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iPS-Zellen: Stammzellen aus Hautzellen

Vertiefung zum ThemaStammzellen

Eine kleine Hautprobe, ein paar Wochen im Labor – und aus gewöhnlichen Hautzellen sind Stammzellen geworden, aus denen sich Nerven-, Herz- oder Netzhautzellen züchten lassen. Vor zwanzig Jahren hielten das viele für unmöglich. Heute sind iPS-Zellen ein Standardwerkzeug der Forschung, und 2026 wurden in Japan die ersten Therapien daraus zugelassen.

Einfach erklärt

Diese Seite vertieft das Thema Stammzellen. Sie erklärt iPS-Zellen. Das sind umprogrammierte Körperzellen. Sie verhalten sich wie Stammzellen aus einem Embryo.

Forschende nehmen zum Beispiel Zellen aus einer kleinen Hautprobe. Dann bringen sie vier Gene in die Zellen. Diese Gene schalten das Stammzell-Programm wieder an. Nach einigen Wochen entstehen neue Stammzellen. Daraus lassen sich Nerven- oder Herzmuskelzellen züchten. Der Trick funktioniert. Jede Körperzelle hat nämlich noch alle Gene.

Shinya Yamanaka entdeckt das Verfahren 2006 bei Mäusen. 2007 gelingt es auch beim Menschen. 2012 bekommt er dafür den Nobelpreis. Ein großer Vorteil: Für iPS-Zellen braucht man keinen Embryo. Es gibt aber auch Risiken. Übrig gebliebene iPS-Zellen können Tumoren bilden – das sind Wucherungen. Seit 2026 gibt es in Japan die ersten zwei Zulassungen. Sie gelten aber nur unter Bedingungen und auf Zeit.

Merke: iPS-Zellen sind umprogrammierte Körperzellen, und für sie braucht man keinen Embryo.

Kurz gesagt

iPS-Zellen (induzierte pluripotente Stammzellen) sind Körperzellen, etwa aus Haut oder Blut, die im Labor in einen pluripotenten, embryoähnlichen Zustand zurückversetzt wurden. Dazu bringt man die Gene für wenige Steuerproteine in die Zellen ein, die Yamanaka-Faktoren. Entwickelt hat das Verfahren Shinya Yamanaka: 2006 bei Mäusen, 2007 beim Menschen; 2012 erhielt er dafür den Nobelpreis. iPS-Zellen können alle Zelltypen des Körpers bilden, ohne dass dafür ein Embryo zerstört werden muss.

Das lernst du hier

  • den Ablauf der Herstellung von iPS-Zellen beschreiben,
  • erklären, warum eine spezialisierte Zelle umprogrammiert werden kann,
  • Anwendungen und Risiken von iPS-Zellen erläutern,
  • iPS-Zellen und embryonale Stammzellen ethisch vergleichen und bewerten.

Wie entstehen iPS-Zellen? Der Ablauf

Die Herstellung von iPS-Zellen folgt heute einem gut eingespielten Ablauf. Ausgangspunkt ist eine Zellprobe, die sich ohne großen Eingriff gewinnen lässt.

  1. Zellen gewinnenAus einer kleinen Hautprobe werden Bindegewebszellen (Fibroblasten) vermehrt. Inzwischen eignen sich auch Blutzellen oder Zellen aus Haarwurzeln oder Urin.
  2. Faktoren einbringenDie Gene für vier Transkriptionsfaktoren werden in die Zellen geschleust: Oct3/4, Sox2, Klf4 und c-Myc. Transkriptionsfaktoren sind Proteine, die bestimmte Gene an- oder abschalten.
  3. AbwartenÜber Wochen wird das Genaktivitätsmuster der Zellen umgebaut. Beim Menschen dauert es etwa drei bis vier Wochen, bis Kolonien entstehen, die embryonalen Stammzellen gleichen. Nur ein kleiner Teil der Zellen schafft das; im ersten Mausversuch waren es etwa 0,01 bis 0,1 Prozent.
  4. Auswählen und prüfenGeeignete Kolonien werden einzeln vermehrt und getestet: Sind Pluripotenz-Gene aktiv? Können die Zellen Abkömmlinge aller drei Keimblätter bilden? Ist das Erbgut unverändert geblieben?
  5. DifferenzierenMit gezielten Signalstoffen im Kulturmedium lenkt man die iPS-Zellen zu dem gewünschten Zelltyp, etwa zu Nervenvorläuferzellen oder Herzmuskelzellen.
Vom Hautstück zur iPS-Zelle und zu spezialisierten Zellen Obere Reihe mit vier Schritten: 1. Hautprobe mit spindelförmigen Fibroblasten. 2. Die vier Gene Oct3/4, Sox2, Klf4 und c-Myc werden eingebracht. 3. Nach einigen Wochen entsteht eine Kolonie runder iPS-Zellen. 4. Prüfung auf Pluripotenz, intaktes Erbgut und fehlende Fremd-DNA. Darunter ein Band „Differenzieren“, von dem Pfeile zu Nervenzellen, Herzmuskelzellen und Netzhautzellen führen. Unten drei Anwendungen: Krankheitsmodell, Wirkstofftest, Transplantation. 1 Hautprobe2 Gene einbringen3 einige Wochen4 prüfen Fibroblasten Oct3/4Sox2Klf4c-Myc Yamanaka-Faktoren iPS-Kolonie • pluripotent?• Erbgut intakt?• keine Fremd-DNA? 5 Differenzieren: Signalstoffe lenken zum gewünschten Zelltyp NervenzellenHerzmuskelzellenNetzhautzellen KrankheitsmodellWirkstofftestTransplantation Ursachen an Zellen vonBetroffenen erforschenMedikamente an menschlichenZellen prüfenkranke Zellen ersetzen;2026 erste Zulassungen (Japan)
Abb. 1: Von der Hautprobe zu spezialisierten Zellen (schematisch). Die Reprogrammierung macht aus spezialisierten Zellen pluripotente iPS-Zellen; die Differenzierung lenkt sie wieder in eine bestimmte Richtung. Werden nicht alle iPS-Zellen differenziert, können übrig gebliebene Zellen Tumoren bilden.

Die Entdeckung: vier Faktoren statt einer Eizelle

Dass eine spezialisierte Zelle noch alle Gene besitzt, hatte John Gurdon schon 1962 gezeigt: Ein Zellkern aus einer Darmzelle des Frosches konnte, in eine entkernte Eizelle verpflanzt, ein ganzes Tier hervorbringen. Doch dafür brauchte man eine Eizelle. Wie ein solcher Kerntransfer funktioniert, erklärt die Seite zum Zellkerntransfer.

Shinya Yamanaka und Kazutoshi Takahashi in Kyoto suchten nach den Faktoren in der Eizelle, die diese Umprogrammierung bewirken. Sie wählten 24 Gene aus, die in embryonalen Stammzellen besonders aktiv sind, und brachten sie gemeinsam in Bindegewebszellen von Mäusen ein. Es entstanden Kolonien, die embryonalen Stammzellen glichen. Dann ließen sie die Gene einzeln weg und prüften, welche unverzichtbar sind. Übrig blieben vier – veröffentlicht im August 2006. Im November 2007 gelang dasselbe mit menschlichen Zellen. Fast zeitgleich zeigte die Gruppe von James Thomson in den USA, dass es auch mit einer etwas anderen Kombination klappt (Oct4, Sox2, Nanog, Lin28). 2012 erhielten Gurdon und Yamanaka gemeinsam den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Merke

iPS-Zellen entstehen, indem man in Körperzellen die Gene für wenige Transkriptionsfaktoren einbringt (Oct3/4, Sox2, Klf4, c-Myc). Sie schalten das Genprogramm der Pluripotenz wieder an. Möglich ist das, weil spezialisierte Zellen noch die vollständige Erbinformation besitzen.

Wofür man iPS-Zellen nutzt

Der größte Nutzen liegt bisher in der Forschung. Aus Hautzellen von Menschen mit einer erblichen Erkrankung lassen sich zum Beispiel Nervenzellen züchten, die die Krankheitsursache in sich tragen. Forschende können so beobachten, was in diesen Zellen schiefläuft – ein Krankheitsmodell in der Kulturschale. An denselben Zellen lassen sich Tausende Wirkstoffe testen. Herzmuskelzellen aus iPS-Zellen werden genutzt, um zu prüfen, ob ein neues Medikament den Herzrhythmus stört.

Auch als Therapie rücken iPS-Zellen näher. 2014 wurden in Japan erstmals Netzhautzellen aus iPS-Zellen bei einer Patientin transplantiert. Am 6. März 2026 erteilte das japanische Gesundheitsministerium dann die weltweit ersten Zulassungen für Produkte aus iPS-Zellen – allerdings nur bedingt und befristet:

ProduktZellenErkrankungPatienten in der Studie
ReHeart (Cuorips)Zellschichten aus Herzmuskelzellenschwere Herzschwäche nach Durchblutungsstörung8
Amchepry (Sumitomo Pharma)Vorläufer Dopamin bildender NervenzellenParkinson-Krankheit7

Weil die Studien so klein waren, muss die Wirksamkeit innerhalb von sieben Jahren in der Behandlung bestätigt werden; erst dann ist eine reguläre Zulassung möglich (Stand: Oktober 2026). Beide Produkte nutzen Zellen von Spenderinnen und Spendern, nicht die eigenen Zellen der Behandelten – das spart Zeit und Kosten, kann aber Abwehrreaktionen des Immunsystems auslösen.

Risiken und Ethik

Das größte Risiko sind Tumoren. Pluripotente Zellen teilen sich unbegrenzt; bleiben nach der Differenzierung einzelne iPS-Zellen übrig, können sie Geschwülste bilden. Einer der vier Faktoren, c-Myc, ist zudem ein Onkogen, also ein Gen, das an der Entstehung von Krebs beteiligt sein kann. Frühe Verfahren nutzten Viren, die die Faktor-Gene dauerhaft ins Erbgut einbauten; heute gibt es Methoden, die keine fremde DNA zurücklassen. Außerdem können sich während der langen Kultur Mutationen anhäufen, und die Umprogrammierung ist nicht immer vollständig. Jede Zelllinie muss deshalb aufwendig geprüft werden.

Ethisch haben iPS-Zellen einen entscheidenden Vorteil: Für sie wird kein Embryo verbraucht. In Deutschland gelten für sie weder das Verbot der Gewinnung noch die Einschränkungen des Stammzellgesetzes, weil sie pluripotent und nicht totipotent sind. Warum genau diese Grenze rechtlich zählt, erklärt die Seite Totipotent, pluripotent, multipotent. Neue Fragen bleiben trotzdem: Aus pluripotenten Zellen lassen sich im Labor embryoähnliche Strukturen und Vorstufen von Keimzellen erzeugen. Und die Zellen tragen das vollständige Erbgut ihrer Spender – ein Fall für Einwilligung und Datenschutz. Den Gesamtüberblick über Stammzellarten und die Rechtslage gibt die Hauptseite zu den Stammzellen.

Typische Fehler

  • „iPS-Zellen sind embryonale Stammzellen.“ Sie verhalten sich ähnlich, stammen aber aus Körperzellen. Kein Embryo ist beteiligt.
  • „iPS-Zellen sind totipotent.“ Sie sind pluripotent und können allein keinen Organismus bilden.
  • „Bei der Reprogrammierung werden Gene ausgetauscht.“ Die vorhandenen Gene bleiben; verändert wird, welche aktiv sind.
  • „iPS-Therapien sind schon Routine.“ Bisher gibt es nur bedingte, befristete Zulassungen für zwei Produkte in Japan (Stand: Oktober 2026).
Vertiefung Oberstufe: Warum vier Faktoren eine Zelle umschalten können

Welche Gene in einer Zelle aktiv sind, wird von Netzwerken aus Transkriptionsfaktoren gesteuert, die sich gegenseitig regulieren. In pluripotenten Zellen bilden vor allem Oct4, Sox2 und Nanog einen Kern: Sie binden gemeinsam an die Steuerregionen vieler Gene, auch an ihre eigenen. Dadurch halten sie sich gegenseitig aktiv – eine sich selbst verstärkende Schleife, die den pluripotenten Zustand stabil macht. Gleichzeitig unterdrücken sie Gene, die eine Spezialisierung einleiten würden.

In einer Hautzelle ist dieses Netzwerk abgeschaltet und durch epigenetische Markierungen verriegelt: Die DNA der Pluripotenz-Gene ist methyliert, das Chromatin dicht gepackt. Bringt man Oct4 und Sox2 in großer Menge in die Zelle, können sie einen Teil ihrer Zielgene trotzdem erreichen. Klf4 und c-Myc erleichtern das, indem sie das Chromatin zugänglicher machen und die Zellteilung antreiben. Springt die Selbstverstärkung an, aktivieren sich die körpereigenen Pluripotenz-Gene, und die eingebrachten Faktoren werden überflüssig. Über Wochen werden die epigenetischen Markierungen umgebaut.

Dieser Prozess ist ineffizient und in Teilen zufällig: Nur wenige Zellen durchlaufen ihn vollständig, andere bleiben auf halbem Weg stehen. Das erklärt, warum jede Zelllinie geprüft werden muss – und warum Forschende weiter nach sichereren und effizienteren Verfahren suchen, etwa mit kleinen chemischen Molekülen statt Genen.

Fachbegriffe

iPS-Zellen
Induzierte pluripotente Stammzellen: durch Reprogrammierung aus Körperzellen gewonnene pluripotente Zellen.
Reprogrammierung
Zurückversetzen einer spezialisierten Zelle in einen pluripotenten Zustand.
Yamanaka-Faktoren
Die Transkriptionsfaktoren Oct3/4, Sox2, Klf4 und c-Myc, mit denen die Reprogrammierung erstmals gelang.
Transkriptionsfaktor
Protein, das an DNA bindet und Gene an- oder abschaltet.
Differenzierung
Spezialisierung einer Zelle zu einem bestimmten Zelltyp.
Onkogen
Gen, das bei Überaktivität zur Entstehung von Krebs beitragen kann, z. B. c-Myc.

Aufgaben

AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen

  1. AFB IBeschreibe in fünf Schritten, wie aus einer Hautprobe Herzmuskelzellen aus iPS-Zellen entstehen.
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    1. Fibroblasten aus der Hautprobe vermehren. 2. Gene für die Faktoren Oct3/4, Sox2, Klf4, c-Myc einbringen. 3. Einige Wochen kultivieren, bis Kolonien entstehen, die embryonalen Stammzellen gleichen. 4. Kolonien auswählen, vermehren und prüfen (Pluripotenz, Erbgut). 5. Mit Signalstoffen zu Herzmuskelzellen differenzieren.

  2. AFB IIWerte aus: Yamanaka brachte zunächst 24 Gene gemeinsam ein und erhielt Kolonien. Dann ließ er jeweils ein Gen weg. Fehlte zum Beispiel Oct3/4, entstanden keine Kolonien; fehlte eines von 20 anderen Genen, entstanden weiterhin Kolonien. Erläutere, was man aus diesem Vorgehen schließen kann.
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    Ein Gen, ohne das keine Kolonien entstehen, ist für die Reprogrammierung notwendig (hier Oct3/4). Gene, deren Fehlen nichts ändert, sind nicht notwendig. Durch systematisches Weglassen lässt sich so der kleinste ausreichende Satz an Faktoren finden – am Ende vier. Das Vorgehen zeigt Notwendigkeit; ob die vier auch ausreichen, belegt der Versuch, in dem nur diese vier eingebracht werden und trotzdem Kolonien entstehen.

  3. AFB IIErkläre, warum iPS-Zellen aus der Haut eines Menschen mit einer erblichen Nervenkrankheit für die Forschung besonders wertvoll sind.
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    Die iPS-Zellen tragen dieselben Erbanlagen wie die betroffene Person, also auch die krankheitsverursachende Veränderung. Aus ihnen lassen sich Nervenzellen züchten, die man beim Menschen nicht einfach entnehmen könnte. An diesen Zellen kann man untersuchen, wie die Krankheit auf Zellebene entsteht, und Wirkstoffe testen – ohne Tierversuch an einem anderen Organismus und ohne Eingriff am Gehirn der Person.

  4. AFB IIErläutere, warum vor einer Transplantation von Zellen aus iPS-Zellen sichergestellt werden muss, dass keine undifferenzierten iPS-Zellen mehr enthalten sind.
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    Undifferenzierte iPS-Zellen sind pluripotent und teilen sich unbegrenzt. Im Körper würden sie nicht zu funktionierenden Herz- oder Nervenzellen, sondern könnten unkontrolliert wachsen und Tumoren mit verschiedenen Gewebearten bilden. Verstärkt wird das Risiko, wenn das Onkogen c-Myc verwendet wurde oder sich in der Kultur Mutationen angesammelt haben.

  5. AFB IIIBeurteile die Entscheidung, iPS-Therapien nach Studien mit sieben bzw. acht Personen bedingt zuzulassen.
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    Dafür spricht: Schwer kranke Menschen mit ausgeschöpften Behandlungsmöglichkeiten erhalten früher Zugang; die Zulassung ist an Bedingungen geknüpft, und die Wirksamkeit muss innerhalb von sieben Jahren bestätigt werden. Dagegen spricht: Bei so wenigen Behandelten lassen sich seltene Nebenwirkungen (z. B. Tumoren) und die tatsächliche Wirksamkeit kaum sicher beurteilen; Placebo-Effekte sind gerade bei Parkinson bekannt; Patientinnen und Patienten könnten Hoffnungen auf eine noch unbewiesene Therapie setzen. Eine begründete Position wägt Nutzen für Schwerkranke gegen das Risiko ab und benennt Bedingungen, etwa sorgfältige Nachbeobachtung und Aufklärung. Bewertet wird die Qualität der Abwägung.

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Quellen & Stand

Stand: Oktober 2026.

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