Genzukunft

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Transgene Tiere: Wie Gentechnik bei Tieren funktioniert

Vertiefung zum ThemaGentechnik

Eine Maus, die ein menschliches Krankheitsgen trägt. Ein Kaninchen, dessen Milch ein Arzneimittel enthält. Ein Schwein, dessen Herz ein Mensch bekommen könnte: Transgene Tiere klingen nach Zukunft, gehören in der Forschung aber seit über vierzig Jahren zum Alltag.

Kurz gesagt

Transgene Tiere tragen ein zusätzliches oder verändertes Gen fest in ihrem Erbgut – in allen Zellen und damit vererbbar. Dafür muss der Eingriff ganz am Anfang der Entwicklung erfolgen. Drei Wege sind üblich: die Mikroinjektion von DNA in eine frisch befruchtete Eizelle, der Umweg über veränderte embryonale Stammzellen und, seit wenigen Jahren am häufigsten, die Genschere CRISPR/Cas9 direkt im Embryo. Mit Abstand am meisten genutzt werden transgene Mäuse in der Forschung.

Das lernst du hier

  • den Begriff „transgen“ definieren und von Genome Editing abgrenzen,
  • drei Verfahren zur Herstellung transgener Tiere vergleichen,
  • belegte Anwendungen in Forschung, Medizin und Landwirtschaft nennen,
  • Nutzen, Tierwohl und Risiken beurteilen.

Was ist ein transgenes Tier?

Ein Tier heißt transgen, wenn fremde oder künstlich veränderte DNA dauerhaft in sein Erbgut eingebaut ist. Entscheidend ist der Zeitpunkt: Wird eine Körperzelle eines erwachsenen Tieres verändert, bleibt das auf diese Zellen beschränkt. Soll jede Zelle die Veränderung tragen und sollen die Nachkommen sie erben, muss der Eingriff vor oder kurz nach der Befruchtung geschehen – also in der Keimbahn.

Streng genommen ist nicht jedes gentechnisch veränderte Tier transgen. Schaltet die Genschere nur ein vorhandenes Gen aus, ohne fremde DNA einzubauen, spricht man eher von einem Knockout oder von Genome Editing. Rechtlich gelten beide in der EU bislang als gentechnisch veränderte Organismen. Wie diese Werkzeuge im Einzelnen arbeiten, steht auf der Seite Gentechnik im Überblick.

Wie kommt das Gen ins Tier?

Drei Wege zu einem transgenen Tier Drei Spalten. Links die Mikroinjektion: In den Vorkern einer frisch befruchteten Eizelle wird DNA gespritzt; sie baut sich an einer zufälligen Stelle ein, und nur ein Teil der Embryonen trägt das neue Gen. Mitte die Methode mit embryonalen Stammzellen: Zellen werden in der Kulturschale gezielt verändert und geprüft, die passenden Zellen kommen in einen frühen Embryo, es entsteht ein Mischtier, aus dessen Nachkommen reinerbige Tiere gezüchtet werden. Rechts die Genschere im Embryo: Cas9 und Guide-RNA werden in die befruchtete Eizelle gebracht und verändern eine bestimmte Stelle; schneidet die Schere zu spät, entsteht ein Mosaik. MikroinjektionES-ZellenGenschere im Embryo Gen an zufälliger StelleVeränderung gezielt, vorher geprüftVeränderung gezielt, ohne Zellkultur DNA in den Vorkern spritzen Einbau an zufälliger Stelle Nur wenige Embryonen tragen das Gen. Zellen verändern, beste auswählen Zellen in einen frühen Embryo Mischtier; erst die Nachkommen tragen die Änderung überall. Cas9 und Guide-RNA einbringen Änderung an der Zielstelle Zu spät geschnitten? Dann entsteht ein Mosaik.
Abb. 1: Drei Wege zu einem veränderten Tier. Bernstein und blau: die beiden Vorkerne einer frisch befruchteten Eizelle, grau: Zellkern, grün: eingebautes Gen, rot: veränderte Stelle. Die Balken stellen ein Chromosom dar. Schematisch.

Mikroinjektion. Mit einer haarfeinen Glaskanüle werden viele Kopien eines DNA-Stücks in einen Vorkern einer frisch befruchteten Eizelle gespritzt. Ein Teil davon baut sich an einer zufälligen Stelle ins Erbgut ein. Das Verfahren ist seit 1982 bekannt: Damals entstanden Mäuse, die ein zusätzliches Wachstumshormon-Gen der Ratte trugen und deutlich größer wurden als ihre Geschwister. Nachteil: Wo das Gen landet, lässt sich nicht steuern, und nur wenige Embryonen übernehmen es überhaupt.

Der Umweg über Stammzellen. Bei Mäusen lassen sich embryonale Stammzellen in der Kulturschale verändern und vor dem Einsatz genau prüfen. Die passenden Zellen werden in einen frühen Embryo gesetzt. Es entsteht zunächst ein Mischtier aus veränderten und unveränderten Zellen; erst dessen Nachkommen tragen die Veränderung in allen Zellen. So entstand die Knockout-Maus, bei der ein einzelnes Gen gezielt stillgelegt ist. Für diese Technik erhielten Mario Capecchi, Martin Evans und Oliver Smithies 2007 den Medizin-Nobelpreis. Bis dahin war bereits etwa die Hälfte aller Mausgene auf diesem Weg ausgeschaltet worden.

Genschere im Embryo. Heute werden Cas9 und die Guide-RNA meist direkt in die befruchtete Eizelle gebracht. Das geht schneller, trifft eine gewünschte Stelle und funktioniert auch bei Arten, für die es keine brauchbaren Stammzellkulturen gibt. Der Haken: Schneidet die Schere erst nach der ersten Zellteilung, tragen nicht alle Zellen dieselbe Veränderung – das Tier ist ein Mosaik.

Eine vierte Möglichkeit kombiniert Gentechnik und Klonen: Man verändert Zellen in der Kulturschale, prüft sie und erzeugt daraus per Zellkerntransfer ein Tier mit genau dieser Veränderung. So entstand 1997 das Schaf Polly, das ein menschliches Gen für einen Blutgerinnungsfaktor trug. Bei großen Nutztieren ist dieser Weg bis heute üblich.

Merke

Damit eine Veränderung in allen Zellen steckt und vererbt wird, muss sie in die Keimbahn gelangen – also in die befruchtete Eizelle oder in Zellen, aus denen später Keimzellen hervorgehen. Die Mikroinjektion baut Gene zufällig ein, ES-Zellen und Genschere arbeiten gezielt.

Wofür werden transgene Tiere genutzt?

Forschung. Das ist mit Abstand das größte Einsatzfeld. Schaltet man ein Gen aus und beobachtet, was dann fehlt, erfährt man, wofür es zuständig ist. Mehr als fünfhundert Mauslinien dienen als Modelle für menschliche Krankheiten, von Diabetes bis zu neurodegenerativen Erkrankungen.

Arzneimittel aus Tiermilch. Baut man ein menschliches Gen zusammen mit einem Schalter ein, der nur in der Milchdrüse aktiv ist, geben die Tiere das Protein mit der Milch ab. In der EU wurde 2006 mit ATryn das erste solche Medikament zugelassen: ein Gerinnungshemmer aus der Milch transgener Ziegen. Der Hersteller nahm es 2018 aus kommerziellen Gründen vom Markt. Noch zugelassen ist Ruconest (seit 2010), ein Wirkstoff gegen eine erbliche Schwellungskrankheit, der aus der Milch transgener Kaninchen gewonnen wird. Die meisten gentechnisch hergestellten Arzneimittel stammen allerdings nicht von Tieren, sondern aus Zellkulturen und Bakterien – Beispiele dafür sammelt die Seite Gentechnik im Alltag.

Lebensmittel. 2015 ließ die US-Behörde FDA den AquAdvantage-Lachs zu – einen Atlantischen Lachs mit einem Wachstumshormon-Gen des Königslachses und einem Schalter aus einem anderen Fisch, wodurch er schneller sein Schlachtgewicht erreicht. Erlaubt war die Zucht nur in geschlossenen Anlagen an Land, mit ausschließlich weiblichen, unfruchtbaren Tieren. In den USA kam er 2021 in den Verkauf. Wirtschaftlich erfolgreich war er nicht: Die Herstellerfirma stellte die Produktion Ende 2024 ein und verkaufte ihre Anlagen. In der EU ist kein gentechnisch verändertes Tier als Lebensmittel zugelassen.

Medizin und Xenotransplantation. 2020 ließ die FDA das GalSafe-Schwein zu, dem ein Zuckermolekül auf der Zelloberfläche fehlt, auf das manche Menschen allergisch reagieren. Dieselbe Veränderung ist für Organübertragungen vom Tier auf den Menschen wichtig, weil das Immunsystem sonst sofort reagiert. 2022 erhielt ein schwer herzkranker Patient in den USA erstmals das Herz eines Schweins mit zehn gentechnischen Veränderungen. Er lebte damit zwei Monate. Die Forschung dazu läuft weiter, von einer Routinebehandlung ist sie weit entfernt.

Wusstest du?

Das Grün fluoreszierende Protein (GFP) aus einer Qualle wird in der Forschung als Leuchtmarker genutzt. Baut man es hinter den Schalter eines anderen Gens, leuchten genau die Zellen grün, in denen dieses Gen aktiv ist. Für die Entdeckung und Weiterentwicklung von GFP gab es 2008 den Chemie-Nobelpreis.

Grenzen, Tierwohl und offene Fragen

Die Verfahren sind aufwendig und wenig effizient. Für ein einziges Tier mit der gewünschten Veränderung braucht es viele behandelte Eizellen, viele Embryonen und Tiere, die sie austragen. Hinzu kommt, dass die Veränderung selbst Folgen haben kann, die niemand geplant hat – etwa wenn ein zufällig eingebautes Gen mitten in einem anderen landet.

  • Tierwohl: Viele Eingriffe, hormonelle Behandlungen, Tiere ohne die gewünschte Veränderung. Krankheitsmodelle sind zudem oft genau deshalb nützlich, weil die Tiere erkranken.
  • Ökologie: Entkommene Tiere könnten sich mit wilden Verwandten paaren. Deshalb die strengen Auflagen beim AquAdvantage-Lachs: Haltung an Land, nur unfruchtbare Weibchen.
  • Übertragbarkeit: Eine Maus ist kein Mensch. Ergebnisse aus Tiermodellen lassen sich nicht ungeprüft übertragen.
  • Akzeptanz: Gentechnik an Tieren wird deutlich kritischer gesehen als an Mikroorganismen. Die Argumente dazu findest du unter Gentechnik bei Tieren: Pro und Contra.

In Deutschland brauchen Tierversuche mit gentechnisch veränderten Tieren eine behördliche Genehmigung; auch die Zucht und Haltung solcher Linien ist meldepflichtig. Für Eingriffe in die menschliche Keimbahn gilt dagegen ein striktes Verbot.

Typische Fehler

  • „Transgene Tiere entstehen, indem man erwachsenen Tieren Gene spritzt.“ Nein. Der Eingriff muss am Anfang der Entwicklung stattfinden, sonst steckt die Veränderung nicht in allen Zellen und wird nicht vererbt.
  • „Jedes gentechnisch veränderte Tier ist transgen.“ Nur wenn fremde oder künstlich veränderte DNA eingebaut wurde. Ein mit der Genschere ausgeschaltetes Gen allein macht ein Tier nicht transgen.
  • „Knockout-Mäuse sind Klone.“ Nein. Sie sind gezielt veränderte Tiere; untereinander sind sie nicht genetisch identisch, außer man züchtet reinerbige Inzuchtlinien.
  • „In der EU gibt es gentechnisch veränderten Fisch im Handel.“ Nein. In der EU ist kein gentechnisch verändertes Tier als Lebensmittel zugelassen.
Vertiefung Oberstufe: Warum der Schalter wichtiger ist als das Gen

Ein Gen allein nützt nichts – es braucht einen Promotor, also die Steuersequenz davor, die festlegt, wann und wo es abgelesen wird. Genau hier liegt der Trick bei Arzneimitteln aus Tiermilch: Das menschliche Gen wird hinter den Promotor eines Milchproteins gesetzt. Dieser ist nur in der Milchdrüse und nur während der Laktation aktiv. Das Protein landet dadurch in der Milch und nicht im Blut des Tieres, wo es womöglich stören würde. Aus der Milch lässt es sich anschließend abtrennen und reinigen.

Ein zweites Problem der Mikroinjektion ist der Positionseffekt. Weil das Gen an einer zufälligen Stelle einbaut, hängt seine Aktivität stark von der Nachbarschaft ab: In dicht gepacktem Chromatin wird es kaum abgelesen, in anderen Bereichen dagegen sehr stark. Landet es mitten in einem anderen Gen, kann es dieses zerstören. Deshalb prüft man mehrere Tierlinien und wählt diejenige aus, die das Protein zuverlässig bildet und gesund ist. Bei der Methode über ES-Zellen oder die Genschere entfällt dieses Problem weitgehend, weil die Stelle vorher feststeht.

Noch ein Unterschied betrifft die Nachkommen: Nach einer Mikroinjektion trägt das Tier die Veränderung meist in allen Zellen, nach einem Umweg über ES-Zellen zunächst nur in einem Teil. Ob ein solches Mischtier die Veränderung überhaupt weitergeben kann, hängt davon ab, ob auch seine Keimzellen aus den veränderten Zellen hervorgehen. Deshalb folgt auf die Herstellung immer eine Zuchtphase mit genetischer Kontrolle über mehrere Generationen.

Fachbegriffe

transgen
Mit fremder oder künstlich veränderter DNA im Erbgut, in allen Zellen und vererbbar.
Mikroinjektion
Einspritzen von DNA in den Vorkern einer frisch befruchteten Eizelle.
Vorkern
Kern der Ei- oder Samenzelle in der befruchteten Eizelle, bevor beide verschmelzen.
Knockout
Gezielte Stilllegung eines bestimmten Gens.
Promotor
Steuersequenz vor einem Gen; bestimmt, wann und in welchem Gewebe es abgelesen wird.
Mosaik
Lebewesen aus Zellen mit unterschiedlichem Erbgut.
Xenotransplantation
Übertragung von Organen oder Geweben zwischen verschiedenen Arten.

Aufgaben

AFB I Wissen wiedergeben AFB II Anwenden AFB III Beurteilen

  1. AFB INenne drei Verfahren zur Herstellung veränderter Tiere und je einen Vor- und Nachteil.
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    Mikroinjektion: einfach und bei vielen Arten möglich, aber der Einbauort ist zufällig und die Ausbeute gering. ES-Zellen: die Veränderung lässt sich vorher prüfen und ist zielgenau, aber der Weg über Mischtiere und mehrere Zuchtgenerationen dauert lange und funktioniert vor allem bei Mäusen. Genschere im Embryo: schnell, zielgenau und bei vielen Arten möglich, aber es können Mosaike und unerwünschte Schnitte auftreten.

  2. AFB IIErkläre, warum DNA in die befruchtete Eizelle und nicht in Körperzellen eines erwachsenen Tieres gespritzt wird.
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    Aus der befruchteten Eizelle gehen durch Zellteilungen alle Zellen des Tieres hervor. Nur so trägt jede Zelle die Veränderung, einschließlich der Keimzellen, und das Tier gibt sie an seine Nachkommen weiter. Eine Veränderung in Körperzellen eines erwachsenen Tieres bliebe auf diese Zellen beschränkt und wäre nicht vererbbar.

  3. AFB IIErläutere am Beispiel eines Arzneimittels aus Tiermilch, welche Rolle der Promotor spielt.
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    Das menschliche Gen wird hinter den Promotor eines Milchproteins gesetzt. Dieser Promotor ist nur in der Milchdrüse und nur während der Milchbildung aktiv. Deshalb wird das Gen genau dort abgelesen, und das Protein erscheint in der Milch. Ohne passenden Promotor würde das Gen entweder gar nicht oder im falschen Gewebe abgelesen.

  4. AFB IIAnalysiere die Auflagen für den AquAdvantage-Lachs: Haltung nur in geschlossenen Anlagen an Land, nur weibliche und unfruchtbare Tiere. Begründe beide Auflagen.
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    Beide Auflagen sollen verhindern, dass sich die Veränderung in freier Natur ausbreitet. Die Haltung an Land mit mehrfachen Barrieren verhindert ein Entkommen. Falls doch ein Tier entkommt, kann es sich als unfruchtbares Weibchen nicht fortpflanzen und das Gen nicht an wilde Lachse weitergeben. Man spricht von physikalischer und biologischer Sicherung; sie ergänzen einander, weil keine der beiden allein hundertprozentig sicher ist.

  5. AFB IIIBeurteile, ob es gerechtfertigt ist, Tiere gentechnisch zu verändern, um menschliche Krankheiten zu erforschen. Beziehe Tierwohl, Nutzen und Alternativen ein.
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    Dafür spricht: Viele Erkenntnisse über Krankheiten und viele Therapien stammen aus solchen Modellen; Alternativen wie Zellkulturen oder Organoide bilden ein ganzes Lebewesen bisher nicht vollständig ab. Dagegen spricht: Tiere werden belastet und erkranken teilweise absichtlich; viele Tiere werden hergestellt, ohne gebraucht zu werden; Ergebnisse lassen sich nicht immer auf den Menschen übertragen. Eine begründete Position sollte das Prinzip der drei R (Vermeiden, Verringern, Verbessern), die Genehmigungspflicht und mögliche Ersatzmethoden einbeziehen und sagen, unter welchen Bedingungen sie Versuche für vertretbar hält.

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Quellen & Stand

Stand: Oktober 2026.

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