut: Impfungen A–Z (Empfehlungen der STIKO).
Diese Seite informiert und ersetzt keine ärztliche Impfberatung. Stand: Oktober 2026.